Technik
Die Kapazität des iPod betrug bis zu 160 Gigabyte.
Die Kapazität des iPod betrug bis zu 160 Gigabyte.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 28. Oktober 2014

Kein 13. Geburtstag bei Apple: Der stille Tod des iPod Classic

Von Roland Peters

Der iPod revolutionierte die Musikwelt und ist eines der legendärsten Produkte, die Apple gebaut hat. Der Player wäre vor wenigen Tagen 13 Jahre alt geworden. Doch Apple lässt ihn still sterben. Warum? Diese Frage muss Tim Cook beantworten.

Vergangenen Monat war es so weit. Apple stoppte die Produktion des iPod Classic. Kurz vor seinem 13. Geburtstag wurde er zu Grabe getragen. Bereits am 9. September verschwand er von den Unternehmensseiten, einfach so, ohne Erklärung.

Doch dann ist Apple-Chef Tim Cook zu Gast bei der Digitaltechnologiekonferenz des "Wall Street Journal", sitzt auf der Bühne und plauscht mit Chefredakteur Gerry Baker. Plötzlich beschwert sich jemand aus dem Publikum bei Cook darüber, dass der iPod Classic nicht mehr erhältlich sei.

Das Gerät starb still, ein Thema war es fast nur auf einschlägigen Technik-Websites. Bis jetzt.

Tim Cook, bei Apple ohne Axt unterwegs.
Tim Cook, bei Apple ohne Axt unterwegs.(Foto: REUTERS)

Der Apple-Chef muss erklären, warum: "Wir konnten die Teile nicht mehr bekommen, nirgendwo auf der Welt." Es sei nicht so gewesen, dass er die Axt geschwungen habe und sich gefragt habe, "was kann ich heute töten", wird Cook von Mashable zitiert. Vielmehr wäre die Entwicklungsarbeit aufwändig gewesen, und die Anzahl der Interessenten gering. "Es gibt zudem ausreichend Alternativen." Das war nicht immer so.

Mehr als physische Freiheit

Der iPod Classic, der früher einfach nur iPod hieß, war eine Revolution in der Musikwelt. Sowohl im Geschäftlichen, als auch in der Club-Landschaft und im persönlichen Gebrauch. Er läutete die vielleicht größte Krise der Musikindustrie ein und schickte Sony als Hersteller des Walkman für Audio-Kassetten und des Discman für CDs ins zweite, dritte Glied zurück. Sonys eigenes Format MiniDisc konnte sich nicht etablieren.

Dass es für ein solches Musikformat einen riesigen Markt gab, wurde spätestens durch Napster deutlich. Die Gratis-Tauschbörse für Musikdateien war zwischen 1999 und Juli 2001 online, also fast exakt in den zwei Jahren vor der Markteinführung des iPod. In Spitzenzeiten hatte sie mehr als 25 Millionen Nutzer. Am folgenden 23. Oktober stellte Apple seinen digitalen Musik-Player vor.

Das Konzept des iPod versprach mehr als nur physische Freiheit des Musikhörens. In den Clubs der Welt wurden nun iPod-Partys gefeiert, DJs und Privatleute konnten sich mit der Optimierung stundenlanger Playlists beschäftigen. Die Zeitgrenze war einfach verschwunden - keine CD-Wechsler mehr, keine 90-Minuten-Kassetten mit von der Bandlänge diktierten Songfolgen. Der erste iPod hatte 5 Gigabyte Speicherplatz, rund 1000 Songs fanden Platz darauf. Apple drehte weiter an der Kapazitätsschraube: Nach vier Jahren lag die maximale Kapazität bei 60 Gigabyte, 2007 bei 160 Gigabyte.

Seltsame Zurückhaltung

Lange war der iPod die einzige hochwertige Alternative mit viel Speicherplatz, um Musik in Dateiform unterwegs abzuspielen. Nur wenige andere Produkte waren ähnlich ausgereift. Die Konkurrenz hatte die Zeichen der Zeit schlicht nicht erkannt. Apple schon. Der iPod vollführte einen grandiosen, fast unangefochtenen Siegeszug. Er etablierte die Musiknutzung abseits klassischer Tonträger in der Goldgräberzeit der digitalen Welt und erneuerte zudem Apples Image als technischer Pionier, nachdem das Unternehmen vom Boom IBM-PC-kompatibler Geräte überrollt zu werden drohte.

Viel ist darüber geschrieben worden, wie Apple sich und seine Produkte inszeniert, sich sakraler Elemente bedient, um einen technischen Kult zu forcieren, mit der Botschaft von Selbstlosigkeit: Wir wollen die Welt nur besser machen! Doch die Produktion eines seiner größten Innovationen lässt  das Unternehmen einfach auslaufen und die Geräte von seiner Website in Stille verschwinden. Tim Cook äußert sich erst zu den Gründen, als er vor Publikum damit konfrontiert wird. Apple hat beim Tod des iPod Classic ungewohnt wenig Gespür für Inszenierung bewiesen - obwohl man nur ein klein bisschen nachhelfen müsste. Legendär ist der iPod ohnehin.

Quelle: n-tv.de