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USA erhöhen die Zinsen Steigen die Zinsen jetzt auch in Deutschland?

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Seriöse Prognosen, wohin die Zins-Reise geht, lassen sich derzeit nur schwer treffen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Leitzinsen in den USA steigen. Das sorgt auch hierzulande für Unruhe. Naht womöglich das Ende der Niedrigzinsphase?

Sie hat es wieder getan. US-Notenbankchefin Janet Yellen hob vergangene Woche die Leitzinsen an. Um 0,25 Prozentpunkte. Es war die zweite Erhöhung innerhalb von nur drei Monaten. Viele Beobachter sehen darin ein Indiz dafür, dass die USA das Ende der Niedrigzinsphase einläuten. Möglich wäre das. Doch heißt das automatisch, dass auch in Europa und Deutschland die Zinsen anziehen?

Die Antwort ist ein klares Jein. Die große Trendwende wird zwar noch eine Weile auf sich warten lassen. Langfristige Darlehen könnten sich aber schon bald verteuern.

Fed hier – EZB dort

Nicht nur die Nachrichten aus Übersee beeinflussen den hiesigen Zinsmarkt. Auch in Europa tut sich etwas. Zum Beispiel bei der Inflationsrate. Mit durchschnittlich 2,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr stieg sie Anfang des Jahres so stark wie zuletzt im Januar 2013. Da die Preissteigerungen überwiegend auf höheren Öl- und Lebensmittelpreisen beruhen, besteht aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) jedoch noch kein Handlungsbedarf. Die Währungshüter setzen eher darauf, dass Öl und Essen wieder billiger werden. Dann dürfte sich die Inflationsrate bei etwa einem Prozent einpendeln. Und das ist zu wenig für eine Zinserhöhung. Noch jedenfalls.

Nicht unterschätzen sollte man auch die Bedeutung der politischen Großwetterlage in Europa. Die erste Schicksalswahl dieses Jahres, die Wahl in den Niederlanden, ist zwar glimpflich ausgegangen. Wenn die Franzosen allerdings Marine Le Pen zur Regierungschefin wählen, könnte das für neue Unsicherheit sorgen. Gleiches gilt, wenn es bei der Bundestagswahl in Deutschland zu unerwarteten Machtverschiebungen kommen sollte. Leichte Zinsanhebungen oder Risikoaufschläge auf deutsche Staatspapiere sind daher im Vorfeld der Wahl nicht ausgeschlossen.

Keine klare Linie

Seriöse Prognosen, wohin die Reise geht, lassen sich derzeit allerdings nur schwer treffen. Betrachtet man den Verlauf der Bundesanleihen in den vergangenen Monaten, gibt es keine eindeutige Richtung. Ein paar Wochen lang steigt die Rendite, im nächsten Moment geht es schon wieder nach unten.

Die Pfandbriefe und damit auch die Hypothekenzinsen reagieren zwar nicht ganz so schwankend auf den Markt. Bei längeren Laufzeiten hat sich in den vergangenen Monaten allerdings ein Trend abgezeichnet. Er weist auf eine leichte Zinsanhebung hin. Auch die Zinsdifferenz zwischen Darlehen mit festen Zinsbindungen von 10 und 20 Jahren ist im vergangenen Vierteljahr gestiegen – von durchschnittlich 0,67 auf nun 0,77 Prozentpunkte im Mittel.

Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.

Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.

Ein weiterer Faktor ist die Furcht vor einem Wiederaufflammen der Euro-Krise: Die aktuellen Sorgenkinder sind Portugal und Italien. Sollte sich die Lage hier verschärfen, wäre ein erneutes Absacken der Zinsen nicht ausgeschlossen: In der Vergangenheit jedenfalls führten wirtschaftliche oder politische Probleme bei den europäischen Nachbarn (Griechenland, Italien) für Deutschland immer zu neuen Zinstiefs.

Vieles kann, nichts muss

Was also bedeutet die Zinsanhebung in den USA konkret? Bei den kurzfristigen Anlagezinsen wird sich wohl erst einmal gar nichts tun. Kurzfristige Zinsen werden vor allem durch die Leitzinsen und die Geldpolitik der EZB beeinflusst. Ausnahme könnten einzelne Festgeldangebote von europäischen Banken sein, die nur über Vermittler zu haben sind.

Anders sieht es bei langlaufenden Angeboten aus. Wegen der höheren US-Zinsen fließt verstärkt Geld nach Übersee. Das fehlt hier in Europa und verteuert die langen Laufzeiten auch bei uns.

Kunden, die eine Immobilienfinanzierung brauchen, raten wir deshalb, den Vertrag zügig unter Dach und Fach zu bringen. Besonders erfreulich für Anschlussfinanzierer: Trotz bereits erhöhter Forward-Zinsen findet man im FMH-Forward-Vergleich immer wieder verbilligte Angebote, die eine Entscheidung für einen gezielten vorzeitigen Vertragsabschluss erleichtern. Es wäre zu spekulativ, nochmals auf extreme Zinssenkungen zu setzen. Zwar ist es nicht ausgeschlossen, dass sich die Zinsen nochmals um 0,25 Prozentpunkte verbilligen. Den Tiefststand von 1,02 Prozent im Herbst 2016 werden wir aber nicht mehr erreichen. Stattdessen ist zu befürchten, dass die Hypothekenzinsen um bis zu 0,5 Prozentpunkte steigen. Wer zu lange wartet, riskiert also einiges.

Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.

Quelle: n-tv.de

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