Collinas Erben

"Collinas Erben" bleiben ruhig Wie die Zeitlupe das Handspiel dramatisiert

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Felix Brych im vollen Einsatz.

(Foto: imago/Sportnah)

Die Aufregerthemen des Fußball-Bundesliga-Spieltags? Wieder einmal das Handspiel und der Videobeweis: in Stuttgart, Schalke und Wolfsburg. Dabei läuft laut DFB alles korrekt ab. Dennoch sagen viele, sie blickten nicht mehr durch. Das zu ändern, dürfte allerdings nicht so einfach sein.

In der aktuellen Ausgabe der Monatszeitschrift "11 Freunde" findet sich ein bemerkenswertes Interview mit Felix Brych, seit Jahren die Nummer eins unter den deutschen Schiedsrichtern. Bemerkenswert ist es deshalb, weil der 43-Jährige ungewöhnlich offen auf die Fragen antwortet, seltene Einblicke gewährt und manch überraschende Einschätzung bereithält. So etwa zum Dauerthema Handspiel. "In meiner Karriere ist bestimmt fünfmal die Auslegung verändert worden, was Handspiel ist", sagt Brych. Dazu beigetragen hätten nicht zuletzt "die Superzeitlupen im Fernsehen, übrigens auch beim Foulspiel". Denn: "Weil uns auf diese Weise immer mehr Kontakte im Strafraum herausgefiltert und unter die Nase gerieben wurden, gibt es mehr Elfmeter als vor zehn oder zwanzig Jahren. Es werden also kleinere Vergehen gepfiffen, weshalb die Spieler wiederum ihr Verhalten verändern."

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Brych nennt diese Entwicklung eine Reaktion auf den Zeitgeist. Wenn ein Handspiel in der Zeitlupe aus mehreren Blickwinkeln gezeigt wird, sieht es durch die extreme Verlangsamung oft sehr viel stärker absichtlich aus, als es in der Realgeschwindigkeit der Fall ist. Dennoch wird die Zeitlupe im Allgemeinen für besonders aussagekräftig gehalten, weil sie vieles deutlicher zu machen scheint. Bei Handspielen im Strafraum riefen Medien und Öffentlichkeit deshalb im Laufe der Jahre immer häufiger nach Elfmetern. Fifa, Uefa und DFB passten ihre Regelauslegung mehrfach an, manchmal während der laufenden Saison, weil bald auch jene auf den Plan traten, denen die Referees zu streng waren. Das sorgte für Verunsicherung. Zwar war und ist weiterhin ausschließlich die Absicht maßgeblich. Doch wann sie vorliegt, ist oft schwierig zu bestimmen, auch wenn mit der Zeit einige Anhaltspunkte wie die "Vergrößerung der Körperfläche" und die "unnatürliche Armhaltung" hinzukamen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Für die Schiedsrichter hat das die Beurteilung, wann ein Handspiel strafbar ist, aber nicht unbedingt erleichtert. Nach wie vor gibt es einen großen Graubereich, daran ändert auch der Video-Assistent nichts. Die Grenzen seien fließend, so Felix Brych, der zugleich eine Faustregel nennt: "Je weiter der Arm vom Körper weg ist, umso mehr ist es Handspiel." Aber ganz genau werde man das nie festlegen können. Und so gab es auch am Wochenende in der Bundesliga wieder einige Streitfälle, die für Diskussionsstoff sorgten. Beispielsweise in der 13. Minute der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und RB Leipzig (1:3), als Mario Gomez den Ball nach einer Flanke in den Leipziger Strafraum an den Arm von Willi Orban köpfte. Der Unparteiische Felix Zwayer ließ zunächst weiterspielen, schaute sich die Szene in der nächsten Unterbrechung auf Anraten seines Video-Assistenten jedoch noch einmal in der Review Area an. Als er auf den Platz zurückkehrte, entschied er auf Strafstoß für die Gastgeber.

Ein Handspiel mit ausgestrecktem Arm führt zum Elfmeter

Bei Spielen mit Video-Assistenten wirft eine solche Entscheidung häufig zwei Fragen auf. Erstens: Hatte der Helfer in Köln überhaupt eine Veranlassung einzugreifen? Ja, sagt Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, auf der Website des Verbandes. Denn Zwayer sei die Sicht versperrt gewesen, weshalb er das Handspiel nicht habe erfassen und bewerten können. Da hier in Betracht kam, dass ein schwerwiegender Vorfall übersehen wurde, habe der Video-Assistent zu Recht ein On-Field-Review empfohlen. Zweitens: War das Handspiel wirklich strafbar? Auch das bejaht Fröhlich: "Beim Sprung zum Ball hat der Leipziger Spieler Orban die Arme weit vom Körper abgespreizt und wehrt den Ball mit dem rechten Arm ab." Strafstoß sei deshalb die richtige Entscheidung gewesen.

Man kann trefflich darüber streiten, ob Orbans Armhaltung wirklich dem Ziel diente, den Ball regelwidrig aufzuhalten, oder ob sie nicht auch Bestandteil einer normalen und natürlichen Sprungbewegung zum Ball gewesen sein könnte. Aber da sind die Referees schon seit einer Weile strikt und sollen es auch sein: Wer mit ausgestrecktem oder abgewinkeltem Arm die Kugel berührt, wird mit einem Elfmeter bestraft. Und wenn ein Schiedsrichter einmal anders entscheidet - wie vor zwei Wochen beim Handspiel von Mats Hummels in Leverkusen -, dann wird das als Fehler verbucht.

