Fußball-WM

Winnie Schäfer zur DFB-Pleite "Die Jungs sind eben keine Beckenbauers"

imago1019634906h.jpg

Mieses Ergebnis, hängende Köpfe.

(Foto: IMAGO/Ulmer/Teamfoto)

Der WM-Start ging krachend in die Hose, der deutschen Fußball-Nationalmannschaft droht schon am Sonntag im zweiten Vorrundenspiel gegen Spanien der Turnier-Knockout. Die Gründe dafür sieht Trainer-Legende Winfried Schäfer weniger auf dem Platz als im politischen Druck von außen.

ntv.de: Herr Schäfer, Deutschland verliert zum WM-Auftakt gegen Japan! Das Land ist fassungslos. Klären Sie mal auf, woran hat es gelegen?

imago1014298161h.jpg

Schäfer fordert eine deutliche teaminterne Aussprache.

(Foto: IMAGO/fohlenfoto)

Winfried Schäfer: Auf die Jungs wurde zu viel Druck erzeugt. Sie wurden von außen, von den Medien fast gezwungen, etwas gegen das FIFA-Verbot zur "One Love"-Binde zu tun. Das ist nicht richtig! Spätestens eine Woche vor Turnierbeginn hätte damit Schluss sein müssen! Ab da hätte es für die Spieler nur noch Fußball, Fußball, Fußball heißen müssen. Wir haben sechs Jahre Zeit gehabt, die Probleme zu klären. Es ist nicht die Sache der Spieler, ob sie eine Binde tragen sollen oder nicht. Sie können sich natürlich dazu äußern, sie müssen aber nicht! Sie müssen sich dagegen auf den Fußball konzentrieren. Man darf diese Spieler nicht zu stark unter Druck setzen, wohin das führt, das haben wir am Mittwoch gesehen. Mit Ausnahme von Manuel Neuer, von Thomas Müller, Leon Goretzka und Joshua Kimmich sind sie nicht so stark im Kopf wie andere Fußballer früher. Sie sind nicht so stark, dass sie rausgehen und sagen, na gut, dann hauen wir die Japaner jetzt weg.

Und früher war das anders, ja?

Zur Person

Winfried "Winnie" Schäfer (*1950) ist als Fußballtrainer viel herumgekommen. Der frühere Profi, der lange für Borussia Mönchengladbach spielte, gilt als Entwicklungshelfer für den Fußball auf der ganzen Welt. Zwölf Jahre lang trainierte er von 1986 bis 1998 den Karlsruher SC, anschließend den VfB Stuttgart und Tennis Borussia Berlin, ehe seine Stationen deutlich internationaler wurden. Von Kamerun zog es ihn in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Aserbaidschan, Thailand, Jamaika, in den Iran und zuletzt sogar nach Katar.

Ja, ein Franz Beckenbauer hätte gesagt: ja mei - und hätte einfach gespielt. Ein Wolfgang Overath genauso, ein Berti Vogts und wie sie alle heißen. Das war alles Leader. Aber diese Typen haben wir nicht mehr. Diese Jungs sind eben keine Beckenbauers. Dem Leon Goretzka, dem traue ich absolut zu, dass er sich positioniert und dann seine Leistung abliefert. Aber nicht alle können das und müssen es auch nicht. Schau dir mal an, wie das 1974 war …

… daran kann ich mich leider nicht erinnern!

Nach der Niederlage bei der WM gegen die DDR, da war ein Theater. Was meinst du, was die einen Stress hatten! Aber da haben die Jungs sich dann, als Trainer Helmut Schön schon geschlafen hat, auf Geheiß von Gerd Müller eingeschlossen, haben es sich richtig gegeben, Schön danach gesagt, was sich ändern und wer ins Team kommen muss, und dann haben sie vier Tage später in Düsseldorf Jugoslawien weggehauen. So muss es gehen. Das müssen die Jungs jetzt auch machen. Ein Müller, ein Neuer, ein Goretzka oder auch ein Joshua Kimmich. Eine Aussprache, ohne Trainer. Und danach muss es heißen, wir konzentrieren uns jetzt nur noch auf Fußball.

Erkennen Sie Parallelen zur WM 2018 in Russland? Damals wurde das Turnier vom Foto von Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan überschattet?

Nein, die Sache mit Katar dauert schon viel länger, seit Monaten. Da muss es jetzt von den Spielern ferngehalten werden. Alles andere müssen die Verbände besprechen, sie müssen sich international zusammentun. Oder aber man lässt die Politiker diese Dinge erledigen. Und nochmal: Wenn sich ein Spieler zu dem Thema äußern will, dann soll er das gerne machen. Aber: Er muss nicht. Der Fokus muss auf dem Fußball liegen.

Und auf einer besseren Chancenauswertung?

Ja! Aber das ist doch ein hausgemachtes Problem. Im Jugendbereich bilden wir viel zu wenige Stürmer aus. Was ich da aus der Trainerausbildung gehört habe, das ist der Wahnsinn. Da soll der Spannstoß verboten werden! Stell dir mal vor, du hättest dem Beckenbauer den Spannstoß verboten! Das müssen wir dringend ändern. Jetzt haben wir da einen Niclas Füllkrug, ein Super-Typ, aber der hat noch nicht einmal im Europapokal gespielt und soll jetzt unsere letzte Rettung sein?! Das geht doch nicht. Wir haben in der Jugend aufgegeben, was uns immer stark gemacht hat. Denk doch an Helmut Rahn, Uwe Seeler, Gerd Müller, Klaus Fischer, Jupp Heynckes, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann oder Miroslav Klose. Wir waren immer stark, wenn wir einen herausragenden Stürmer hatten. Das hat sogar Pep Guardiola eingesehen!

