Ratgeber

Radioaktive Gefahr Sollte man sich jetzt mit Jodtabletten eindecken?

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Hoffentlich nicht nötig.

(Foto: imago/Steinach)

Der Brand rund um ein Atomkraftwerk in der Ukraine macht Sorgen vor steigender radioaktiver Belastung. Davor können Jod-Tabletten schützen. Ob es sinnvoll ist, sich mit diesen nun zu bevorraten, wann es Zeit für die Einnahme ist und welche Nebenwirkungen auftreten können, lesen Sie hier.

In der Nacht brennt es rund um das größte Atomkraftwerk Europas in der Ukraine. Dieses konnte gelöscht werden, zu einer erhöhten radioaktiven Strahlungsbelastung soll es nicht gekommen sein. Die Reaktorblöcke waren laut ukrainische Atomaufsichtsbehörde nicht betroffen. Doch die Sorge vieler Menschen vor einer nuklearen Katastrophe nehmen zu.

Zum Schutz vor einer damit verbundenen radioaktiven Strahlung wird unter anderem die Einnahme von Jodtabletten empfohlen. Und die Nachfrage steigt, viele Haushalte decken sich mit Jod-Präparaten ein. Doch wie sinnvoll ist das? Die kurze Antwort: Es ist nicht sinnvoll. Alle weiteren Fragen und Antworten zum Thema:

Was ist Jod?

Jod zählt zu den Spurenelementen. Es ist Bestandteil des Schilddrüsenhormons Thyroxin und besitzt damit eine zentrale Bedeutung für die Funktionsfähigkeit des Stoffwechsels.

Wozu benötigt der Körper Jod?

Die Schilddrüse benötigt Jod, um lebenswichtige Schilddrüsenhormone zu produzieren. Das benötigte Jod gibt es in der Natur. Dieses wird über die Atemluft, die Nahrung und Getränke aufgenommen. Dieses natürliche Jod ist nicht radioaktiv.

Wieso schützt Jod vor Radioaktivität?

Im Betrieb eines Kernkraftwerkes entsteht bei der Kernspaltung neben anderen radioaktiven und nicht-radioaktiven Stoffen auch radioaktives Jod. Bei einem Unfall kann es zur Freisetzung von Letzterem kommen. Radioaktives Jod hat grundsätzlich die gleichen Eigenschaften wie natürliches Jod. Es wird daher wie natürliches Jod vom Körper aufgenommen und in der Schilddrüse eingelagert, was schlecht ist. Die vom radioaktiven Jod ausgehende Strahlung kann die Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenkrebs erhöhen, besonders bei Kindern und Jugendlichen.

Werden jedoch rechtzeitig Tabletten mit einer hohen Konzentration nicht-radioaktiven Jods eingenommen, wird die Schilddrüse mit diesem "gesunden" Jod so gesättigt und kann kein radioaktives Jod mehr aufnehmen. Durch diese "Jodblockade" wird also die Einlagerung des radioaktiven Jods in der Schilddrüse verhindert.

Gibt es dafür Belege?

Ja. Der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 war der einzige Unfall in einem Kernkraftwerk, der eine Jodblockade zum Schutz der Bevölkerung erforderte. In Polen, dessen Bevölkerung damals vom Durchzug der radioaktiven Wolke besonders betroffen war, wurde beschlossen, nicht-radioaktives Jod - insbesondere an Kinder - zu verteilen. 10,5 Millionen Kinder und 7 Millionen Erwachsene wurden mit Jod behandelt. Die positive Wirkung der Jodblockade wurde durch Nachuntersuchungen bestätigt. Bei den behandelten Personen gab es keinen Anstieg der Schilddrüsenkrebshäufigkeit. In Weißrussland hingegen - wo keine Jodblockade durchgeführt wurde - ist nach der Tschernobyl-Katastrophe der Schilddrüsenkrebs bei Kindern, der sonst extrem selten vorkommt, hundertmal häufiger aufgetreten.

Wichtig: Die Einnahme von Jodtabletten schützt nur die Schilddrüse vor der Aufnahme von radioaktivem Jod. Jodtabletten schützen nicht vor Strahlung, die von außerhalb den Körper trifft oder vor den Wirkungen anderer radioaktiver Stoffe, die in den Körper aufgenommen werden

Wann sollte Jod eingenommen werden?

