Technik

"Chameleon" schockt vernetzte Welt Forscher züchten WLAN-Virus

Wie schnell man zu Hause im Netz surfen kann, hängt auch vom Router ab. Foto: Armin Weigel

Chameleon hat gezeigt, dass künftig auch Router einen Virenschutz benötigen.

(Foto: dpa)

Britische Computerwissenschaftler entwickeln einen Virus, der sich epidemieartig über WLAN-Netze ausbreiten kann. Computer und andere Geräte sind "Chameleon" schutzlos ausgeliefert, kein Antiviren-Programm hält ihn auf.

Dem "Internet der Dinge" soll die Zukunft gehören. Computer, Smartphone, Tablets, Autos, Haushaltsgeräte, Heizung, Einkaufskörbe und vieles mehr sind vernetzt, kommunizieren mit dem Nutzer, Steuereinheiten oder untereinander. Meistens verbinden sich die Geräte über WLAN mit dem Internet. Fast jeder Haushalt, jede Firma, jede Behörde hat ein eigenes von Routern (Access Points) gespanntes Netz. In Ballungsräumen gibt es Zigtausende. Ein gefundenes Fressen für "Chameleon", einen Monster-Virus, den Wissenschaftler der Universität Liverpool in einer Forschungsarbeit vorgestellt haben.

Unauffälliger Angreifer

"Chameleon" breitet sich über das WLAN aus, fast wie ein Krankheitserreger durch die Luft. Der Betreiber eines Netzes bemerkt davon nichts, denn der Angreifer hat seinen Router befallen, der Antivirenschutz auf dem Rechner bleibt außen vor.

Der Virus schleicht sich in die Einstellungen eines Routers und installiert eine eigene Firmware auf den Geräten. Damit dies nicht auffällt, speichert "Chameleon" zuvor die Nutzereinstellungen und spielt sie nach seinem Update wieder auf. Außerdem wird er nur alle zwei Tage aktiv. Er scannt dann nach verfügbaren WLAN-Netzen, gewöhnlich sind Router in Entfernungen zwischen zehn und 50 Metern erreichbar.

Dann schickt "Chameleon" den Code an alle Access Points in seiner Reichweite. Router mit fehlender oder schwacher Verschlüsselung knackt der Virus. Einige befallene Access Points nutzt er dabei nur zur Weiterverbreitung, andere zu Angriffen auf verbundene Geräte. Besonders gefährdet seien öffentliche Netzwerke, beispielsweise in Cafes oder Flughäfen, sagte der leitende Professor Alan Marshall dem Wirtschaftsmagazin "Forbes".

Viele ungeschützte Netze

Indem "Chameleon" von Router zu Router springt, kann er sich in Städten epidemieartig ausbreiten. Die Liverpooler Wissenschaftler haben für London und Belfast von "Wigle.net" die Zahl der Access Points und deren Verschlüsselungsart ermitteln lassen. Danach rechneten sie durch, was "Chameleon" in diesen Städten in freier Wildbahn angerichtet hätte.

In Belfast gibt es rund 14.500 Router, von denen nur 61 Prozent eine sichere Verschlüsselung (WPA/WPA2) haben. 14 Prozent der Geräte sind schwach (WEP) gesichert, 22 Prozent sind offen. In London zählte "Wigle.net" annähernd 100.000 WLAN-Netze. 24 Prozent davon sind ungeschützt, 19 Prozent schwach, 48 Prozent sicher verschlüsselt. Gingen die Wissenschaftler von einer hohen Reichweite der Router von 50 Metern aus, wären nach drei Jahren in beiden Städten 70 Prozent der Geräte infiziert. Bei einer minimalen Reichweite von zehn Metern hätte "Chameleon" in Belfast nach fünf Jahren mehr als 50 Prozent der Router erobert, in London nach 17 Jahren.

Alle Einzelheiten teilten die Wissenschaftler nicht mit, um keine Anleitung für Kriminelle zu liefern. "Bisher galt es als unmöglich, einen Virus zu entwickeln, der WLAN-Netze angreift", sagte Marshall. "Aber wir haben demonstriert, dass es möglich ist und dass sich so ein Virus schnell ausbreiten kann." Sein Team will nun auf Basis seiner Forschung neue Techniken entwickeln, damit künftig Antiviren-Programme Router vor WLAN-Viren schützen können.

Quelle: ntv.de, kwe

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