Fußball

Die Lehren des 16. Spieltags Die neuen Maßstäbe des FC Bayern

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Der FC Bayern hat gerade den SC Freiburg geschlagen, nicht den FC Barcelona.

(Foto: imago images/Pressefoto Baumann)

Am 16. Spieltag der Bundesliga ereignet sich Sonderbares: Der große FC Bayern präsentiert sich in Freiburg ganz klein und übt sich nach seinem Erfolg in ungewohnter Demut. Das kann Konsequenzen haben! In Dortmund und Leipzig rätseln sie wohl derweil noch heute über ein wildes Spiel.

1. Zweifeln für Europa

Ein spätherbstliches, schmeichelhaftes 3:1 in Freiburg löst beim großen FC Bayern erst Ekstase - unmittelbar nach zwei Toren in der Nachspielzeit - und später pure Erleichterung aus. "Wir haben es zum Glück überstanden", barmte Bayern-wie-lange-auch-immer-Coach Hansi Flick nach dem Spiel, "ein großes Kompliment an meine Mannschaft, dass sie sich so dagegengestemmt hat". Wir erinnern uns: Der Rekordmeister hatte gegen den SC Freiburg gespielt, nicht gegen einen entfesselten FC Barcelona. Natürlich, der SC Freiburg spielt eine tolle Saison, aber dass sich der FC Bayern nach dem jüngsten rauschhaften 6:1 gegen Werder Bremen, das sogar den dauerschwächelnden Philippe Coutinho vom "PR-Coup" zurück zum "Unterschiedsspieler", zum Edelkicker und zur Europa-Hoffnung gemacht hatte, wieder so unsouverän präsentieren kann, war doch überraschend.

Dem FC Bayern ging in dieser Hinserie zu oft das FC-Bayernhafte ab, die Selbstverständlichkeit - man arbeitet hart an sich selbst. Das muss allerdings keine schlechte Nachricht sein, gerade im Hinblick auf die Europa-Ambitionen des Großklubs: Allzu oft wirkten die Münchener im Frühjahr von der eigenen Ligaüberlegenheit eingelullt, in dieser Saison sollten die Sinne geschärft sein. Gerade defensiv präsentierten sich die Münchener anfällig, ungenau, nicht selten unaufmerksam. Dinge, die man ansprechen und abstellen kann. Zu was das dann reicht? Philippe Coutinho jedenfalls machte am Mittwochabend nicht den Unterschied. Wohlgemerkt gegen den SC Freiburg.

2. Trainerwechsel können sich lohnen

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Jürgen Klinsmann Rückkehr in die Bundesliga ist geglückt.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Es gibt viele Studien darüber, welche quantitativen Effekte ein Trainerwechsel zeitigt. Die Ergebnisse sind deutlich und ernüchternd: In der Regel gibt es einen kleinen kurzfristigen Aufschwung, nach 15 bis 20 Spielen pendelt sich alles aber wieder auf dem Vor-Rausschmiss-Niveau ein. Nun, in dieser Saison bewegen wir uns nach den vier Trainerwechseln der laufenden Runde noch in einem Zeitraum, der keine Aussagen über die langfristigen Folgen zulässt. So kann es Zufall sein, dass alle vier neuen Trainer am 16. Spieltag ihre Spiele gewannen.

Überhaupt erlebten alle vier Vereine einen Aufschwung: Markus Gisdol holte in seinen fünf Spielen sieben Punkte und hievte den 1. FC Köln pünktlich zum Hinrundenausklang über den Strich. In Mainz schaffte Achim Beierlorzer in fünf Spielen sogar drei Siege. Jürgen Klinsmann weckte eine teilsedierte und mal wieder an sich verzweifelnde Hertha auf und sammelte seit seiner Inthronisierung vor vier Wochen 1,75 Punkte pro Spiel - unter Vorgänger Ante Covic hat der möglicherweise vielleicht angehende "Big City Club" nicht einmal einen pro Partie eingesammelt. Und Hansi Flick? Der konnte die Punktausbeute (2 pro Spiel gegenüber 1,8 unter Niko Kovac) zwar nicht signifikant steigern, dafür aber das Wohlbefinden und die Stimmung im Kader. Stand jetzt darf man den Top-Entscheidern der Branche also zu ihren Personalentscheidungen gratulieren. Und denen, die sich unter großem Druck anders entschieden haben, auch: Lucien Favre holte seit seinem "Schicksalsspiel" bei Hertha BSC zehn Punkte in vier Bundesligaspielen, dazu tütete Borussia Dortmund noch das Achtelfinale in der Champions League ein. Alles kann also, nichts muss.

3. Auch ein mieses Spiel dauert 90 Minuten

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Timo Werner hatte es schwer gegen Dortmund.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Manchmal reichen wenige Augenblicke, um "das schlechteste Spiel, das ich für RB Leipzig gemacht habe" mit einem Doppelpack zu veredeln und ein nach Meinung von Roman Bürki "über 90 Minuten gutes Spiel" für den Dortmunder Torwart und seine Kollegen eher enttäuschend abzuschließen. Die erste Selbsteinschätzung stammt von Leipzigs Timo Werner, dem von einem eigentlich besseren BVB beim 3:3 gleich zwei Geschenke gemacht wurden, die der Nationalstürmer in Tore verwandelte. Zuerst hatte Bürki selbst mit einer verunglückten Kopfballeinlage zum Schuss aufs leere Tor eingeladen, später ermöglichte Julian Brandt dem Leipziger mit einer unachtsamen Rückgabe den unverhofften Ausgleich.

