Fußball-EM

Das DFB-Spiel im Schnellcheck So aufregend wie Wäsche aufhängen

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Offensiv ging nicht viel. Das wurmt nicht nur Thomas Müller (l.).

(Foto: picture alliance / dpa)

Es soll das Duell um den Sieg in der Vorrundengruppe C werden. Deutschland gegen Polen. Robert Lewandowski gegen seine Bayern-Kollegen. Ein echtes Schmankerl dieser EM – doch dann kommt der Anpfiff.

Das ist im Stade de France passiert:

Wir könnten jetzt von einem irrsinnigen Spektakel sprechen, von einer Partie, die EM-Geschichte geschrieben hat. Das Problem: Sie würden uns ja doch nicht glauben. Und das aus gutem Grund. Denn es stimmt ja einfach nicht. Das zweite Gruppenspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Polen war, drücken wir es mal vorsichtig aus, über weite Strecken so aufregend wie Wäsche aufhängen. Okay, das hört sich jetzt fürchterlich schlimm an. Also anders: Das Spiel war hoch intensiv. TV-Kommentatoren sagen das gerne, um zu verhindern, dass der Zuschauer abschaltet. Klingt vielleicht ein klein wenig besser, ändert aber nichts am Ergebnis: Das lautete vor 73.648 Zuschauern nach mühsamen 90 Minuten 0:0. Brachte indes, kleiner Kniff zum Weiterlesen, interessante Erkenntnisse mit sich.

Die Highlights im Spielfilm:

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Muss sich für die deutsche Offensive was einfallen lassen: Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: dpa)

16. Minute: Wir begrüßen Thomas Müller in diesem Turnier. Nach der ersten nennenswerten Aktion des Bayern-Unikats bei der laufenden EM wird’s direkt gefährlich. Erst macht er den Dortmunder Lukasz Piszczek auf der Seite lang, dann spielt er den Ball lässig in die Mitte, wo Toni Kroos das Spielgerät aber knapp am Tor vorbeigrätscht.
46. Minute: Ei der Daus! Wird's hier doch noch was mit Nervenkitzel? Der Schiedsrichter hat kaum wiederangepfiffen, da rauscht Arkadiusz Milik aus vier Metern völlig unbedrängt an einer Flanke von Jakub Blaszczykowski vorbei. Es ist also doch so, dass hier eine Mannschaft ein Tor schießen will. Eine gute Nachricht.
46. Minute: Und die nächste folgt sofort: Denn was die Polen können, dass können wir auch (oder so ähnlich), denkt sich offenbar Toni Kroos. Der spielt einen pfiffigen Pass auf Mario Götze, doch dessen Schuss aus halbrechter Position landet in den Armen von Łukasz Fabiański. Immerhin war diese eine Minute spannender als die gesamten ersten 45!
59. Minute: Wir vermelden es einfach mal: Freistoß für Polen, Robert Lewandowski steht bereit, doch statt endlich seinen ersten Turniertorschuss abzufeuern, legt er mit der Hacke auf Milik ab, der schießt – vorbei.
69. Minute: Machen wir's kurz, weil immer noch 0:0. Erst legt sich Milik rechtzeitig hin, um das mögliche 1:0 nicht machen zu müssen, dann bekommt Özil im Gegenzug den Ball fein vom eingewechselten André Schürrle serviert, schließt stark ab, aber nicht stark genug, um Fabianski zu überwinden. Wir notieren: Die zweite richtig aufregende Minute im Spiel!

Teams & Tore

Deutschland: Neuer – Höwedes, Boateng, Hummels, Hector – Khedira, Kroos – Müller, Özil, Draxler (72. Gomez) – Götze (66. Schürrle) ; Trainer: Löw
Polen: Fabianski – Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk – Krychowiak, Maczynski (76. Jodlowiec), Blaszczykowski (80. Kapustka), Grosicki (88. Peszko) – Lewandowski, Milik; Trainer: Nawalka
Tore: Fehlanzeige
Zuschauer: 73.648, Stade de France
Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)

Was war gut?

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Starkes Comeback: Mats Hummels.

(Foto: imago/Eibner)

Die defensive Organisation. Zuletzt ja noch hart gescholten, verdiente sich die deutsche Viererkette heute gegen bissige Polen absolute Bestnoten. Nicht nur die gegen die Ukraine noch so verhauenen Außenverteidiger Jonas Hector (links) und Benedikt Höwedes (rechts) ließen kaum Verwertbares über ihren Flanken zu, auch in der Mitte brannte nichts an. Weil dort Jerome Boateng wie gewohnt das machte, was er am Besten kann: Nämlich alles richtig. Und sich Mats Hummels (siehe unten) mit zunehmender Spielzeit wieder weltmeisterlicher Form annäherte. Dass die Polen aber nur wenige Abschlüsse hatten, lag auch an der verbesserten Abstimmung mit der defensiven Reihe vor dem Viererriegel. Denn der Rest der Mannschaft erkannte, anders als noch gegen im Auftaktspiel, dass Verteidigen nicht nur Aufgabe eines kleinen, elitären Zirkels ist.

Was war nicht gut?

