Fußball

DFB-Team in der Raketenkritik Nur für Neuer und Sané läuft es nicht nach Plan

Manuel Neuer fordert vor dem Spiel gegen Italien, dass die deutsche Nationalmannschaft eine Rakete zünden soll. Und das gelingt tatsächlich. Das neu formierte Team des Europameisters wird vom DFB-Team in den Nachthimmel über Mönchengladbach geschickt.

Manuel Neuer fordert vor dem Nations-League-Rückspiel gegen Italien, dass die deutsche Nationalmannschaft eine Rakete zünden soll. Dass nach drei Remis und einem Rückschritt gegen Ungarn endlich ein Sieg, dazu noch gegen eine Top-Nation (die ist Italien im Umbruch indes noch nicht wieder), herausspringt. Und das gelingt vor 44.000 Zuschauern tatsächlich. Das neu formierte Team des Europameisters wird vom DFB-Team phasenweise auf dominante Weise in den Nachthimmel über Mönchengladbach geschickt. Unsere Raketenkritik.

Manuel Neuer: Der deutsche Titan kennt keine Gnade. Weder mit seinen Kontrahenten im eigenen Team (beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft gleichermaßen) noch mit den Gegnern. Vor der Partie gegen Italien, seinem 113. Länderspiel, hatte er gesagt, dass er mit Blick auf die Weltmeisterschaft "kein Spiel einfach fallen lassen" könne. Bedeutet: Neuer spielt. Und wie er das macht, ist einfach gut. Einfach Weltklasse. Das zieht sich wie ein roter Faden (der einzige im deutschen Team) durch den aktuellen Nations-League-Block. Und weil der letzte Eindruck immer der wichtigste ist, titanisierte er sich auch durch das Duell mit den Südeuropäern. Verhinderte nach neun Minuten das mögliche 0:1, als er Giacomo Raspadoris Schuss aus kurzer Distanz parierte. Ersparte Niklas Süle nach 31 Minuten eine peinliche Nachrede, als er dessen vogelwilden Rückpass bemerkenswert souverän verarbeitete und den italienischen Druck ins Leere laufen ließ. Und entnervte Italien mit einem Monster-Reflex in der 55. Minute (wäre Abseits gewesen). Kleines Geschmäckle: Auch dieses Mal spielte er nicht zu null. Der 18-jährige Wilfried Gnonto nutzte einen Abpraller des Titanen zum 1:5, ehe Alessandro Bastoni auf 2:5 verkürzte. Nach einer ganz schlecht verteidigten Standardsituation. Dennoch: Der Titan ist eine Rakete.

Lukas Klostermann: Die rechte Abwehrseite ist als große deutsche Problemstelle ausgemacht. Nicht etwa, weil Thilo Kehrer oder Lukas Klostermann internationalen Maßstäben nicht genügen würden, sondern weil sie nicht das Gesamtpaket mitbringen, das sich Flick für sein Ideal auf der Position vorstellt. Beiden fehlt es an Dynamik, vielleicht auch am Mut, die deutsche Offensive mit Flankenläufen zu beleben. Ihnen geht ab, was Konkurrent Jonas Hofmann in den vergangenen Wochen lieferte. Allerdings ist der Gladbacher gelernter Flügelstürmer, er ist eine Option für die formschwankenden Leroy Sané und Serge Gnabry. Gut für die Stammplatzhoffnungen von Kehrer und Klostermann. Der Leipziger bekam nun den Vorzug und darf sich als Gewinner der vergangenen Tage fühlen. Machte die Seite wieder souverän dicht. Das gelang Kehrer zuletzt nicht immer. Klostermann bleibt in der engen Auswahl für einen Sitzplatz in der DFB-Rakete.

Niklas Süle: Bei Borussia Dortmund spielt Süle in der kommenden Saison an der Seite von Nico Schlotterbeck. Dass die beiden bei der Weltmeisterschaft auch ein Duo bilden, scheint dagegen ausgeschlossen. Zu wichtig ist der Neu-Königliche Antonio Rüdiger in der Ära Hansi Flick geworden. Bedeutet: ein Schwarzgelber wird auf der Bank Platz nehmen. Schlotterbeck sammelte zuletzt gute und nicht so gute Argumente für sich. Sein Aufbauspiel ist bisweilen großartig, seine Aussetzer dagegen abschreckend. Und Süle? Nun ja, der stresste Neuer mit einem leichtsinnigen Rückpass. In Dortmund scherzen sie schon, dass das doch klubimmanente Patzer sind. Die Führung des DFB-Teams bereitete der Hüne allerdings mit einem raketenhaften Beckenbauer-Ball vor. Ab der 87. Minute Jonathan Tah: Sein Einsatz war ein kleines Dankeschön des Bundestrainers für die gemeinsame Zeit.

