Formel1

Vom Aussätzigen zum Liebling Der versteckte Sieg des Sebastian Vettel

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2020 bot für Vettel selten Grund zur Freude.

(Foto: HOCH ZWEI/Pool/COLOMBO IMAGES)

Als Erfolg geht die Formel-1-Saison 2020 sicher nicht in die Statistik des Sebastian Vettel ein. Und doch ist der vierfache Weltmeister nach einem miserablen Jahr irgendwie auch ein Gewinner. Denn ein Wandel des 33-Jährigen erscheint unübersehbar.

Vielleicht ist das Jahr 2020 gar kein so verlorenes für Sebastian Vettel. Trotz der schlechtesten Saison seiner Formel-1-Karriere. Trotz des unwürdigen 13. Platzes in der Fahrerwertung. Trotz des klar verlorenen Ferrari-internen Duells des Veteranen gegen den aufstrebenden Charles Leclerc. Und obwohl Sebastian Vettel beim Finale in Abu Dhabi einfach nur "ziemlich froh" darüber war, "dass es vorbei ist, um ehrlich zu sein". Was gibt es in einem solchen Jahr also überhaupt zu gewinnen?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Es ist der 22. September 2013, die Königsklasse des Motorsports gastiert in Singapur. Sebastian Vettel fährt für Red Bull und seinem vierten Weltmeistertitel entgegen. Auf dem anspruchsvollen Straßenkurs gelingt ihm von Startplatz eins aus eine der dominantesten Vorstellungen der jüngeren Formel-1-Historie. Der damals 26-Jährige führt - um die kurzzeitigen Verschiebungen der Boxenstopps bereinigt - das komplette Rennen an, ist phasenweise drei Sekunden pro Runde (!) schneller als die Konkurrenz, am Ende gewinnt er mit 32 Sekunden auf Fernando Alonso im Ferrari. Eine Ewigkeit in einer Sportart, die sonst in Tausendstelsekunden misst.

"Der letzte Pilot, bei dem ich eine solche Überleistung gesehen habe, war Ayrton Senna", sagt der damalige F1-Boss Bernie Ecclestone und muss dennoch mit ansehen, wie Vettel auf dem Podium von den Fans an der Strecke ausgebuht wird. Sportlich ist Vettel damals auf dem Höhepunkt, seine (internationale) Beliebtheit jedoch ist am Tiefpunkt. Weil er einerseits unfassbar dominant auftritt, kurz darauf seinen vierten Titel in Serie einfährt und die letzten neun Grands Prix der Saison 2013 gewinnt - das langweilt viele, auch weil niemand ahnt, wie sehr Mercedes von 2014 an bis heute dominieren würde.

Der ewige Makel?

Und andererseits, weil "die Fans denken, er hätte gelogen", wie es Eddie Jordan, der Gründer des gleichnamigen Rennstalls, formuliert. Es geht um den Großen Preis von Malaysia zu Saisonbeginn, als Vettel sich der Ansage der Red-Bull-Box ("Multi 21", also Webber mit der Startnummer 2 vor Vettel mit der Nummer 1) widersetzte und seinen in Führung liegenden Teamkollegen Mark Webber mit einem harten Manöver überholte. Es schien, als habe Vettel einen Ehrenkodex verletzt und sich zur Persona non grata gemacht. Weil er sich zunächst auch wenig einsichtig zeigte, näherte sich seine Popularität anschließend dem Nullpunkt.

Ein bisschen erinnerte die Situation an Michael Schumacher, der in den frühen Jahren seiner Karriere auch nicht unbedingt als Liebling seiner Konkurrenz und der Fans galt, zumindest außerhalb von Deutschland, da er auf der Strecke ebenso kompromisslos für den Sieg kämpfte - wie etwa 1994 in Adelaide beim Crash mit Damon Hill - und es dabei mit seinem unbändigen Ehrgeiz mitunter übertrieb wie 1997 in Jerez, als er nach dem Rammstoß gegen Jacques Villeneuve sogar komplett aus der WM-Wertung gestrichen wurde. Sowohl Schumacher als auch Vettel schüttelten diese Makel, bei denen schon die Worte Jerez und Multi 21 ausreichen, nie vollends ab.

Wobei sich an diesen Stellen immer auch die Frage stellt, wie sehr ein solcher Ehrgeiz und ein solcher Antrieb nicht auch notwendig und unverzichtbar sind auf dem Weg ganz nach oben. Ein schmaler Grat sicherlich, der immer mal wieder auch überschritten wird. Auf dem sich auch der Dominator des gerade beendeten Formel-1-Jahrzehnts, Lewis Hamilton, lange bewegte. Allesamt brillierten sie früh auf den Rennstrecken dieser Welt, machten sich dabei aber eben auch unbeliebt, sodass ihnen die entsprechende Anerkennung erst deutlich später zuteil wurde.

