Ratgeber

In Sicherheit feiern Mit Pfefferspray durch die Silvesternacht?

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(Foto: imago/Winfried Rothermel)

Die gefühlte Bedrohung in Deutschland nimmt zu. Viele wollen sich deshalb besser vor Übergriffen schützen - unter anderem mit Reizgas oder Pfefferspray. Doch die vermeintliche Selbstverteidigung kann nach hinten losgehen. Körperlich wie auch juristisch.

Die massiven sexuellen und diebischen Übergriffe in der Silvesternacht letzten Jahres sind noch in unguter Erinnerung - der Reflex, die eigene Sicherheit mithilfe von Abwehrstoffen zu erhöhen, liegt im Trend. Manch einer möchte sogar zu größeren und tödlichen Kalibern greifen, doch begnügen sich viele gezwungenermaßen mit freiverkäuflichen Produkten wie Pfefferspray und Reizgas (CS-Tränengas). So ist der Absatz entsprechender Waren sprunghaft angestiegen. Der Handel wittert seine Chance, an den Ängsten der Menschen mitzuverdienen. Seit einigen Monaten gibt es Pfefferspray selbst bei der Drogeriemarktkette dm. Dieses wird aus Chili gewonnen, ist organischen Ursprungs und eigentlich zur Tierabwehr gedacht. Reizgas ist hingegen auf chemischen Komponenten aufgebaut.

Aber selbst wenn es legal ist, die Produkte zu erwerben und zur eigenen Beruhigung mit sich zu führen (bei anzumeldenden Versammlungen ist dies allerdings nicht erlaubt): Im Ernstfall kann deren Einsatz problematisch sein. So benötigt der Besitzer im konkreten Fall die nötige Ruhe und Kenntnis, die Sprays richtig anzuwenden. Misslingt dies, kann der versuchte Einsatz der Abwehrstoffe eine Situation auch verschärfen und zudem das zur Selbstverteidigung gedachten Produkt gegen einen selbst gerichtet werden. Kurz: Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Denn selbst wenn mittels Reizgas oder Pfefferspray die Abwehr eines Angreifers gelingen sollte, kann dies für den Nutzer der Abwehrstoffe juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Beispielsweise in einer Anzeige und Verurteilung wegen Körperverletzung. Denn die Sprays können neben Verletzungen der Augen und Schleimhäute auch insbesondere bei Asthmatikern zu erheblichen Komplikationen führen. So verwundert es nicht, dass die Polizei ungeachtet des subjektiven Bedrohungsgefühls vor einer persönlichen Bewaffnung jedweder Art abrät.

Gesunder Menschenverstand ist der beste Schutz

Zwar ist es grundsätzlich zulässig, sich gegen einen Angreifer zur Wehr zur setzen und sich in Notwehr zu verteidigen. Aber es muss dazu das relativ mildeste Mittel gewählt werden. Und dies richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls. Eine sexuelle Nötigung oder ein Angriff auf die körperliche Integrität rechtfertigt den Einsatz der Abwehrstoffe zwar grundsätzlich, dennoch muss die Abwehrmaßnahme verhältnismäßig sein. Hierbei ist zu beachten, wie gefährlich der Angriff tatsächlich ist und welche entsprechenden Verteidigungsmaßnahmen dem Opfer zur Verfügung stehen.

Grundsätzlich gilt: Je gefährlicher ein Angriff ist, umso heftigere Abwehrmaßnahmen sind erlaubt. Wer allerdings meint, einen unerwünschten Flirtversuch allzu drastisch mit Pfefferspray oder Reizgas zu unterbinden, muss auch mit einer Anklage rechnen. Im konkreten Fall hat dann ein Richter darüber zu entscheiden, ob der Einsatz der Abwehrmaßnahme angemessen war und tatsächlich eine Notwehrsituation vorlag.

Fazit: Niemand sollte sich auf die vermeintliche Sicherheit durch Pfefferspray oder Reizgas verlassen, der Einsatz von Abwehrmaßnahmen muss gut überlegt sein. Flucht, wenn sie denn möglich ist, ist zweifellos die bessere Alternative bei Bedrohung. Oder noch besser: Bedrohlichen oder nicht zu kalkulierenden Situationen sollte von vornherein aus dem Weg gegangen werden. Auch in einer Gruppe unterwegs zu sein gibt Sicherheit. Zugegeben, derlei Ratschläge klingen langweilig und besonders für die Silvesternacht ernüchternd. Aber gesunder Menschenverstand ist tatsächlich meist der beste Schutz.     

Quelle: ntv.de