Warum es auf Schalke keine Handelfmeter gab

Auch in der Begegnung zwischen dem FC Schalke 04 und dem SC Freiburg (0:0) griff der Video-Assistent bei einer Entscheidung ein, die mit einem Handspiel zusammenhing. Nur waren die Voraussetzungen hier andere als in Stuttgart: Schiedsrichter Frank Willenborg hatte in der 81. Minute auf Elfmeter für die Gäste erkannt, nachdem der grätschende Omar Mascarell eine Hereingabe mit dem Arm aufgehalten hatte. Doch nach Rücksprache mit der Videozentrale in Köln und einem On-Field-Review nahm der Unparteiische den Handelfmeter zurück. Laut Lutz Michael Fröhlich zu Recht, denn Mascarell habe "bei seinem Abwehrversuch die Arme sehr nahe am Körper angewinkelt" und "keinesfalls abgespreizt".

Dennoch stellte sich auch hier die Frage: War der Eingriff des Video-Assistenten unbedingt erforderlich? Ja, erklärt Fröhlich, weil die Entscheidung auf einer falschen Wahrnehmung beruht habe: "Der Schiedsrichter hat zunächst auf Strafstoß entschieden, weil er den Arm als vom Körper abgespreizt wahrgenommen hat. In der Kommunikation mit dem Video-Assistenten spricht der Schiedsrichter von einer Abwehr mit dem oberen Arm. Diese Wahrnehmung deckt sich nicht mit den TV-Bildern." Daher habe der Video-Assistent zu Recht ein On-Field-Review empfohlen. Das bedeutet: Ob eine prüfbare Entscheidung als vertretbar oder als klar falsch einzuschätzen ist, hängt wesentlich davon ab, wie der Schiedsrichter sie gegenüber dem Video-Assistenten begründet. Und weniger davon, wie sie ungeachtet dieser Begründung zu beurteilen ist.

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Lukas Kübler kommt in dieser Szene ohne Elfmeterpfiff davon.

(Foto: imago/Team 2)

Bereits nach einer halben Stunde hatte Willenborg ein kniffliges Handspiel zu bewerten, als der Freiburger Lukas Kübler den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand aufhielt. Der Referee ließ weiterspielen, sein Video-Assistent hatte keine Einwände. Auch das sei in Ordnung gewesen, sagt Lutz Michael Fröhlich: "Kübler ist in einer Drehbewegung. Die Arme dieses Spielers sind hier schon leicht abgewinkelt, aber das Bewegtbild wiederum spricht eher für eine unabsichtliche Haltung." Es handle sich um eine "Situation im Grenzbereich", bei der "die Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Feld durch den Video-Assistenten nicht infrage gestellt werden" solle. Mit anderen Worten: Der Wahrnehmung des Unparteiischen widersprachen die Bilder nicht, und weil man über deren Beurteilung streiten konnte, blieb es bei der ursprünglichen Entscheidung.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Im Spiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem 1. FSV Mainz 05 (3:0) gab es für Schiedsrichter Benjamin Cortus ebenfalls zwei Handspielszenen im Strafraum zu beurteilen: Nach 26 Minuten lenkte der Mainzer Moussa Niakhaté den Ball bei einem Torschuss mit dem Arm ab, in der 69. Minute nahm sein Mitspieler Philippe Gbamin die Kugel im Zweikampf deutlich mit dem Arm mit. In beiden Fällen ließ der Unparteiische weiterspielen - im ersten Fall zu Recht, "denn die Arme des Mainzer Spielers Niakhaté sind sehr nahe am Körper und schwingen ohne Spannung nach hinten", wie Fröhlich urteilt. Im anderen Fall war Cortus die Sicht verdeckt, weshalb der Video-Assistent intervenierte, was angesichts der eindeutig aktiven Bewegung von Gbamin mit der Hand zum Ball unzweifelhaft korrekt war. Nach einem kurzen Review entschied der Referee berechtigterweise auf Strafstoß für die Hausherren.

Beim DFB beurteilt man also sämtliche Handspielauslegungen und Eingriffe der Video-Assistenten als richtig, während Spieler, Trainer, Fans und Medien beklagen, weder beim einen noch bei den anderen durchzublicken. Jochen Drees, der Projektleiter für die Video-Assistenten beim DFB, kann den Unmut beim Handspiel zwar verstehen, sieht aber keine Alternative zum derzeitigen Vorgehen: "Die Schwierigkeit ist, dass wir das Thema Handspiel sehr fachlich sehen, da kann man nicht alle mitnehmen", sagte er gegenüber dem "Kicker". "Aber gibt es bessere, für jeden Einzelnen nachvollziehbare Kriterien, zu entscheiden, ob ein Handspiel strafwürdig ist oder nicht?"

Die gibt es wahrscheinlich nicht, allerdings könnte man, wie es Martin Schneider in einem Kommentar in der "Süddeutschen Zeitung" gefordert hat, den demokratischen Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" beherzigen, statt "nach wackliger Indizienlage immer wieder die Höchststrafe" zu verhängen. Die derzeitige Praxis hat allerdings ihre Gründe: Die Verbände wollen Tore und Spektakel, deshalb begünstigen Änderungen bei den Regeln und deren Auslegungen seit Jahren die Offensive. Hinzu kommt eine regelrechte Zeitlupenhuberei, die, wie Felix Brych zu Recht bemerkt hat, eine strengere Linie der Schiedsrichter begünstigt. Ob sich das ohne Weiteres ändern ließe und mehr Akzeptanz fände?

Quelle: n-tv.de