Lewis Hamilton ruft an

Was wiederum zurück in das Jahr 2020 führt, zu Sebastian Vettel, der sportlich zwar den Tiefpunkt erreichte, dessen Popularität allerdings selten größer gewesen sein dürfte. Mit jedem miesen Ergebnis wuchs das Mitgefühl, aus Häme wurde zunehmend Mitleid. Nicht nur, weil schon früh in der Saison deutlich wurde, dass die schwachen Leistungen nicht allein auf Vettels Inkonstanz zurückzuführen sind. Sondern vor allem auf den SF1000, den Ex-Weltmeister Nico Rosberg bei RTL als "unfahrbares Auto" charakterisierte.

Auch die Umstände seines nicht ganz freiwilligen Abschiedes bei Ferrari trugen dazu bei, dass Vettel an Sympathien gewann. Denn die Version der "einvernehmlichen Trennung", die die Scuderia zunächst verbreitete, bestritt Vettel im exklusiven RTL/ntv-Interview vor dem Saisonstart in Österreich vehement. "Es gab keine Diskussionen" über einen neuen Vertrag, "kein Angebot", stattdessen habe ihm Ferrari telefonisch mitgeteilt, "dass das Team nicht gewillt ist, weiterzumachen". Damit "war das Thema dann auch durch".

So wurde aus der Nicht-Verlängerung zum Saisonende in der öffentlichen Wahrnehmung eher ein Rauswurf, bei dem natürlich die Sympathien viel eher beim Rausgeworfenen liegen als beim Rauswerfenden. So bitter die Situation für Vettel war - selbst ein Karriereende bezeichnet er rückblickend als realistische Option -, so sehr verschaffte sie ihm ehrliches Mitgefühl. Sogar Serien-Weltmeister Hamilton rief an, wie Vettel dem Schweizer Boulevardblatt "Blick" erzählte: "Er hat mich immer aufgemuntert und zum Weitermachen motiviert."

Größe im Moment des Triumphes

Was Vettel dann auch tat, weil er sich mit Racing Point auf eine Zusammenarbeit einigte, das anders als Ferrari in dieser Saison ein Rennen gewann und 2021 als Aston Martin bestrebt ist, in die Top-Drei der Konstrukteurswertung vorzustoßen. Es war nur eines von "einigen Gesprächen" zwischen den beiden Vielfach-Titelträgern, so Vettel. Ein ganz besonderes dieser Gespräche verdeutlichte, warum Vettel trotz einer Saison zum Vergessen ein Gewinner des Jahres 2020 ist. Es fand in Istanbul statt, im Parc fermé, wo die Piloten nach der Zieldurchfahrt ihre Boliden abstellen müssen.

Vettel hätte allen Grund gehabt für überschwänglichen Jubel, denn beim regnerisch-rutschigen Rennen in der Türkei fuhr er dank einer herausragenden Leistung als Dritter zum ersten und einzigen Mal in dieser Saison aufs Podium. Der Twitter-Account der Formel 1 bejubelte diesen selten gewordenen Erfolg, sogar die Konkurrenz, die Vettel über viele Jahre vor sich hergetrieben hatte, freute sich für den Deutschen. Sicher war auch ein bisschen Mitleid dabei, diese Anteilnahme zeigt aber auch den Wandel, den sein öffentliches Bild vollzogen hat.

Anerkennung brachte ihm auch ein, wie er auf diesen unerwarteten Erfolg reagierte. Statt sich überschwänglich zu freuen, eilte der Deutsche zum Mercedes von Hamilton. Der hatte überlegen gewonnen, nicht nur den Großen Preis der Türkei, sondern damit auch seine siebte Weltmeisterschaft. So viele wie zuvor nur Michael Schumacher. "Ich habe ihm gesagt, dass es für uns sehr besonders ist, weil wir ihm heute zuschauen, wie er Geschichte schreibt."

Vettels 2020 war dagegen, zumindest aus rein sportlicher Sicht, wenig historisch. Statt selbst um Titel zu kämpfen und dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, blieb ihm meist nur die Rolle des Gratulanten. Doch so schlecht die Ergebnisse waren und so weit hinten der Deutsche im Fahrerfeld lag, so weit vorne lag und liegt Vettel inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung. Weil er die Unerbittlichkeit der frühen Jahre abgelegt hat, weil er immer wieder Größe in der Niederlage zeigte und dennoch nicht den Spaß verloren zu haben scheint. Ein versteckter Sieg in einer an Erfolgsmomenten sonst sehr überschaubaren Saison.

Quelle: ntv.de