Sport
Oliver Kahn hat einen neuen Titan ausgebildet. Sein Name: Abdullah Al Mayoof.
Oliver Kahn hat einen neuen Titan ausgebildet. Sein Name: Abdullah Al Mayoof.(Foto: imago/MIS)
Donnerstag, 14. Juni 2018

Gruppe A unter der n-tv.de Lupe: Kahn'chen, Messi'chen, Ramos'chen und Salah

Von Tobias Nordmann

Die WM-Vorrundegruppe A ist langweilig? Ha. Ha! Die kleine Weltelite des Fußballs kommt hier zusammen: der arabische Kahn, der arabische Messi, der ägyptische Nesta, der echte Salah und der legendäre Beißer.

Привет, Россия

Achja, das Sommermärchen. Was war das doch schön. Gut, es war sehr wahrscheinlich gekauft. Aber hey, seid ehrlich, es war doch wirklich prächtig. Geben wir den Russen also mit auf ihren WM-Weg: Напишите свою футбольную сказкy! Diese Ermunterung ist trotz Platz 70 in der Fifa-Weltrangliste bar jeder Ironie oder Häme. Die indes hegen die Russen für ihre "Sbornaja" reichlich. Nach dem krachenden EM-Aus in Frankreich vor zwei Jahren und anschließender Protz-Party der Champagner-Fußballer Alexander Kokorin (fehlt bei der WM verletzt) und Pawel Mamajew forderte eine Petition die Auflösung des Nationalteams. Der bekannte Fernseh- und Radio-Journalist Wladimir Solowjow soll damals sogar geschimpft haben: "Sie sind dummes Vieh mit Silikon im Hirn." Nach zwei schneereichen Wintern ist die Stimmung gegen die Sbornaja zwar nicht mehr ganz so frostig, das liegt aber auch daran, dass die Erwartungen bei der Heim-WM auf das Level "hahaha" reduziert wurden. Sogar Präsident Wladimir Putin, der sich sehr gerne als kraftstrotzender Sportsmann und Chef einer überragenden Sportnation inszeniert, formuliert Ansprüche, die selbst im Abstiegskampf der Kreisliga C nicht banaler sein könnten: "Wir erwarten einfach nur, dass das Team mit Würde spielt, modernen und interessanten Fußball zeigt und bis zum Ende kämpft."

Hoffnungsträger ohne Erfolg? Stanislaw Tschertschessow kämpft mit mit der Sbornaja bei der WM um die Würde.
Hoffnungsträger ohne Erfolg? Stanislaw Tschertschessow kämpft mit mit der Sbornaja bei der WM um die Würde.(Foto: REUTERS)

Doch allein das könnte schon zu einem Problem werden. Denn Kampfgeist ist aktuell keine Eigenschaft, die russischen Fußballern zugeschrieben wird. Bis auf Ersatzkeeper Wladimir Gabulow (FC Brügge) und Stürmer Denis Tscherischew (FC Villarreal) spielen alle WM-Fahrer in der heimischen Premjer-Liga, lassen es sich bestens bezahlt, aber ohne großes Fordern und Fördern gut gehen. Das Ergebnis: International ist der russische Fußball nicht konkurrenzfähig. Das kann selbst Coach Stanislaw Tschertschessow nicht ändern. Den nämlich hat Verbands-Vizepräsident Nikita Simonja als einzigen Hoffnungsträger ausgemacht. Seit sieben Spielen ist die Mannschaft um den routinierten Torwart Igor Akinfejew sieglos. Das Kollektiv ist schwach, starke Individualisten rar: Nur die Mirantschuk-Zwillinge Anton (Mittelfeld) und Alexei (Sturm) genügen höheren Ansprüchen, ebenso der technisch versierte Alexander Golowin. Juri Schirkow hat Erfahrung, aber nicht mehr das Niveau vergangener Jahre. Klingt wenig? Ist wenig. Ein Sommermärchen? Nun, Märchen sind ja nur selten freudentaumelig und bierselig. Sie sind mitunter sogar sehr grausam.

Mit diesem Wissen können Sie punkten (wieder von den 11Freunden geklaut, danke und schöne Grüße!): Die Russen halten tatsächlich einen WM-Rekord. Und zwar den für die schnellste rote Karte der Turnier-Geschichte. Bereits in der ersten Minute des Vorrundenspiels gegen Schweden 1994 (1:3) wurde der ehemalige Erst- und Zweitliga-Spieler Sergei Wadimowitsch Gorlukowitsch von Borussia Dortmund (44 Spiele) und Bayer Uerdingen (80 Spiele) vom Platz gestellt.