Antonio Rüdiger: Er ist der Boss. Ohne Frage. Hatte auch gegen Italien alles unter Kontrolle. Er sollte sich vor der WM besser nicht verletzen. Seine Körperlichkeit ist beeindruckend, sein Tempo ebenfalls. Was er besser machen kann: seine bisweilen schludrigen Zuspiele zum Mitspieler abstellen. Die beschwören immer mal wieder Gefahr im Umschaltspiel herauf. Die Italiener konnten das nicht bestrafen. Rüdiger gibt der Abwehr reichlich Stabilität. Eine Schlüsselfigur in der Raketen-Crew des Bundestrainers. Auch weil er als Mentalitätsspieler und Plauderer für Gier und Galligkeit in der Mannschaft sorgt.

David Raum: Die Platzfrage auf der linken Seite beantwortet Raum immer mehr zu seinen Gunsten. Der junge Hoffenheimer ist die große Entdeckung der Ära Flick. Hat sich in neun Spielen zur unumstrittenen Stammkraft gemausert. Seine Vorstöße sind mutig, dynamisch und oft gefährlich. So bereitete er auch das 1:1 vor. Ob er mit seiner Flanke aber tatsächlich den Torschützen Joshua Kimmich finden wollte? Egal. Vorlage ist Vorlage und Tor ist Tor. Auf Linksaußen ist er Flicks erster WM-Kandidat. Robin Gosens, die große EM-Entdeckung, muss bei Inter Mailand in der neuen Saison mächtig zünden, um den Rückstand auf Raum noch aufzuholen.

Joshua Kimmich: Wenn es gegen Italien geht, entdeckt der Münchner seine Leidenschaft fürs Toreschießen. Wie schon im Hinspiel in Bologna traf der Antreiber auch in Mönchengladbach. Hatte freistehend allerdings auch nur wenig Mühe. Aber auch so einen Ball muss man erstmal machen. Vor allem auch in der Drucksituation, die auf dem Team nach dem "Rückschritt" (so Flick) gegen Ungarn lastete. Er strahlte nicht nur jene Überzeugung aus, die ein Anführer braucht, sondern vermittelte seinen Teamkollegen ständig den Willen, endlich einen Sieg in der Nations League einzufahren. Wie er Neuer nach einer starken Paraden fast mit der Brust ausknockte, das war schon bemerkenswert gallig. Lieferte zudem den Nachweis (eine entsprechende Frage war aufgekommen), dass er nach einer zehrenden und für ihn nicht einfachen Saison noch Power und Anschubkraft hat.

İlkay Gündoğan: Er ist die wichtigste Kontrollinstanz an Bord. Hat die Augen überall, ist immer anspielbar. Seine Seitenverlagerungen sind großartig, seine Steckpässe ebenfalls. Der City-Spieler ist ein herausragender Taktgeber. Im deutschen Trikot geht ihm aber irgendwie die Dynamik ab, die er im Klub auf den Platz bringt. Wenn er spielt, weiß man, warum. Wenn ein Leon Goretzka in bester Verfassung allerdings den Stammplatz bekommt, dann weiß man ebenfalls, warum. Dessen Power zwischen den Strafräumen ist für die Flick'sche Idee wichtiger als das Genie von Gündoğan. Aber vielleicht bekommen ja auch beide an der Seite von Kimmich (oder davor) einen WM-Stammplatz. Als sicherer Elfmeterschütze hat er sich gegen Italien bewährt. Gut zu wissen. Ist mit vier Treffern nun einer der Top-Torschützen der ersten Flick-Saison. Ab der 87. Minute Anton Stach: Er hätte fast das sechste deutsche Tor erzielt, hat er aber nicht. Und sonst? Nix weiter.

Jonas Hofmann: Seine Synapsen funktionierten wieder. Sprich: Sie zündeten. Gegen Ungarn war das gegen Ende nicht mehr der Fall. Hofmann ließ die Riesenchance zum Sieg liegen, weil er katastrophal passte, statt selbst zu schießen. Was ihm davor mehrfach gut und erfolgreich gelungen war. In seinem Heimstadion untermauerte er seinen Anspruch, bei der WM in Katar eine zentrale Rolle im DFB-Team einzunehmen. Mit viel Schwung, Freude und Mut bespielte er Italien und holte den Elfmeter zum 2:0 raus. Ab der 64. Minute Serge Gnabry: Für ihn galt unter Joachim Löw: Er spielt immer. Das tat er zuletzt mit schwankender Form. Ihm tut es gut, nun einen echten Rivalen zu haben. Kam rein und war sofort im Raketenmodus. Gute Antritte und zwei Vorlagen auf Werner.

Thomas Müller: Man kann es nicht mehr hören und man möchte es auch eigentlich nicht mehr schreiben, aber: Wenn diese Mia-san-mia-Ikone aus München etwas kann und findet, dann sind es Räume, die eigentlich nicht da sind. Zumindest nicht für Otto-Normal-Fußballer. Seine Gabe, immer wieder dort aufzutauchen, wo ihn niemand vermutet, half auch gegen Italien. So stand er bei seinem 3:0 völlig frei und allein, der Ball prallte vor seine Füße - und Müller gönnte sich ein Tor. Und noch zwei Halb-Vorlagen. Er spielte Teamkumpel Serge Gnabry frei, der dann für Werner zum 4:0 auflegte. Vor dem 5:0 provozierte er einen Abspielfehler von Torwart-Riese Gianluigi Donnarumma. Allerdings, auch das gehört zur Wahrheit, hatte "Radio Müller" ein paar Frequenz-Probleme. Ist am Ende einer lange Reise (Saison) aber auch nicht verwunderlich. Passiert den Besten im Orbit. Ab der 75. Minute Jamal Musiala: Die deutsche Rakete wurde lange geschont und durfte erst am Ende zünden, tat das zur Zufriedenheit der Zuschauer. Die schenkten dem Juwel wohlwollend Applaus für kleine Fußball-Schmankerl.

Leroy Sané: Der Mann, der beim künftigen Wieder-Regionalligisten SG Wattenscheid 09 ausgebildet worden war und ein "sensationelles Potenzial" besitzt (das sagt Flick), durfte nach seinen rätselhaften Leistungen und seinem offensichtlich lustlosen Verhalten beim Spiel gegen Ungarn in Budapest (bei Aufwärmen und Sprinten nach Ende des Spiels) wieder beginnen. Zwingend erwartet worden war das nicht. Und der Mann, dessen Vater Souleymane noch immer eine Legende in Wattenscheid ist, wollte die Eindrücke der vergangenen Wochen korrigieren. Er tut auch gut daran, das weiterhin zu tun. Denn nicht nur beim FC Bayern war er offen angezählt worden, auch im DFB-Lager sind sie nicht glücklich mit Sané. Der Flügelstürmer suchte das Tempo, das Dribbling, den Abschluss. Zwei gute davon hatte er in Halbzeit eins. Das war gut, ebenso sein Engagement im Pressing. Was indes nicht so gut war: seine Effektivität. Drei Top-Abschlüsse hatte er, keiner war so gut, dass es zum Tor reichte. Ihm fehlte abermals die Überzeugung, die sich Flick von seiner Mannschaft unbedingt wünscht.

Timo Werner: In Deutschland war ja die Frage aufgekommen, wer denn für die Nationalmannschaft die Tore schießen soll. So richtig hatte sich in den vergangenen Tagen niemand angeboten, auch wenn Flick trotzig bekannte, dass seine Mannschaft doch in jedem Spiel einen Treffer erzielte hatte (stimmt natürlich). Um das Stürmer-Thema kam der Bundestrainer dennoch nicht herum. Und er tat sein Bestes, um Timo Werner, das glücklose Arbeitstier, stark zu reden, inklusive Startelfplatz gegen Italien. Und nach 90 Minuten stellt sich die Situation so dar: Werner erzielte zwei Treffer. Alles prima also? Nun, nein. Denn bis zur Erlösung (68. und 69. Minute) machte der Londoner das, war er immer tat - und damit bei vielen Fans für große Verzweiflung sorgte. Werner arbeitete wie ein Wahnsinniger, seinen Aktionen fehlte aber jede Entschlossenheit und Gefahr. Beim Führungstreffer war er indes beteiligt, weil er Raum für Raums Flanke schaffte. Dann traf er doch noch doppelt. Ab der 75. Minute Lukas Nmecha: Ihm hatte Flick bescheinigt, im Training sehr gute Abschlüsse zu haben. Davon war nichts zu sehen. Nun ja, war dabei. Ein Startelfeinsatz wäre mal interessant.

Quelle: ntv.de

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