"Weil er nicht aus dem Abseits kommen wollte, stand er da halt goldrichtig. In dem Fall war das sehr positiv für uns", freute sich RB-Trainer Julian Nagelsmann über seinen an der Situation eigentlich eher desinteressierten Torjäger. Zwei Situationen, die aus einem guten Dortmunder Spiel mit tollen Toren und einer zweifachen Führung eine kleine Enttäuschung zu machen. So war denn auch Nagelsmann "mit dem Ergebnis zufrieden - bei der Art und Weise muss man ein bisschen was hinterfragen."

4. Dortmund ist weiter aber noch nicht so weit

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Julian Brandt: Erst Sensationstor, dann Katastrophenpass.

(Foto: imago images/Team 2)

Überhaupt Dortmund gegen Leipzig. Ein vorweihnachtliches Klassespiel mit einem Haufen Tore - und einer Menge Verwunderung. "Wir stehen jetzt hier und wissen nicht so recht, was wir mit dem Ergebnis anfangen sollen", sagte Dortmunds Kapitän Marco Reus. "Leipzig weiß gar nicht, wie sie hier an den Punkt gekommen sind", schob BVB-Sportdirektor Michael Zorc die Verwirrung nach Leipzig. "In Halbzeit eins hat Dortmund gezeigt, was sie für eine Top-Mannschaft sind", lobte RB-Mittelfeldspieler Diego Demme in der ARD. Als die Seiten gewechselt wurden, stand es 2:0 für Dortmund.

Dann aber hatten Bürki und Brandt ihre Slapstick-Momente, die zeigten, dass Borussia Dortmund vielleicht eine Top-Mannschaft ist - der aber noch die durchgängige Konzentration auf höchstem Niveau fehlt, um vielleicht doch nochmal den nächsten Schritt zum Titel zu machen. Die wilde Phase nach der Pause erinnerte nach drei starken Bundesligaspielen dann doch wieder zu eklatant an die drei 2:2 in Serie (in Frankfurt, gegen Werder Bremen und in Freiburg), die die Dortmunder Meisterambitionen arg erschüttert hatten. Der BVB hat sich stabilisiert, nach dem Rausch droht aber noch immer der Taumel.

5. Mainz 05 kann nicht jedem helfen

Der "Mainz 05 hilft e.V. " ist ein Verein, "der schnell und unbürokratisch Hilfe für hilfsbedürftige Menschen leisten möchte". Organisatorisch geführt wird der Verein von den Verantwortlichen von Mainz 05. Eine tolle Sache, die von der Fanszene und dem Verein mit viel Leben gefüllt wird. "Mainz 05 hilft" ist auch unter vielen Fans des Bundesligisten zum geflügelten Wort geworden, das dann bemüht wird, wenn die Rheinhessen mal wieder Aufbauhilfe für angeschlagene Ligakonkurrenten geleistet haben. In dieser Saison wurde man bereits in Düsseldorf tätig, Aufsteiger Union Berlin gestattete man den ersten Auswärtssieg ihrer jungen Ligageschichte, in der vergangenen Saison gab es zwei Niederlagen gegen den späteren Absteiger Hannover 96.

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Schöner wurde ein Eigentor selten eingeleitet.

(Foto: imago images/Joachim Sielski)

Gegen Werder Bremen gab es in der jüngeren Vergangenheit tatsächlich meistens dann Niederlagen, wenn es für die Norddeutschen gerade besonders mies lief. Insofern war auch das Spiel vom 16. Spieltag ein klarer Fall für "Mainz 05 hilft". Aber das Werder Bremen dieser Tage kann offenbar nicht einmal von wohlmeinenden Mainzern wieder aufgerichtet werden, wie die historische 0:5-Klatsche vom Dienstag zeigte. Das in Entstehung und Vollendung so aberwitzige 0:2, als erst Verteidiger Veljkovic eine Flanke clownesk an den Pfosten klärte, von wo der Ball an den Rücken von Torwart Pavlenka und von dort ins Tor prallte, war ein Abbild der derzeitigen Bremer Situation: ein Drittel unglücklich, zwei Drittel unfähig.

Der Grund für die zweite deftige Pleite nach dem 1:6 in München innerhalb weniger Tage lag woanders: "Wir müssen uns schämen", hatte Kapitän Niklas Moisander den erschreckend unmotivierten Auftritt der Bremer kommentiert, Claudio Pizarro wurde konkreter: "Was wir geliefert haben, war eine Schande. Da haben wir alle unseren Job nicht gemacht. Doch das muss jeder von uns, wir haben hier schließlich eine Verpflichtung." Der schwache Leonardo Bittencourt war schlicht geschockt: "Das war absolute Scheiße. Ich bin gerade ein Stück weit gelähmt, weil ich denke, das muss doch ein Traum sein. Wir haben in der ersten Halbzeit nichts, aber auch gar nichts von dem, was diese Mannschaft auszeichnet, auf den Platz gebracht." Kollege Davy Klaassen ging es nicht anders: "Florian (Kohfeldt, der Werder-Trainer - Anm. d. Red.) hat vor dem Spiel betont, dass es ein sehr wichtiges Spiel ist und dass wir voll vorne draufgehen müssen. Das haben wir versucht, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll." Selbst "Mainz 05" hilft kann nur denen helfen, die sich auch helfen lassen wollen. Werder Bremen scheint dieser Tage rettungslos verloren.

Quelle: ntv.de