Fußball

Die Lehren des 32. Spieltags Kölns Déjà-vu, Bayern gibt Debütantenball

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Das war's: Marco Höger musst mit dem 1. FC Köln runter in die 2. Liga.

(Foto: imago/Sven Simon)

Der 1. FC Köln hat am 32. Spieltag der Fußball-Bundesliga traurige Zweitliga-Gewissheit. Das Spiel zum Abstieg präsentiert sich als Déjà-vu der Saison. Währenddessen lassen die Bayern den Nachwuchs ran und der HSV freut sich zu früh.

Köln spiegelt die Saison im 94-Minuten-Schnelldurchlauf

Nach 52 Minuten im Spiel SC Freiburg gegen den 1. FC Köln ist der FC abgestiegen. Endgültig, keine Rettung mehr. Und das am drittletzten Spieltag. 2:0 für Freiburg. In der 87. Minute toben die mitgereisten Kölner Fans mit einem Mal - ist Vorerst-Last-Minute-Rettung plötzlich doch möglich? Es steht 2:2 - Leonardo Bittencourt schöpft mit einem Doppelpack Hoffnung für eine ganze Stadt. Nur noch ein Tor fehlt, dann hätte sich der FC zumindest bis zum 33. Spieltag in der Fußball-Bundesliga gehalten.

Doch ich schreibe hier vom 1. FC Köln. Dem Team, das in der gesamten Saison kämpft, nicht übermäßig viel Glück hat, verhauen wird, dann aufwacht, Kraft und Hoffnung schöpft - und doch untergeht. Und so spiegeln die 94 Minuten von Freiburg den 1. FC Köln der gesamten Saison 2017/18. In der 93. Minute nämlich versetzt Lucas Höler den Rheinländern den Todesstoß. Den, der den FC in die 2. Liga schickt. Eben endgültig - ohne mögliche Rettung in den letzten zwei Spielen. Auch, dass das Ende ausgerechnet gegen den SC Freiburg besiegelt wird, also einem Team, das ebenfalls noch gegen den Abstieg spielt, ist dramaturgisch gesehen kein Zufall. Der FC gewann große Spiele - gegen den FC Arsenal in der Europa League, gegen Borussia Mönchengladbach, gegen RB Leipzig und gegen Bayer Leverkusen. Doch der FC verlor (zu) häufig gegen direkte Konkurrenten, wie mein Kollege Roland Peters treffend analysiert. Und so heißt es: Der sofortige Wideraufstieg ist nötig. Denn, lieber Effzeh: Du und deine treuen Fans werden fehlen.

Der HSV hat sich zu früh gefreut

"Wir sind noch lange nicht tot!" und "wir spielen das erste Mal seit vier Jahren Fußball" - das sagt Lewis Holtby. Wohlgemerkt über den Hamburger SV. Dem Klub, der seit gefühlten und tatsächlichen Ewigkeiten tief, tief, tief im Abstiegskampf steckt. Warum er das sagt? Freundlich gedeutet, weil ihn ein 3:1-Sieg beim ebenfalls abstiegsbedrohten VfL Wolfsburg dazu animiert. Weil er nach einem erzielten Tor mit Adrenalin vollgepumpt ist. Und böse gesagt: Weil der HSV nach wie vor blind auf dem Auge ist, das ihm zeigen würde, wie schlimm die Lage ist. Denn ja, die drei Punkte retten sie vor dem Abstieg am 32. Spieltag, aber noch nicht vor dem Abstieg am 33. oder 34. Spieltag.

Es ist nicht allzu unwahrscheinlich, dass sich der Hamburger SV (wieder einmal) zu früh gefreut hat. Zwar verliert Wolfsburg drei Punkte auf den HSV, aber sowohl der SC Freiburg (siehe oben gegen Köln) als auch der FSV Mainz (3:1 gegen RB Leipzig) punkten ebenfalls dreifach. Und somit ist die rettende Nichtabstiegszone überhaupt nicht näher gerückt. Fünf Punkte fehlen dem HSV zu beiden Klubs - nur noch sechs sind zu vergeben. Laut Adam Riese könnte das passen, aber wirklich schönrechnen lässt sich die Hamburger Misere damit nicht.

Der FC Bayern zeigt Frankfurt wie das Pokalfinale läuft

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Niklas Dorsch darf mit den Großen feiern.

(Foto: dpa)

Dorsch, Shabani, Evina - wie, die Namen kennen Sie nicht? Nun gut, es ist Ihnen nicht anzukreiden, dass Sie die A-Jugend des FC Bayern nicht verfolgen. Niklas Dorsch, Meritan Shabani und Franck Evina kamen in den Genuss, ein Spiel unter dem sagenumwobenen Trainer Jupp Heynckes anzutreten. Und dann schießt Dorsch auch noch das 1:0 im Spiel gegen Eintracht Frankfurt (4:1) - für den 20-Jährigen wohl das - Verzeihung - geilste Erlebnis seiner bisherigen Karriere. Aber warum diese C-Elf? Heynckes erklärt's: "Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen, deswegen haben wir vier Nachwuchsspieler nominiert, mein Fokus bei der Mannschaftsaufstellung war auf Dienstag gerichtet." Dienstag? Natürlich Champions League - gegen Real Madrid! Das Spiel, das über Wohl und Wehe der Münchner entscheidet. Fliegen sie raus im Halbfinale der Königsklasse, ist die Saison keine erfolgreiche.