Da die Schilddrüse im ständigen Wechsel Jod aufnimmt und es auch wieder abbaut, ist der richtige Zeitpunkt der Einnahme der Jodtabletten die Grundvoraussetzung dafür, dass die Jodblockade funktioniert. Werden die Jodtabletten zu spät eingenommen, kann radioaktives Jod zuvor von der Schilddrüse aufgenommen werden. Werden die Jodtabletten zu früh genommen, dann ist das zugeführte nicht-radioaktive Jod schon wieder ganz oder teilweise abgebaut. In beiden Fällen wirkt die Jodblockade entweder gar nicht oder nur vermindert.

Die Katastrophenschutzbehörden haben bei einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk als Erste alle notwendigen Informationen über die Freisetzung von radioaktivem Jod und dessen Ausbreitung in der Umgebung. Daher können nur die Katastrophenschutzbehörden entscheiden, ob eine Jodblockade erforderlich ist, und empfehlen, in welchen Gebieten zu welchem Zeitpunkt die Jodtabletten eingenommen werden sollen. Damit die Jodblockade optimal funktioniert, sollte daher den Mitteilungen und Empfehlungen der Katastrophenschutzbehörden unbedingt Folge geleistet werden. Die Behörde wird gegebenenfalls in ihrer Aufforderung an die Bevölkerung darauf hinweisen, welche Personengruppen die Tabletten einnehmen sollten.

Sollte man sich also jetzt mit Jodtabletten eindecken?

Nein. Tritt bei einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk radioaktives Jod in die Umwelt aus, erhält die Bevölkerung hierzulande im betroffenen Gebiet kostenlos Jodtabletten von den Behörden. Dabei handelt es sich um hoch dosiertes Jod in Form von Kaliumiodid-Tabletten. Laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz werden in Deutschland genügend Jodtabletten bereitgehalten, um die betroffene Bevölkerung - besonders Kinder und Jugendliche - gut zu versorgen.

Wie viele Jodtabletten werden bereitgehalten?

Demnach sind in Deutschland 189,5 Millionen Kaliumiodidtabletten in den Bundesländern bevorratet, die bei einem Ereignis, bei dem ein Eintrag von radioaktivem Jod in die Luft zu erwarten ist, in den möglicherweise betroffenen Gebieten durch die Katstrophenschutzbehörden verteilt werden. Bis zu einer Entfernung von circa 100 Kilometern im Umkreis eines Kernkraftwerkes ist die Verteilung von Jodtabletten an Personen bis 45 Jahren, darüber hinaus für das gesamte Bundesgebiet an Schwangere und Kinder und Jugendliche vorbereitet.

Muss man sich wegen des derzeitigen Standes der Ukraine-Krise auf eine Jodeinnahme einstellen?

Aufgrund der Entfernung zur Ukraine ist nicht damit zu rechnen, dass eine Einnahme der behördlichen Jodtabletten erforderlich werden könnte. Von einer selbständigen Einnahme der Tabletten wird dringend abgeraten. Eine Selbstmedikation birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, hat aktuell aber keinerlei Nutzen.

Wichtig: Hoch dosierte Kaliumiodid-Tabletten dürfen nicht mit den Jodtabletten verwechselt werden, die zur Behandlung von Schilddrüsenkrankheiten vom Arzt verschrieben werden oder als Nahrungsergänzungsmittel zu erwerben sind. Die Menge an Jod in diesen vom Arzt verschriebenen Tabletten oder frei verkäuflichen Präparaten ist viel zu gering, um sie zur Jodblockade einzusetzen. Denn bei einem Ernstfall muss die Dosis bis zu tausend Mal höher sein.

Umgekehrt dürfen die Jodtabletten, die zur Jodblockade eingenommen werden, wegen ihrer hohen Jodmenge nicht zur Behandlung von Schilddrüsenkrankheiten verwendet werden. Die entsprechenden Kaliumiodid-Tabletten dürfen zur Sicherheit nur nach Empfehlung durch die Katastrophenschutzbehörden bei einem Unfall in einem Kernkraftwerk eingenommen werden.

Wer sollte im Ernstfall Jodtabletten einnehmen?

Dies hängt vom Alter und Aufenthaltsort der betroffenen Personen ab.

A) Aufenthaltsort

Die Gebiete, in denen die Einnahme von Jodtabletten bei einem Unfall in einem Kernkraftwerk notwendig sein könnte, werden in Abhängigkeit vom Abstand zum Kernkraftwerk und von der Richtung, in die die radioaktive Wolke zieht, festgelegt. Computergestützte Ausbreitungsrechnungen für schwere Unfälle in Kernkraftwerken zeigen, dass die Einnahme von Jodtabletten insbesondere für Kinder auch in einem Bereich von über 100 Kilometern Entfernung notwendig sein kann. Bei Forschungsreaktoren ist der Radius aufgrund des geringeren Freisetzungspotentials für radioaktives Jod deutlich geringer.