Wie kommen Sie denn nun auf Pep Guardiola?

Antonio Conte hat vor nicht allzu langer Zeit mal gesagt, dass wir zu lange der Philosophie von Pep angehangen haben. Und er hat recht! Zu der Zeit als Pep in München war, hat der Trainerausbilder in der Hennes-Weißweiler-Akademie gesagt: "Wir brauchen keine Nummer neun mehr." Trotzdem war Pep erfolgreicher als er Robert Lewandowski hatte. Und in Manchester hat er mittlerweile auch umgestellt und hat einen Erling Haaland. Schau dir Nationen an, die nun erfolgreich sind. Mit Ausnahme von Spanien haben die alle einen richtig guten Stürmer! Flanke von der Seite, Stürmer kommt entgegen, 1:0. Wie oft haben wir das bei der WM schon gesehen. Alleine im Eröffnungsspiel, da hat Ecuadors Enner Valencia es gegen Katar doch vorgemacht. Wir hatten dagegen 75 Prozent Ballbesitz, nur Quergeschiebe, keine Ideen. Und lange keinen Stürmer für Flanken. So kannst du heutzutage nicht mehr spielen und gewinnen.

Heißt also, die Niederlage gegen Japan war als Spiel ein Plädoyer für Füllkrug?

Ich meine schon. Er hat zwar erst zwei Länderspiele gemacht, aber wie er gegen den Oman das Tor schießt, das war klasse, aus einer Bewegung. Das ist ein echter Stürmer. Eine Einschränkung würde ich aber machen. Weil du gegen die ballsicheren Spanier nicht so hoch und früh pressen kannst, sondern eher kontern wirst, wäre da Kai Havertz vielleicht noch einmal die bessere Option.

Spanien ist ein gutes Stichwort. Es scheint ja kaum jemand zu glauben, dass Deutschland dieses Spiel gewinnen kann.

Nun, es hat auch kaum jemand geglaubt, dass Deutschland gegen Japan verliert!

Wenn es so einfach wäre …

Wichtig ist, dass die Jungs jetzt einfach Ruhe haben. Wenn ich schon wieder irgendwas lese von erst Binde und dann Blinde! Da hört es doch auf. Die Jungs müssen jetzt Video gucken und schauen, was macht der Gegner, wie laufen die Spieler, wie verteidige ich die Stürmer?

Die Abwehr und Hansi Flick wurden nach dem Spiel heftig kritisiert. Muss Deutschland umstellen? Eventuell Joshua Kimmich nach rechts hinten zurückholen?

Nein, auf keinen Fall! Kimmich ist überragend im Mittelfeld. Ich habe den bei der Klub-WM in Katar im vergangenen Jahr gesehen. Was der da gespielt hat! Öffnende Pässe über 30, 40, 50 Meter, das war Wahnsinn. Besser als alles andere was ich auf der Position gesehen habe. Auch wenn besser als ein Superstar wie Paul Pogba. Kimmich ist im Mittelfeld gut aufgehoben, auch wenn der gerade nicht so stark spielt, wie damals. Aber hinten rechts kannst du den Niklas Süle nicht spielen lassen, auch wenn er das in Dortmund spielt. Das ist kein Mann für die Seite. Der ist ein Verteidiger, aber niemand, der das Spiel antreibt. Der muss im Zentrum spielen. Aber da sind wir bei einem weiteren Kernproblem …

Welchem?

… Deutschland war immer stark, wenn wir eine Blockbildung hatten. Bayern und Gladbach früher, oder 1990 die Achse mit den Italienern. Oder 2014 mit den starken Dortmundern unter Jürgen Klopp und den Spielern des FC Bayern. Das war aber eh eine super Mannschaft. Die hast du eben nicht immer.

Aber Hansi Flick hat doch sieben Spieler vom FC Bayern dabei …

Ja, aber es kommt auf die Schlüsselpositionen an! In der Abwehr und im Sturm haben wir genau das nicht. Schau dir die Bayern mal an, die gesamte Abwehrkette besteht aus Spielern anderer Nationen. Das hilft Deutschland nicht. Da fehlt eine wichtige Achse. Und vorne das gleiche, der Stürmer kommt nicht aus dem Bayern-Block.

Nochmal kurz zurück zum Spiel gegen Spanien, was muss denn nun passieren?

Na, wie damals 1974. Da ist jetzt richtig was los. Das hast du gestern in den Interviews von Neuer, Gündoğan und Müller gehört. Die müssen jetzt vorangehen, zusammenrücken. Auch wenn das so altbacken klingt, aber so ist das. Hansi Flick kann jetzt nicht daherkommen, die Hand auflegen und alles läuft perfekt. Im Training muss es richtig knallen. Das muss Aggression auf dem Platz sein. Auch von den Ersatzspielern. Da musst du dann schonmal sagen: Ey, bist du bekloppt, so reinzugehen?

Und wie geht's aus?

2:1 für Deutschland.

Mit Winfried Schäfer sprach Tobias Nordmann.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen