Fußball

Die Lehren des neunten Spieltags Der FC Lewandowski pokert hoch

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Der, der immer trifft: Robert Lewandowski.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Der neunte Spieltag der Fußball-Bundesliga liefert Neues aus der Kategorie "Alles wie immer": Lewandowski trifft, Deutschlands Schiedsrichter schauen gerne Fernsehen und die Liga ist auf dem Papier ungeheuer spannend. Das ist aber alles andere als gut.

1. Die gefährliche Abhängigkeit des FC Bayern

Wenn ein Spieler beim Toreschießen sehr viel erfolgreicher ist als seine Kollegen, dann gibt es immer einen, der irgendwann sagt: Mensch, ob das so gut ist? Was ist denn, wenn dieser eine, der immer trifft, sich irgendwann verletzt? Und diese Fragen sind ja gar nicht so dumm. Was wäre mit dem FC Bayern, wenn Robert Lewandowski ausfallen würde? Nicht mehr viel, jedenfalls nicht, wenn sie so spielen wie zurzeit. Erst einmal können sie in München froh sein, dass sie ihn haben. Beim wenig berauschenden 2:1 (1:0) gegen den Aufsteiger 1. FC Union Berlin gelang Lewandowski am Samstagnachmittag das Kunststück, nach dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten und achten Spieltag der Fußball-Bundesliga auch am neunten mindestens ein Tor zu erzielen.

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"Er macht das, wofür er geboren wurde", sagt Thomas Müller über Lewandowski.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Das war vor ihm in 57 Jahren niemandem gelungen, selbst dem legendären Gerd Müller nicht. "Ich fühle mich unglaublich gut. Klar, das ist etwas Besonderes. Ich bin sehr stolz, dass ich so einen Rekord geschlagen habe", sagte der 31 Jahre alte Lewandowski. Das sei ihm gegönnt. Aber was bedeutet das für die Mannschaft von Niko Kovac? Wie gefährlich ist diese Abhängigkeit von ihrem besten Torschützen, der in der Liga bisher 13 Mal traf, einmal im DFB-Pokal und fünf Mal in der Champions League? "Wir sind wirklich froh, dass wir ihn haben. Er ist derjenige, der uns im Moment so weit oben hält", sagt der Trainer. Und Thomas Müller, der vielleicht jetzt doch länger beim FC Bayern bleibt, konstatierte: "Er macht das, wofür er geboren wurde. Er soll ruhig so weitermachen." Das ist alles richtig, beantwortet aber nicht die Frage nach einer Alternative. Über die verfügen die Münchner nicht. Wie gefährlich das ist, wird sich zeigen. Lewandowski jedenfalls, der unbedingt einmal die Champions League gewinnen will, weiß: "Man muss die ganze Saison in Form sein." Und: "Als Mannschaft können wir gewinnen, nicht individuell mit meinen Toren."

2. Ausgeglichen = spannend ≠ hochwertig

Rudi Völler kann mit dieser Diskussion nichts anfangen. Sei doch schön, wenn die Fußball-Bundesliga so ausgeglichen sei, sagte der Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen im ZDF. Selbst seine Mannschaft sei nach diesem neunten Spieltag und dem 2:2 gegen den SV Werder Bremen und damit dem dritten Spiel hintereinander noch nicht weg vom Fenster, sondern im oberen Drittel der Tabelle und nach Punkten gar nicht weit weg von der Spitze.

Was solle da die Frage nach der Qualität? Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Auch Völler räumte ein, dass die Teams auch nur deshalb so eng beieinanderstehen, weil der FC Bayern "ein paar Punkte verschenkt" hat. Für Borussia Dortmund gilt das auch. Das macht es in der Tat interessanter, aus dem Duell der Branchengrößen ist ein veritabler Mehrkampf geworden, in dem allerdings keiner der Teilnehmer frei von Schwächen ist. Schließlich verfügt die Liga in dieser Saison nicht plötzlich über zehn Spitzenmannschaften. So weit, so gut. Oder eben eher schlecht. Über die Frage der Qualität unterhalten wir uns am besten im Dezember wieder. Mal sehen, wie die Tabelle nach 17 Spieltagen aussieht. Und mal sehen, viele Bundesligisten es dann in die K.-o.-Runden der Europapokal-Wettbewerbe geschafft haben.

3. Der Bundesliga gehen die Spitzenmannschaften aus - sagen die Spitzenmannschaften

"So spielt keine Spitzenmannschaft", analysierte Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc in dieser Saison schon. Julian Nagelsmann, Trainer von RB Leipzig, analysierte am Samstag nach der Pleite in Freiburg: "Wenn du in den ersten 35 Minuten ein Tor machst, kannst du Konter fahren und das zweite machen - dann ist das Spiel gegessen. So wie es Spitzenmannschaften machen, aber wir sind halt keine." Und Freiburgs Nils Petersen, der sein Team auf Platz drei schoss, schränkte den Höhenflug gleich ein: "Wenn jeder ehrlich ist, sind wir keine Spitzenmannschaft." Und der VfL Wolfsburg, in dieser Saison auch nach dem neunten Spieltag als einziges Team noch ungeschlagen? Ist in den Worten von Kapitän Maximilian Arnold "noch kein Champions-League-Kandidat" - eine Aussage, die müde und uninspirierte Wolfsburger gegen Augsburg freilich untermauerten.

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Julian Nagelsmann war nach der Pleite in Freiburg bedient.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

In München glaubte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge nach dem Champions-League-3:2 gegen Piräus sicher, "dass diese Leistung, die wir gebracht haben, uns in diesem Jahr große Erfolge bescheren wird, wenn wir nicht langsam die Kurve kriegen". "Diese Leistung" brachte dann immerhin ein 2:1 gegen Aufsteiger Union Berlin. Eine Spitzenmannschaft? Vom Selbstverständnis natürlich, aber selbst für die Bayern fühlt es sich derzeit nicht so an. Nun liegen diese fünf Klubs einen bis gerade mal vier Punkte hinter dem Tabellenführer Borussia Mönchengladbach. Das ist die Tabellenspitze. Sind wenigstens die Fohlen eine Spitzenmannschaft? "In der Liga geht es darum, dass wir unser Spiel weiterentwickeln, besser werden", sagte Gladbachs Trainer nach dem spektakulären 4:2-Sieg gegen Eintracht Frankfurt. In einer Riege von Nicht-Spitzenmannschaften muss der Spitzenreiter erst mal niemandem etwas beweisen.

4. Der BVB muss sein Trainerproblem moderieren

Mutmaßlich hatte es der Schalker Kapitän gar nicht so vernichtend gemeint. Aber was Alexander Nübel nach dem 0:0 im Revierderby über die Dortmunder Borussia sagte, war schon hart. Es mache es einer Abwehr "schon leichter", konstatierte der vom FC Bayern umworbene Torhüter, "wenn vom Gegner keiner in die Box will". Der Klub, der vor der Saison verkündet hatte, ernsthaft um die Meisterschaft mitspielen zu wollen, schickt also eine Mannschaft nach Gelsenkirchen, die beim Gegner nicht den Eindruck erweckt, ernsthaft ein Tor schießen zu wollen. Das klingt nicht gut. Und das ist auch nicht gut.

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Und nun?

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Damit sind wir bei Trainer Lucien Favre. Der steht weiter im Fokus. Dabei geht es gar nicht um sein Auftreten, das mancher Kritiker als zu emotionslos beurteilt. Wir spielen nicht die Hobby-Psychologen. Viel interessanter ist die Frage, warum sein hochtalentiertes Team in diesen Wochen sein Potenzial nicht annähernd abruft. Und ob genau das nicht doch etwas mit dem Trainer zu tun hat? Der sagt: "Ich habe kein großes Interesse, darüber zu sprechen." Kapitän Marco Reus sagt: "Uns fehlen die Leichtigkeit und die Form." Sportdirektor Michael Zorc sagt: "Wir arbeiten Fußball." Der BVB muss sich überlegen, wie er dieses Problem moderiert. Die kommenden Wochen mit den Spielen gegen Borussia Mönchengladbach, den VfL Wolfsburg, Inter Mailand und den FC Bayern werden den Weg weisen. Am besten für die wäre, sie bereiteten sich darauf vor.

5. Der FC Bayern muss sein Coutinho-Problem in den Griff bekommen

"Philippe Coutinho steht sicherlich an der Spitze, er hat Weltklasse-Format. Das ist immer deutlicher zu erkennen", jubelte Rummenigge Ende September nach dem 4:0-Sieg beim 1. FC Köln über seinen neuen Weltstar, dessen Leihe sogar vom Konkurrenten Borussia Dortmund freundlich kommentiert wurde. "Kompliment! Man kann die Bayern nur beglückwünschen. Es ist gut, wenn ein solcher Name in der Bundesliga spielt", sagte Aki Watzke und hat recht behalten: Dass Coutinho bei den Bayern spielt, ausgestattet mit einer offenbar unverbrüchlichen Treue von Niko Kovac, ist tatsächlich gut für die Liga, vor allem aber für die Konkurrenten. Der zweifellos mit höchsten fußballerischen Fähigkeiten gesegnete Edelkicker erfüllt dem FC Bayern bisher aber zu selten den Traum vom ganz großen Glanz.

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Philippe Coutinho bringt dem FC Bayern derzeit mehr Diskussionen als Glanz.

(Foto: imago images/Just Pictures)

Atmosphärisch, weil Thomas Müller durch die Verpflichtung des Brasilianers zum "Notnagel" degradiert wurde - die Diskussion um die Situation des Weltmeisters wird den FC Bayern weiter begleiten. Vor allem aber sportlich kann der Leihspieler vom FC Barcelona noch viel zu selten sein überragendes Können für den Erfolg der Mannschaft einsetzen. Dass der erst zum Ende der Vorbereitung verpflichtete Coutinho nicht vollends in die Abläufe integriert sein kann, ist klar. Aber nach inzwischen zehn Pflichtspielen müsste für einen Spieler seiner Klasse mehr in den Büchern stehen als zwei Treffer und vier Assists. "Er ist ein Freigeist, der bei weitem noch nicht bei 100 Prozent ist", sagte Hasan Salihamidzic nach dem mühsamen 3:2 der Bayern gegen Piräus. "Er kann viel, viel mehr. Wir werden noch viel Freude an ihm haben." Oder neue Diskussionen. Denn in der Zentrale hat sich inzwischen auch der lange verletzte Leon Goretzka zurückgemeldet - und strahlte gegen Union nach seiner späten Einwechslung sofort mehr Torgefahr aus, als es der Weltstar in knapp anderthalb Stunden vorher tat.

6. Handelfmeter bleiben Glückssache

Mit Gültigkeit zum 1. Juni 2019 hat der DFB Regel 12 ("Fouls und unsportliches Betragen") umformuliert. Dort heißt es jetzt zum Thema "Handspiel" wie folgt:

Ein Vergehen liegt vor, wenn ein Spieler...

... den Ball absichtlich mit der Hand/dem Arm berührt (einschließlich Bewegungen der Hand/des Arms zum Ball),
... in Ballbesitz gelangt, nachdem ihm der Ball an die Hand/den Arm springt, und danach ins gegnerische Tor trifft oder zu einer Torchance kommt,
... direkt mit der Hand/dem Arm (ob absichtlich oder nicht) ins gegnerische Tor trifft (gilt auch für den Torhüter).

Ein Vergehen liegt in der Regel vor, wenn ein Spieler den Ball mit der Hand/dem Arm berührt und...

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Frank Willenborg schaute in Mainz genau nach - und überraschte dann alle mit seiner Entscheidung.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

... seinen Körper aufgrund der Hand-/Armhaltung unnatürlich vergrößert,
... sich seine Hand/sein Arm über Schulterhöhe befindet (außer der Spieler spielt den Ball vorher absichtlich mit dem Kopf oder Körper (einschließlich des Fußes) und der Ball springt ihm dabei an die Hand/den Arm).

Ein Vergehen liegt auch vor, wenn der Ball in einer der obigen Situationen direkt vom Kopf oder Körper (einschließlich des Fußes) eines Spielers an die Hand/den Arm eines anderen, nahe stehenden Spielers springt.

Ein Vergehen liegt auch vor, wenn der Ball in einer der obigen Situationen direkt vom Kopf oder Körper (einschließlich des Fußes) an die Hand/den Arm eines anderen, nahe stehenden Spielers springt.

Abgesehen von diesen Vergehen liegt in folgenden Situationen, in denen der Ball an die Hand/den Arm eines Spielers springt, in der Regel kein Vergehen vor:

– Der Ball springt direkt vom eigenen Kopf oder Körper (einschließlich des Fußes) des Spielers an dessen Hand/Arm.

– Der Ball springt direkt vom Kopf oder Körper (einschließlich des Fußes) eines Spielers an die Hand/den Arm eines anderen, nahe stehenden Spielers.

– Die Hand ist nahe am Körper und die Hand-/Armhaltung vergrößert den Körper nicht unnatürlich.

– Ein Spieler berührt den Ball im Fallen mit der Hand/dem Arm, wobei sich seine Hand/sein Arm zum Abfangen des Sturzes zwischen Körper und Boden befindet und nicht seitlich oder senkrecht vom Körper weggestreckt wird.

Kommentiert werden die Änderungen so:

Die Umformulierung wurde nach folgenden Grundsätzen vorgenommen:

– Der Fußball akzeptiert kein Tor, welches mit der Hand/dem Arm erzielt wurde, auch wenn es versehentlich ist.

– Der Fußball erwartet, dass ein Spieler für ein Handspiel bestraft wird, wenn er Ballbesitz/Ballkontrolle erlangt und daraus ein Tor oder eine klare Torchance entsteht.

– Es ist natürlich, dass ein Spieler den Arm beim Fallen zwischen Körper und Boden hält, um sich abzustützen.

– Wenn die Hand/der Arm über der Schulter ist, liegt selten eine natürliche Körperhaltung vor und der Spieler trägt mit dieser Position des Arms/der Hand das Risiko − auch beim Tackling.

Alles klar? Gut, dass unser Autor Alex Feuerherdt von "Collinas Erben" die vielen strittigen Situationen des vergangenen Wochenendes noch einmal bewertet und eingeordnet hat.

Quelle: ntv.de