Sport

Box-Sensation vor 20 Jahren Als Vitali Klitschko seinen Ruf zerstörte

imago00192154h.jpg

Klitschko lag in Führung, als er aufgab.

Es wirkt wie ein Aprilscherz, doch es passiert wirklich: Vor 20 Jahren liegt Boxer Vitali Klitschko im Kampf um die WM klar in Führung. Doch dann gibt er auf. Seine Karriere gerät ins Stocken - doch drei Jahre später folgt in Los Angeles die Wiedergutmachung.

Den 5.700 Zuschauern im Estrel Convention Center von Berlin muss es wie ein schlechter Aprilscherz vorgekommen sein. Und auch HBO-Kommentator Larry Merchant konnte am späten Abend des 1. April 2000 "kaum glauben, was ich gerade gesehen habe". Vitali Klitschko, 2,01 Meter groß, WBO-Champion im Schwergewicht, in 27 Kämpfen immer K.o.-Sieger, hatte gegen Herausforderer Chris Byrd (1,88 Meter) kurz vor dem Gong zur zehnten Runde aufgegeben - trotz klarer Führung.

Die Szene wirkt auch 20 Jahre später noch unwirklich: Wie Trainer Fritz Sdunek in der Ringecke sagt: "Er kann nicht mehr, es ist vorbei." Wie Klitschko sich von seinem Schemel erhebt - konsterniert, hilflos, ein geschrumpfter Riese. Wie der Ringrichter zum Feierabend winkt und Sieger Byrd einen Jubelanfall erleidet.

imago00192163h.jpg

Byrd jubelt, Klitschko verlässt den Ring mit gesenktem Haupt.

Die Halle war verständlicherweise baff - und der ebenfalls ungläubige Merchant polterte los. "Er hat nicht die Mentalität eines Champions. Ich bin sprachlos. Alles, was er tun musste, war noch ein paar Runden stehen zu bleiben, defensiv spielen und den Kampf gewinnen", fauchte der Kommentatoren-Veteran in sein Mikro.

In der Tat: Vitali Klitschko hätte gegen den technisch zwar exzellenten, dafür aber nicht sonderlich schlaggewaltigen Byrd nur noch drei Runden über die Bühne bringen müssen und er wäre Weltmeister geblieben. Bei den drei Punktrichtern lag "Dr. Eisenfaust" zum Zeitpunkt des Abbruchs haushoch vorne (zweimal 88:83, einmal 89:82). Trotzdem zogen Sdunek und Klitschko die Notbremse. In der preisgekrönten Dokumentation "Klitschko" (2011) erzählte Vitali Jahre später, er habe vor lauter Schmerzen kaum mehr sehen können.

Klitschko gilt nun als jemand, der aufgibt

"Die Gesundheit geht vor", begründete Sdunek im Nachgang der Pleite die Entscheidung zur Aufgabe. Der Trainer stützte sich auf das medizinische Bulletin, das dem Ukrainer einen Riss in der Rotatormanschette der linken Schulter attestierte.

Der Livesport steht still, die Coronavirus-Krise stoppt die Ligen, Wettkämpfe sind abgesagt. Auf Sport aus dem TV muss trotzdem niemand verzichten, schließlich gibt es Aufzeichnungen von historischen Ereignissen. Wir schreiben die schönsten, traurigsten, eindrücklichsten Momente auf und erleben sie noch einmal.


Diese Liste wird mit jeder neuen Folge aktualisiert.

Dass Wladimir Klitschko seinem bedröppelten Bruder eilig zur Seite sprang und betonte, "ohne linken Arm kann man nicht gegen einen Rechtsausleger (Byrd ist Linkshänder, Anm. d. Red) boxen", juckte die US-Abordnung in Berlin freilich genauso wenig wie das ärztliche Attest des Faust-Doktors.

