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#mygauck oder #notmygauck Netznutzer proben Aufstand

Eine Reihe von Online-Initiativen versucht, sich in den "Wahlkampf" um das Amt des Bundespräsidenten einzuschalten. Einige Medien wittern bereits einen Obama-Effekt. Aber Joachim ist nicht Barack.

Gauckportrait aus Twitter-Avataren

Der "Spiegel" weiß es mal wieder ganz genau: Die "Netzgemeinde" schwärme für den Kandidaten Gauck, jetzt würden "wieder Web-Seiten geschaltet, virtuelle Gruppen gegründet und für Aufmerksamkeit getrommelt".

Selbst die dpa hat bemerkt, dass sich da etwas tut: "Wäre die Bundespräsidenten-Wahl eine Abstimmung im Internet, Joachim Gauck hätte eine große Mehrheit sicher", schreibt der Korrespondent und beruft sich auf die - nicht repräsentative - Online-Umfrage der Tagesschau. (Auch bei n-tv.de gibt es ein solches Spielchen, hier sind aktuell 80 Prozent der Teilnehmer für den Kandidaten Gauck.)

Online-Petitionen und Twitter-Hashtags

In der Tat gibt es eine ganze Reihe neuer Inititiativen im Netz, angefangen von der völlig folgenlosen Online-Petition "Für die Wahl Joachim Gaucks" auf einer britischen Webseite, über die notorischen Facebook-Seiten und Twitter-Hashtags, bis hin zu einer ganzen Reihe von Blogs und Aktionsseiten, deren Initiatoren sich offenbar einbilden, tatsächlich das Wahlverhalten der Bundesversammlung beeinflussen zu können (oder wenigsten die eigene Bekanntheit etwas zu steigern).

Macht der Masse gegen das "Establishment"

Selbsternannte "Web-Evangelisten" und Polit-Kampagneros werfen sich in die Bresche, um "das Netz zu politisieren" (Nico Lumma) oder die Kanzlerin die Macht der Masse schmecken zu lassen - und sei es in Form eines virtuellen Zugs durch die Gemeinde - mit Hilfe einer japanischen Web-Applikation. Das alles kommt so saft-, kraft- und ideenlos daher, als solle im Grunde nur gezeigt werden, dass man als Real-Politiker vor der "Netzgemeinde" nun ganz gewiss keine Angst haben muss.

Die Parade der Twitter-Follower von "mein-praesident" - online realisiert mit isparade.jp

Denn eines sind die Netz-Aktivisten ja nun gerade nicht: eine uniforme Masse, die einem festgefügten Glaubens-Credo folgt. Und so mancher Blogger hat dann doch nochmal etwas näher hingesehen, wer da von einigen ach so progressiven "Nerds" unterstützt wird: ein Kandidat aus den Reihen des politischen Establishments (und Mitglied sowohl der Atlantik-Brücke aus auch der Deutschen Nationalstiftung), der womöglich nur zeigen soll, dass SPD und Grüne auch noch da sind - wenngleich eben auf der harten Oppositionsbank.

Sie insistieren auf Twitter und anderswo, Gauck sei nicht ihr Präsident ("#notmypresident") und geben vor, sich "nicht vergauckeln" lassen zu wollen. Das nimmt der von den Offline-Medien herbei gesehnten Online-Bewegung einiges an Dynamik, bleibt aber darüber hinaus ebenfalls ohne große Wirkung - jedenfalls vorerst.

Das kann man bedauern oder eben nicht. Es ist, wie der Stern konstatiert, nicht viel mehr als eine La-Ola-Welle, die vorüber rauscht. Der Bundespräsident wird aus gutem Grund von der Bundesversammlung gewählt. Man mag sich durchaus mehr Partizipation  im Netz und durch das Netz wünschen. So lange sich aber politsches Handeln auch hier in symbolischen Handlungen erschöpft, bleibt es bei der Probe des Aufstands, die den Aufstand ersetzt. Und am Ende wird doch wieder Deutschland Weltmeister und Christian Wulff neuer Bundespräsident.

Quelle: ntv.de