B) Das Alter

Kinder und Jugendliche sind aufgrund der Entwicklung und Empfindlichkeit der Schilddrüse die Hauptzielgruppe bei der Einnahme von Jodtabletten. Ihr Körper befindet sich in seiner Wachstumsphase und benötigt für die Steuerung von Lebensprozessen wesentlich mehr Schilddrüsenhormone als ein Erwachsener. Die Schilddrüse von Kindern ist daher deutlich aktiver und es wird im Vergleich zum Erwachsenen wesentlich mehr Jod in die Schilddrüse aufgenommen. Hinzu kommt, dass die Schilddrüse von Kindern kleiner ist als von Erwachsenen. Kommt es also bei Kindern zur Aufnahme von radioaktivem Jod, so führt dies im Vergleich zum Erwachsenen zu einer wesentlich höheren Belastung des kindlichen Schilddrüsengewebes.

Da etwa ab der 12. Schwangerschaftswoche auch das ungeborene Kind Jod in die Schilddrüse aufnimmt, schützen Schwangere durch die Einnahme von Jodtabletten ihr Kind vor den möglichen Folgen durch radioaktives Jod. Jod wird während der Stillzeit in individuell unterschiedlicher Menge in die Muttermilch abgegeben. Da hierdurch eine ausreichende Jodblockade beim gestillten Kind jedoch nicht sicher gewährleistet ist, sollen auch Neugeborene beziehungsweise Säuglinge Jodtabletten erhalten.

Die Altersgruppe der 18- bis 45-Jährigen ist weniger anfällig als Kinder und Jugendliche. Daher kann es sein, dass Kindern die Einnahme von Jodtabletten empfohlen wird, Erwachsenen jedoch nicht. Es sollte sich im konkreten Fall nach den Empfehlungen der Behörden gerichtet werden.

Über 45-Jährige sollten gemäß den Empfehlungen der Strahlenschutzkommission von einer Einnahme der Jodtabletten absehen. Mit steigendem Alter treten häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auf. Eine solche sogenannte funktionelle Autonomie erhöht die Gefahr von Nebenwirkungen einer Jodblockade. Zudem nimmt mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit stark ab, an durch ionisierende Strahlung verursachtem Schilddrüsenkrebs zu erkranken.

Wie hoch ist die Dosierung der behördlichen Jodtabletten?

  • Kinder bis zu einem Alter von einem Monat sollen nach Aufforderung durch die Katastrophenschutzbehörde eine Dosis von 16,25 Milligramm (mg) Kaliumiodid zu sich nehmen. Dies entspricht einem Viertel einer Tablette.
  • Säuglinge und Kleinkinder im Alter zwischen einem Monat und drei Jahren sollen eine Dosis von 32,5 mg Kaliumiodid zu sich nehmen. Dies entspricht einer halben Tablette.
  • Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren sollen 65 mg Kaliumiodid einnehmen. Dies entspricht einer ganzen Jodtablette.
  • 13- bis 45-Jährige sollen zum Schutz vor radioaktivem Jod zwei Jodtabletten beziehungsweise eine Dosis von 130 mg Kaliumiodid einnehmen.
  • Schwangere und Stillende sollen unabhängig vom Lebensalter zwei Jodtabletten mit einer Dosierung von insgesamt 130 mg Kaliumiodid einnehmen. Schwangeren wird außerdem geraten, ihren Arzt über die Einnahme der Jodtabletten zu verständigen. Er wird daraufhin die Schilddrüsenvorsorgeuntersuchung des Neugeborenen besonders im Auge behalten.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Werden die Tabletten auf nüchternen Magen eingenommen, kann dies eine Reizung der Magenschleimhaut verursachen. Nach der Einnahme von Jodtabletten können in seltenen Fällen allergische Reaktionen auftreten. Hierzu gehören: Hautausschlag, Jucken und Brennen der Augen, Schnupfen, Reizhusten, Durchfall, Kopfschmerzen, Fieber oder ähnliche Symptome.

Mehr zum Thema

In Einzelfällen kann es nach der Einnahme der Jodtabletten zu einer jodbedingten Schilddrüsenüberfunktion kommen. Anzeichen dafür können ein erhöhter Puls, Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit, Zittrigkeit, Durchfall oder Gewichtsabnahme sein. Sollten Sie diese Beschwerden bei sich feststellen, suchen Sie Ihren Arzt auf. Personen, die an einer Überfunktion der Schilddrüse leiden oder litten, sollten Jodtabletten erst nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt einnehmen.

Das sollten Sie als Notvorrat zu Hause haben.

Quelle: ntv.de, awi

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