Bei HBO und den amerikanischen Boxfans galt Klitschko fortan als "Quitter", als Nicht-Kämpfer, der aussteigt, sobald es schmerzhaft wird. Im Faustkampf die schlimmste Sünde überhaupt. Nur die Harten kommen in den Box-Olymp: Wie Muhammad Ali, der 1972 mehrere Runden mit gebrochenem Kiefer gegen Ken Norton fightete. Wie Harry Greb, der im frühen 20. Jahrhundert das Mittelgewicht mit der Sehkraft nur eines Auges terrorisierte. Wie Jake LaMotta, der beim "St. Valentins-Massaker" des 14. Februar 1952 seinen Schädel den Fäusten von Sugar Ray Robinson so lange hinhielt, bis der Ringrichter sich erbarmte.

Für Klitschkos damalige Karriere-Planung kam der freiwillige Handtuchwurf gegen Byrd zur Unzeit. Der WBO-Weltmeister sollte im Jahr 2000 eigentlich gegen Box-Ikone Mike Tyson kämpfen, der damals die Rangliste der Drei-Lettern-Organisation anführte. Merchant und der HBO-Tross waren ja nur nach Berlin gereist, um den Ukrainer den damals 28 Millionen Abonnenten des Pay-TV-Kanals als K.o.-Maschine zu präsentieren. Pustekuchen.

Nach dem Berlin-Debakel war Klitschko erst einmal weg von der Bildfläche, Wladimir nahm den Platz des Klitschko-Hoffnungsträgers ein (und revanchierte sich noch im selben Jahr für den großen Bruder an Byrd).

Aus der Eisenfaust wird das Eisenkinn

Erst 2003 stellte Vitali seinen Ruf in den USA wieder her - und zwar grundlegend. Am 21. Juni forderte er in Los Angeles den unumstrittenen Schwergewichts-Weltmeister Lennox Lewis heraus. Klitschko war trotz Lewis' fortgeschrittenen Alters von 37 Jahren krasser Außenseiter. Fachleute wie Wettanbieter hatten die Niederlage gegen Byrd nicht vergessen. Im Staples Center kämpfte Vitali Klitschko an jenem Juni-Abend wie ein Besessener. Und das, obwohl ihm Lewis in Runde 3 die Haut über dem linken Augen derart aufschlitzte, dass man in die Wunde drei Finger hätten stecken können.

Unvergessen ist die Szene, wie der blutüberströmte Klitschko in Runde 6 einen monströsen rechten Aufwärtshaken von Lewis einsteckt und weitermacht, als sei nichts gewesen. Aus "Dr. Eisenfaust" wurde in der Stadt der Engel "Dr. Eisenkinn". Als der Ringrichter wenig später auf Anraten des Arztes das Duell beendete, war Klitschko außer sich. Er hätte weitergekämpft - bis zum letzten Tropfen.

imago44999773h.jpg

Klitschko verliert den Kampf, gewinnt aber an Respekt.

(Foto: imago images/Mary Evans)

Klitschko verlor in L.A. zwar den Kampf, aber er "gewann das Event", die Herzen der Fans, wie die HBO-Crew dieses Mal voller Respekt konstatierte.

"Er hätte nie ein zweites Mal aufgegeben"

"Er hat aus dem Byrd-Kampf gelernt", erklärte Trainer-Legende Teddy Atlas später der Box-Bibel "The Ring" Klitschkos herz- und heldenhafte Vorstellung: "Er hat gelernt, was es bedeutet, wenn ein Kämpfer aufhört, sich wie ein Kämpfer zu verhalten und aufgibt. Er fand heraus, was damit einhergeht, wie schwer es ist, damit zu leben. Gegen Lewis hat er wie jemand gekämpft, der das herausgefunden hat. Er hätte nie ein zweites Mal aufgegeben, egal wie schlimm der Cut auch war."

Wenn man Fans und Experten heute nach Erinnerungen an Vitali Klitschkos Karriere fragt, lautet die Antwort: Lennox Lewis, der Cut, das Blut. An den 1. April 2000 erinnern sich die wenigsten.

Quelle: ntv.de