Hola, Uruguay

Beißen kann wehtun.
Beißen kann wehtun.(Foto: REUTERS)

Bei Uruguay denken Sie nur: bitte jetzt nicht die Beißer-Geschichte von Luis Suarez. Okay. Lassen wir bleiben. Über den Stürmer des FC Barcelona würden wir aber dennoch gerne ein wenig plaudern. Denn er ist ja schon ein richtig Guter. Technisch ist er hochbegabt. Schnell ist er auch. Und abschlussstark sowieso - macht im Gesamtpaket: Weltklasse. Ein Prädikat, das er mit seinem ewigen Sturm-Buddy Edinson Cavani teilt. Der spielt bei Paris St. Germain gegen, ähmmm ... mit Superstar Neymar. Cavani kann ebenfalls alles mit dem Ball. Er kann aber auch so richtig wutbüffeln - wie der Rest seines Nationalteams. Denn die "La Celeste" kann zwar vorne wirklich schön, hat ihre Kernkompetenz aber doch eher im kollektiven und kompromisslosen Malochen. Anders als zweikampfbefreite Schönspieler wie eben Neymar dient den meisten Uruguayern der eigene Körper als kompromissloses Handwerkszeug zur Torverhinderung. Das von Kritikern als "hässliche Spielweise" verspottete Aufopfern wurde den Uruguayern unter anderem von Kult-Coach Oscar Washington Tabarez eingeimpft. Für die Spieler, ob nun für die erfahrenen Sturmteufel Suarez und Cavani, die Mittelfeldtalente Gaston Pereiro (PSV Eindhoven) und Rodrigo Bentancur (Juventus Turin) oder die Atlético-Abwehr-Ungetüme Diego Godin und José Giménez ist "El Maestro" wie ein Vater. Dem aber geht es gesundheitlich überhaupt nicht gut. Seit 2006 Nationaltrainer - zum zweiten Mal nach 1988 bis 1990 - wird er sich nach der WM wohl in den Ruhestand verabschieden. Gepeinigt von einer Nervenkrankheit, kann er kaum noch längere Zeit stehen. Bei Spielen sieht man ihn häufiger mit Krücken oder gar im Rollstuhl. Mit der Kraft des Kollektivs und der Klasse der Individualisten will Uruguay den Papa würdevoll verabschieden.

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Beißen - jaja, einfach weiterlesen - ist bei der Weltmeisterschaft 2018 offiziell verboten. Dies steht in den Regeländerungen, die von den Regelhütern des International Football Association Board beschlossen worden sind. Die Erweiterung der Regel 12 setzt Beißen mit allen anderen Vergehen gleich, die mit direktem Freistoß und Platzverweis geahndet werden.

مرحبا مصر

Die Szene, die ganz Ägypten leiden ließ.
Die Szene, die ganz Ägypten leiden ließ.(Foto: AP)

Erst Held, dann Opfer und jetzt Täter? Neben Nordkoreas devotem Provokateur Kim Jong Un und dem US-amerikanischen Ätsch-Bätsch Donald Trump war in den vergangenen Wochen wohl niemand häufiger in multiplen Rollen in den Schlagzeilen als Mohamed Salah. Beim FC Liverpool pflügte sich der Ägypter in dieser Saison unaufhaltsam spektakulär durch die europäische Fußball-Welt - bis er im Champions-League-Finale auf Real-Rüpel Sergio Ramos traf. Der Spanier verarbeitete den Stürmer per Aushebler in die Kategorie "Krankenstand". Madrid gewann den Henkelpott, Ramos wurde eine Milliardenklage angedroht, eine Petition sammelte Stimmen für eine Sperre des Abwehr-Toreros - und Salah? Der litt. Mit ihm ein ganzes Land. Vielleicht sogar die ganze Fußball-Welt. Geschichte! Denn Salah hat geözilt und gegündogant (vielleicht nicht freiwillig). Er hat sich im Trainingslager seiner Nationalmannschaft im tschetschenischen Grosny mit dem aggressiven Autokraten Ramsan Kadyrow ablichten lassen. Menschenrechtsorganisationen in aller Welt sind fassungslos. Für die meisten Ägypter ist das anders als die Özil-Gündogan-Erdogan-Debatte in Deutschland aber kein Thema. Die nationale Sorge beschäftigt sich nur mit einem Thema: Wird Salah rechtzeitig fit? Denn an dem Superstar hängen trotz der England-Legionäre Ahmed El-Mohammadi (Aston Villa), Ali Gabr, Ahmed Hegazy - den sie in Anlehnung an den legendären Italiener Alessandro Nesta auch "Pyramiden-Nesta" nennen - (beide West Bromwich Albion), dem talentierten Außenspieler Ramadan Sobhi (Stoke City) und Spielmacher Mohamed Elneny (Teilzeitkraft des FC Arsenal) alle Hoffnungen der Nordafrikaner. Die sind allerdings ziemlich vage, wie "Welttorhüter" Lutz Pfannenstiel im Gespräch mit n-tv.de erklärt: "Logisch spielt Ägypten mit Salah einen offensiven, attraktiven Fußball. Klar ist aber auch, dass Ägyptens Spielweise wegen Salah leicht auszurechnen ist."

