Ratgeber

Wer kann, steuert gegen Inflation steigt, Europa fällt

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Die Inflation ist zurück.

(Foto: imago/Becker&Bredel)

Während die EZB-Politik unter Mario Draghi auf Ausgewogenheit bedacht und damit besser als ihr Ruf war, gibt es unter Christine Lagarde keine Grenzen mehr. Nicht nur die deutsche Wirtschaft ist bedroht, sondern die EU als Ganzes wird die jetzt eingeschlagene Geldpolitik nicht überleben.

Unbegrenzter Zugriff auf Geld bedeutet die eigentliche Macht - und die Hoheit über die Geldschöpfung und die Steuerung der Geldmenge liegen im Euro-Raum exklusiv bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Begrenzt wurde diese Macht jedoch durch das Mandat der EZB: Ihre Geldpolitik musste einer Begrenzung der Inflation auf 2 Prozent pro Jahr dienen.

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Dr. Andreas Beck bewertet als unabhängiger Finanzmathematiker die Qualität von Vermögensverwaltungen. Daneben leitet er die Index Capital, welche für Banken und Fondsgesellschaften wissenschaftlich fundierte Portfoliomodelle entwickelt.

Digitalisierung, Globalisierung, steigende Effizienz in der Produktion, niedriges Lohnwachstum - in den letzten zehn Jahren waren niedrige Inflationsraten zwangsläufige Folge der volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Zentralbanken der Industriestaaten hätten sich in einem solchen Umfeld zurücknehmen können. Niedrige Leitzinsen und ansonsten das Pulver trocken halten, das hätte der eigentlichen Aufgabe und Zielstellung einer EZB entsprochen. Stattdessen kam es anders. Der fehlende Inflationsdruck wurde im Sinne eines Freibriefs zur Machtausweitung interpretiert. Solange die Inflationsrate trotz scheinbar beliebiger Ausweitung der Geldmenge kleiner 2 Prozent geblieben ist, konnte die EZB zum wichtigsten politischen Akteur im Euro-Raum werden.

Wechselkurs DM/US-Dollar

(Foto: Refinitiv Datastream, Institut für Vermögensaufbau (IVA) AG)

Kritiker des Euro haben die EZB dafür angegriffen, allerdings ist die Sache so einfach nicht. Globalisierung bedeutet eine Internationalisierung der Lieferketten und das wiederum setzt niedrige Währungsschwankungen innerhalb der Industriestaaten voraus. Nach dem Scheitern von Bretton Woods (mit dem Abkommen wurde das internationale Währungssystem mit dem US-Dollar als Leitwährung geschaffen) war der stark schwankende Wechselkurs zwischen US-Dollar und Deutscher Mark in diesem Sinne problematisch.

Wechselkurs Euro/US-Dollar

(Foto: Refinitiv Datastream, Institut für Vermögensaufbau (IVA) AG)

Seit der Einführung des Euro hingegen laufen beide Währung in einem überschaubaren Band. Möglich wurde dies durch eine Harmonisierung der Zentralbankpolitik. Betrachtet man die Maßnahmen der EZB, dann waren diese letztendlich im Gleichklang mit der US-Notenbank Fed und Co.

Zeiten niedriger Teuerungsraten vorbei

Jetzt ist die Inflation zurück, kurzfristig liegen wir in Deutschland bei Werten um 5 Prozent. Die EZB weist darauf hin, dass dies auf diverse Effekte im Zusammenhang mit Corona zu tun hat. Diese Effekte sind kurzfristig und werden nächstes Jahr abebben. Als nachhaltiger Inflationstreiber werden jedoch die politisch geforderten höheren Energiepreise dafür sorgen, dass die Zeiten einer natürlichen niedrigen Inflation vorbei sind. Betrachtet man den Warenkorb, so besteht dieser im Wesentlichen aus Energie und Arbeit (Rohstoffe herzustellen, zu recyclen und weiterzuverarbeiten ist auch im Wesentlichen eine Energiefrage). Nicht nur die Energie wird teurer, erste Regierungen in Europa fangen auch damit an, daraus notwendige Lohnerhöhungen abzuleiten.

Insgesamt ist es offensichtlich, dass das Ziel der CO2-Neutralität zu deutlich höheren Inflationsraten führen wird. Ob diese tendenziell bei 3 oder doch näher bei 5 Prozent liegen, lässt sich nicht prognostizieren. Kleiner als 2 Prozent erscheint jedoch außer Reichweite.

Wer kann, steuert gegen die Inflation

Wäre die EZB noch eine unabhängige Zentralbank mit dem Ziel der Geldwertstabilität, dann hätte sie jetzt wie die Fed und andere den Aufkauf von Staatsanleihen auslaufen lassen müssen. Daneben wäre es notwendig, die kurzfristigen Leitzinsen zumindest moderat zu erhöhen. Beides wird laut EZB erstmal nicht passieren. Konkret wird diese neue Situation dazu führen, dass die Politik der Zentralbanken der Industriestaaten nicht mehr im Gleichklang laufen. Wer kann, steuert gegen die Inflation.

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Betrachtet man die Landschaft von Australien bis zu den USA, dann scheint die Europäische Zentralbank eine der wenigen zu sein, die weiter eine massive Geldmengenausweitung planen. Wechselkursverluste des Euro zum US-Dollar würden die Inflation jedoch erst recht anheizen - die EU und insbesondere der Euro-Raum steht vor enormen Spannungen. Man könnte es mit einem Zitat des berühmten Investors Warren Buffett beschreiben: "Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Badehose geschwommen ist".

Dr. Andreas Beck bewertet als unabhängiger Finanzmathematiker die Qualität von Vermögensverwaltungen. Unter anderem testet er zusammen mit n-tv seit über zehn Jahren die Portfolios der führenden Privatbanken in Deutschland. Sein neuestes Buch "Erfolgreich wissenschaftlich investieren" kann auf www.globalportfolio-one.de kostenlos heruntergeladen werden.

Quelle: ntv.de

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