Fußball-EM

Italien? Leicht auszurechnen! Löws Nachhilfestunde für Scholl

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Dreierkette, Mitte zumachen - so einfach ist das gegen Italien. Das versteht jetzt womöglich auch Mehmet Scholl.

(Foto: AP)

Mehmet Scholl schimpft nach dem EM-Viertelfinalsieg der DFB-Elf gegen Italien tüchtig über die deutsche Taktik. Viele Medien raten ihm daraufhin, lieber den Ball flach zu halten. Nun wird Scholl auch vom Bundestrainer selbst düpiert.

Ermattet, verschwitzt, aber verdammt glücklich. Zum ersten Mal ist er besiegt, der Berg, der so oft so unbezwingbar schien. Nie zuvor hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Italien in einem K.o.-Rundenspiel schlagen können, bis zu dieser dramatischen Samstagnacht von Bordeaux, als Jonas Hector das Elfmeterspektakel im EM-Viertelfinale zu einem guten Ende (7:6) für die DFB-Elf brachte. Das Team befreit, glücklich. Die Fans euphorisch. Und der Trainer auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft. Doch kaum steht Joachim Löw da am Gipfelkreuz, zufrieden, zurückgelehnt, einen frischen Espresso in der Hand, stapft ARD-Wüterich Mehmet Scholl daher. Was für ein Käse diese Taktik doch war, urteilt der DFB-Chefkritiker. Dreierkette statt Vierkette. Pah! Eine Gefahr für die Statik sei das gewesen.

Gut gegangen ist es dennoch. Ein bisschen glücklich, klar. Elfmeterschießen ist ja immer so eine Sache. Das gibt auch der Bundestrainer zu. Ansonsten habe seine Mannschaft das allerdings doch ziemlich prima hinbekommen, gegen diese Italiener, findet Löw. Vor allem die Abwehr. Diese angepasste Dreierkette mit Mats Hummels, Jérôme Boateng und Benedikt Höwedes, die hat doch kaum etwas zu gelassen, urteilt der 56-Jährige. Besonders Höwedes sei ja sehr stark gewesen. Fast jeden Zweikampf habe er gegen diese beiden Klassestürmer Graziano Pellé und Eder gewonnen. Folglich war es doch eine gute Idee, dieses auf des Gegners Spiel ausgerichtete Defensivkonstrukt, oder nicht? Und er, also der Löw, habe, so sagt er nun, zwei Tage nach dem Erreichen des Halbfinals einfach nur so gehandelt, wie es jeder Trainer tut, oder besser gesagt tun sollte.

"So gewinnt man Titel"

Anders allerdings, als Mehmet Scholl es offenbar tun würde. Der 45-Jährige - als Chefcoach bislang nur bei Bayerns U13 und der Reserve tätig - schimpfte nämlich unmittelbar nach dem aufwühlenden Elfmeterwahnsinn: "Warum bringt man eine Mannschaft, die so funktioniert, in so eine Situation?" Und total in Rage gewütet, arbeitet sich der 36-fache Ex-Nationalspieler nicht nur an Chefscout Urs Siegenthaler ab, den als Fehler-Einflüsterer des Bundestrainers ausgemacht hat, sondern auch noch an mehreren Beispielen, die seine These doch so schön stützen würden: "2008: angepasst und gegen Spanien verloren. 2010: angepasst an die Spanier - rausgeflogen. 2012: angepasst an die Italiener - rausgeflogen. Und jetzt kommt der Clou: 2014 hat Löw der Mannschaft vertraut und ab dem Viertelfinale mit der gleichen Aufstellung gespielt. So gewinnt man Titel."

Nun, noch ist Deutschland aber mit Frankreich, Wales und Portugal weiter im Verteiler, wenn am Sonntagabend die kontinentale Krone ausgelobt wird. Kann also nach 2014 direkt den nächsten großen Titel gewinnen. Und das trotz taktischer Anpassung. Löw freut das. Natürlich. Bestens gelaunt erklärt er daher dann trotz anstehendem Halbfinale gegen die plötzlich ins Rollen gekommenen Franzosen am Donnerstag (ab 21 Uhr im n-tv.de-Liveticker) der Welt gerne noch einmal, wie einfach es doch gewesen sei, diese so hochgelobten und cleveren Italiener zu entschlüsseln. Mit Dreierkette natürlich. Aber niemand solle jetzt bitte auf die Idee kommen, dass er sich irgendwie rechtfertigen wolle.

Löw platzt fast vor Stolz

Im stammtischseligen Plauderton zerlegt er jegliche Kritik an seiner Aufstellung. Sich am Gegner ausrichten? Ja, scho au, klar, alles andere wäre ja fahrlässig, sagt Löw. "Du kannst ja nicht ins Spiel gehen und sagen, wir spielen wie immer, es geht nur um unsere eigenen Stärken. Der Gegner ist uns eigentlich völlig egal." Naiv, wäre das, gar unprofessionell. Und gegen Italien ganz besonders. Aber nicht mit Löw und seinem Team. Die haben Italien nämlich schon vorher durchschaut, referiert der 56-Jährige.

Zwei Angriffsvarianten hätten die Azzurri, diese würden sie zwar absolut Weltklasse spielen, aber: "Das ist einfach ausrechenbar. Die Italiener wollten doch nur, dass wir angreifen und sie uns wunderschön auskontern können", so Löw. Also: Das Zentrum stärken und ihnen den Platz zum schnellen Gegenangriff nehmen. Drei Mann in einer defensiven Reihe ganz hinten und fünf Teamkollegen im Mittelfeld davor. Das alles schön variabel halten, ein bisschen verschieben - und finito. Den Italienern in die Karten spielen? Ne, ne, lieber das Blatt bunt durchmischen, selbst wenn man damit die eigene Offensive ein wenig schwächt. Denn auf Unordnung, da stehen sie gar nicht, die Männer von Trainer Antonio Conte.

Intelligenz und Geduld seien gegen so einen ausgebufften Gegner gefragt gewesen, erklärt Löw mit besonders ausladender Geste und intensiver Betonung. Der Bundestrainer sagt das stolz, sehr stolz sogar. Und hat er mit der Taktik nicht Italien über weite Strecken des Viertelfinalduells zumindest offensiv entzaubert? Hat er nicht die im Vorfeld der Partie sehr bemühte Traumadiskussion beendet? Hat er mit seiner Mannschaft nun nicht schon zum sechsten Mal in Serie bei einem großen Turnier das Halbfinale erreicht? Er hat. Und er weiß es. Und er lächelt. Und er sagt: "Es ist das Recht von jedem, eine andere Meinung zu haben. Für solche Dinge bin ich offen." Ende der Nachhilfestunde.

Quelle: ntv.de