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Ägyptens Stammtorwart Essam el-Hadary ist bereits 45 Jahre alt, aber immer noch unumstritten. Wenn er bei der WM (wovon auszugehen ist) spielt, löst er den Kolumbianer und früheren Kölner Faryd Mondragon als ältesten Spieler ab, der bei einer WM gespielt hat.

مرحبا السعودية

Der Saudi-Titan: Abdullah Al Mayoof.
Der Saudi-Titan: Abdullah Al Mayoof.(Foto: dpa)

Jaja, man kann das deutsche Härtetest-Gemurkse gegen Saudi-Arabien in Leverkusen mit schwül-heißem Wetter und den fortwährenden Pfiffen gegen Erdogans Foto-Kumpel Ilkay Gündogan erklären. Das ist ganz charmant, weil es die WM-Laune hierzulande nicht verdirbt. Man kann das immer murksigere Gemurkse aber auch am Gegner Saudi-Arabien festmachen. Der rauschte in der Nachspielzeit zwar dank Mats Hummels Heldengrätsche nur Zentimeter am vermutlich größten Verbandserfolg, dem möglichen Remis gegen den Weltmeister, vorbei, hinterließ dabei aber dennoch einen Eindruck, der dem Eröffnungsspiel gegen Russland (17 Uhr in der ARD und im Liveticker bei n-tv.de) doch noch einen Seh-Sinn gibt. Denn das Spiel der Araber ist unter dem neuen Trainer Juan Antonio Pizzi sehr ansehlich. Technisch stark, schnell und ohne große Fisimatenten geht's da über die Spanien-Lehrlinge (siehe unten) Salem Al-Dawsari (FC Villarreal) und Fahad "Messi oder Ronaldo" Al-Muwallad (UD Levante) nach vorne. Dass der Abschluss dann eher grob justiert ist, nunja, irgendwie muss sich Weltranglisten-Platz 67 ja erklären. Ganz so stabil ist auch die Abwehr der Araber nicht, den Veteranen Omar Hawsawi und Osama Hawsawi geht mitunter die Handlungsschnelligkeit ab. Aber dafür haben sie jetzt Abdullah Al Mayoof, den Saudi-Titan. Von Oliver Kahn ausgebildet, widerlegte der 31-Jährige in Leverkusen die nun fast lächerliche anmutende These eines arabischen Torwart-Problems. Wie Al Mayoof einen Volleyschuss von Sami Khedira aus acht Metern per Kahn'schem Reflex an den Pfosten parierte ..., mein lieber Kokoschinski! Und so sagt Coach Pizzi: "Wir haben gegen den WM-Favoriten ein gutes Spiel gemacht, haben uns Chancen erspielt. Das gibt uns viel Schwung und Selbstvertrauen für das Eröffnungsspiel." Und tatsächlich: Nach 1994 könnte es bei der fünften WM-Teilnahme wieder fürs Achtelfinale reichen.

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Um international konkurrenzfähig zu werden, hatten die "Grünen Falken" eine kreative Idee, sie vereinbarten mit der spanischen "La Liga" ein kostenloses Leasing-Geschäft inklusive arabischer Sponsoring-Angebote. So wechselten neun Spieler als Fortbildungsmaßnahme in die ersten beiden Profi-Ligen auf die Iberische Halbinsel. Der Durchbruch gelang zwar weder dem von Liga-Repräsentant Fernando Sanz als "arabischer Messi oder Ronaldo" geadelten Al Muwallad noch Al-Dawsari und auch nicht der dritten Top-Kraft Yahya Al-Shehri, doch als Trainingsgast waren sie fleißige und willige Lehrlinge - mit nun durchaus WM-reifer Expertise.

Auf diesen Spieler müssen Sie achten

Noch ist nicht klar, ob Ägyptens Fußball-Star Mohamed Salah bis zur Fußball-WM wieder fit wird. Aber selbst wenn, einem Gegner ist das egal: "Sein Spiel bereitet mir keine Sorgen. Wie man ihn stoppen kann? Man kann zum Beispiel das tun, was Sergio Ramos getan hat." So wird Russlands Nationalspieler Ilja Kutepow in der "Daily Mail" zitiert. Für alle, die nicht wissen, was Kutepow meint: Im Champions-League-Finale hatte der Verteidiger von Real Madrid den Stürmer des FC Liverpool niedergerungen, der Ägypter sich daraufhin an der Schulter verletzt. Er musste ausgewechselt werden. "Ramos hat uns gezeigt, wie es geht, und ich kann nicht behaupten, dass ich traurig war, als sich Salah im Finale verletzte", pöbelt das russische Ramos'chen. Die Russen treffen am 2. WM-Spieltag (19. Juni, 20 Uhr) auf Ägypten.

Wie geht's aus?

1. Uruguay
2. Saudi-Arabien
3. Ägypten
4. Russland

Quelle: n-tv.de