Die deutschen Abschlusssituationen. In viel besungener erster Halbzeit waren sie gar nicht vorhanden, in den zweiten 45 Minuten zumindest ab und an mal zu sehen. Doch war dieser kleine Fortschritt – von Hälfte eins zu Hälfte zwei – eigentlich ein Rückschritt. Denn noch direkt nach dem erfolgreichen Auftaktspiel gegen die Ukraine (2:0) hatte Löw von seiner Mannschaft gefordert, dass sie in den kommenden Partien doch bitte deutlich häufiger in eben jene Abschlusssituationen kommen müsse. Dass das nicht gelang - so eine positive Interpretation - lag vor allem daran, dass alle Mannschaftsteile zu Gunsten defensiver Stabilität enger zusammenrückten und sich somit dem kreativen Spiel beraubten. Die andere, etwas weniger erfreuliche Lesart: Die Leistungen und das Zusammenspiel der Offensivkräfte Thomas Müller, Mesut Özil, Julian Draxler und Mario Götze werden zunehmend zur Baustelle im deutschen Team. Passend dazu erklärte Boateng nach dem Spiel im ZDF mächtig angefressen: "Wir müssen auch mal zum Abschluss kommen. Das müssen wir verbessern, sonst kommen wir nicht weit."

Wie war der Schiedsrichter?

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Lob von Collinas Erben: Björn Kuipers.

(Foto: imago/VI Images)

Björn Kuipers setzte in jeder Hinsicht die beim Turnier bislang zu beobachtende – und allseits begrüßte – Linie der Schiedsrichter fort, die da lautet: Möglichst nicht zu früh verwarnen, eine gewisse Zweikampfhärte zulassen, gegen unsportliches Halten und taktische Fouls aber konsequent vorgehen. So urteilen unsere Schiedsrichter-Experten von Collinas Erben. Folgerichtig kam Khedira trotz seines Ellenbogeneinsatzes im Luftzweikampf gegen Maczynski schon nach wenigen Sekunden gerade noch mit einer Ermahnung davon, sah dafür aber zwei Minuten später die Gelbe Karte, weil er einen Konter der Polen im Mittelfeld unfair stoppte. Außer ihm gab es noch vier (!) weitere Verwarnungen wegen taktischer Fouls – allesamt zwar eher leichte Vergehen, mit denen aber jeweils ein vielversprechender Angriff unterbunden wurde. Die Häufung erklärt sich aus der ausgeprägten Fähigkeit beider Teams, nach Ballgewinnen blitzschnell zu umzuschalten und die Unordnung des Gegners auszunutzen. Entsprechend erhöht sich, wiederum auf beiden Seiten, die Wahrscheinlichkeit taktischer Fouls, um genau das zu verhindern. Es spricht für das sehr gute taktische Verständnis von Kuipers, dass er all das wusste und darauf konsequent mit Gelben Karten reagierte. Seine Akzeptanz bei allen Akteuren war zudem ausgezeichnet, was sich exemplarisch an der Szene zeigte, in der Boateng eine Verwarnung erhielt: Kuipers half ihm erst freundlich vom Boden auf, dann präsentierte er ihm die Karte. So etwas gelingt längst nicht jedem Unparteiischen.

Der Regelbruch des Tages:

Für den hat der Bundestrainer gesorgt. Aber keine Sorge, jetzt kommt nichts Anrüchiges. Eher was für Statistik-Nerds und Freunde des unnützen Fachwissens (Achtung, jetzt wird’s zahlenlastig): Bei seinem fünften Turnier als Chef-Übungsleiter der DFB-Auswahl schickte Löw in einem zweiten Spiel doch tatsächlich erstmals NICHT die gleiche Startelf auf den Rasen, wie noch bei der jeweiligen Auftaktpartie. Verrückt. Opfer der Löw'schen Rochaden-Premiere, die allerdings wenig überraschend kam, war Shkodran Mustafi. Gegen die Ukraine (2:0) noch Torschütze zum 1:0 und mit einer ganz ordentlichen Leistung an der Seite von Jerome Boateng, musste der Valencia-Profi dem wiedergenesenen Mats Hummels weichen. Der, 26 Tage nach seiner Verletzung im DFB-Pokalfinale wieder in einer Wettkampfsituation, hatte zunächst ein, zwei kleine, aber folgenlose Wackler, zeigte aber spätestens in 50. Minute nach einer famosen Grätsche gegen Milik, warum seine Rückkehr so herbeigesehnt wurde.

Das Wort des Spiels:

"Heldengrätsche". Die zumindest sah ZDF-Kommentator Oliver Schmidt gleich zweimal im deutschen Spiel. Einmal beim famosen Hummels (siehe oben) und nur wenig später beim noch famoseren Boateng (59.). Als der nämlich mit massivem Körpereinsatz den immer noch ersten Torschuss von Lewandowski im Turnier verhinderte.

So war's im Stadion:

Also sprach n-tv.de-Spielbeobachter Stefan Giannakoulis: Mats Hummels war wieder da (siehe Regelbruch) - und nutzte das Aufwärmen gleich mal, um sich mit seinem Innenverteidigerkollegen Boateng auf dem Rasen des Stade de France minutenlang die Bälle zuzuspielen, auf dass in der Partie gegen Polen alles ganz harmonisch verlaufe in der Abwehrzentrale. Die deutschen Fans führten sich in Saint Denis mit einem herzhaften "Die Nummer eins der Welt sind wir" ein, das sie zum Beginn der zweiten Halbzeit wiederholten. Rein sportlich stimmt das ja auch. Löw und sein Assistent Thomas Schneider sahen sich das Treiben im harmonischen Outfit an, graue Hose, schwarzer Pullover, mithin schweißrandresistent. Aber in Saint Denis hatte es eh nur 17 Grad, alles gut also. Ansonsten war die Stimmung im Stadion prima, die rot-weißen Polen vielleicht ein wenig in der Überzahl, lauter und damit offensiver als ihre Mannschaft. Laut wurde es übrigens, als nach 72 Minuten Julian Draxler ausgewechselt wurde - und Mario Gomez kam. Der Mann scheint bei den Fans mittlerweile durchaus beliebt zu sein. Oder hatten sie sich etwa ein Tor von ihm versprochen? Wie dem auch sei: Daraus wurde nichts.

Quelle: ntv.de