Meisterschaft - viel zu einfach im Vorbeigehen abgehakt. DFB-Pokal - den haben die Bayern doch so gut wie sicher. Schließlich heißt der Gegner in Berlin: Eintracht Frankfurt. Jawoll, eben jenes Team, das gegen Bayerns C-Elf mit A-Jugend keine Chance auf den Sieg hatte. Was zwar Sportvorstand Fredi Bobic einigermaßen entsetzt ("Bei der Leistung fehlen mir schon die Worte. Wenn wir so weiterspielen, holen wir keinen Punkt mehr") und auch Trainer Niko Kovac verärgert, letztlich aber konsequent ist und sich in der Eigenwahrnehmung der Bayern von selbst versteht. Ein Klub, der zu gut für den Rest der Liga ist, kann keinen schlechten Nachwuchs ausbilden. Und so kann sich eben jene Eintracht schon jetzt auf eine Tracht Prügel beim Pokalfinale am 19. Mai einstellen. Dass Kovac direkt nach diesem Spiel die Seiten wechselt? Ist eine unglückliche Randnotiz, hat mit einer potenziellen Niederlage aber mal so gar nichts zu tun - das schafft die Frankfurter Elf schon ganz allein. Hat sie am Samstag ja eindrucksvoll bewiesen.

Leipzig versaut sich die gesamte Saison

RB Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl bringt es auf den Punkt: "Wir zahlen derzeit die Zinsen für die letzten zwei Jahre. Das fühlt sich nicht so gut an." Dabei ist "fühlt sich nicht so gut an" über die Maßen geschönt - weil man im Fernsehen ja nicht fluchen darf, sonst ruft Mami an und schimpft (oder der Medientrainer oder der Vorstand). Leipzig hat gegen den Abstiegskandidaten FSV Mainz krachend verloren (0:3). Es ist das fünfte sieglose Pflichtspiel in Folge. Und es ist das Aus für die Champions League. Nichts ist es mit der erneuten Teilnahme. Sogar das Trostpflaster Europa League ist in Gefahr. Für den ambitionierten Klub ein Desaster. Und das ausgerechnet am 100. Bundesligaspiel des Trainers. Läuft nicht für Hasenhüttl - dessen Zukunft ebenfalls noch offen ist. Und auch in anderen Teilen des Teams gibt es Auflösungserscheinungen. "Das war vollkommen unnötig", kommentiert etwa Kapitän Willi Orban die Gelb-Rote Karte von Naby Keita in der 95. Minute. Der wird im Spiel gegen Wolfsburg am kommenden Wochenende fehlen - und hat sich offenbar innerlich schon vom Brauseklub verabschiedet. Schließlich wechselt er nach der Saison zum FC Liverpool nach England und wird mit seinem neuen Arbeitgeber aller Voraussicht nach in der Champions League spielen - da kann ihm ja glatt egal sein, dass er dabei nicht auf seinen Dann-Ex-Klub trifft.

Dabei hatte in Leipzig doch alles so gut angefangen. Noch am 22. Spieltag stand RB auf Platz zwei. Und anschließend ging es zwar bergab in der Tabelle, aber immer mit Tuchfühlung zu den Plätzen zwei bis vier. Doch nun landet der Überflieger unsanft auf dem Boden der Tatsachen. So schnell kann es gehen im Bundesliga-Alltag und das Rätselraten über die Gründe geht weiter.

Hoffenheim ist der heimliche Gewinner

Des einen Leid ist des anderen Freud: Wer profitiert vom Leipziger Schwächeln? Die TSG 1899 Hoffenheim. Heimlich, still und leise schiebt sich der Klub aus dem Kraichgau vor auf Tabellenposition vier. Vorbei ist es mit dem Stress wegen Tabellenrang acht, dem Streit zwischen Fans und Trainer Julian Nagelsmann. Die allgemeine Unzufriedenheit ist wie weggewischt. Kein Wunder, es läuft halt wieder - so einfach lassen sich Kritiker beruhigen. Zwar spielen die Hoffenheimer keinen wunderschönen Zauberfußball und Nagelsmann hat Grund zur Kritik ("Irgendwann haben wir alles aus dem Stand gespielt und mit zu großer Distanz") - aber beständig Spiele zu gewinnen, reicht eben, um aufzurücken und plötzlich wieder an der Tür zur Champions League zu klopfen. Nennen Sie es, wie Sie wollen - tiefstapeln oder nüchterner Realismus - so richtig an das europäische Oberhaus glauben mag Nagelsmann noch nicht: "Wenn wir uns für die Champions League qualifizieren, wäre das eine Sensation, schon die Europa League wäre ein richtig großer Erfolg." Eins ist sicher: Leicht gemacht wird es den Hoffenheimern an den letzten zwei Spieltagen nicht. Ihre Gegner: Stuttgart und der BVB. Wenn sie sich danach tatsächlich für die Champions League qualifiziert haben, sind sie keine heimlichen Gewinner mehr - sondern verdiente.

 

Quelle: n-tv.de

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