Wirtschaft

Zwischen Graccident und Grexit Hilft Griechenland eine zweite Währung?

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Die alte Drachme wird es nie mehr geben. Aber im Schuldenpoker könnte Athen die Karte "Schuldscheine" ziehen. Wäre das der goldene Mittelweg?

(Foto: picture alliance / dpa)

Schafft es Athen, neue Euros zu beschaffen, bevor die Kassen völlig leer sind? Viele Optionen hat die griechische Regierung nicht mehr. Da ist eine alte Idee plötzlich wieder brandaktuell.

Fassen wir zusammen: Griechenland gehen die Euros aus. Den Währungsraum verlassen will die Regierung nicht. An die vereinbarten Spielregeln halten will sie sich auch nicht. Auch die EU will nicht, dass Athen den Euro aufgibt. Außer der Forderung nach Sparmaßnahmen und Reformen im Gegenzug für Euros hat sie Hellas aber nichts zu bieten. Der Geldhahn ist zu. Griechenland droht Insidern zufolge ohne weitere Finanzhilfen innerhalb von knapp vier Wochen die Staatspleite - spätestens. Wie lässt sich der "Grexit" oder der "Graccident", der ungesteuerte Austritt Griechenlands aus der Eurozone, noch verhindern?

Ein Schnellschuss bei dieser klammen Finanzlage wäre die Einführung einer Art Parallelwährung. Das Szenario ist nicht neu. In den vergangenen Wochen hat diese Idee aber plötzlich wieder erstaunlich viele Anhänger gewonnen. Der zyprische Wirtschaftsnobelpreisträger Christofer Pissarides plädierte sogar im griechischen Fernsehen für diese "Notlösung", damit Griechenland nicht aus der Eurozone austreten muss, wenn demnächst Ebbe in der Staatskasse ist. Auch deutsche Ökonomen können sich die Einführung einer griechischen Parallelwährung zum Euro inzwischen durchaus vorstellen. Ins Spiel gebracht hatte sie vor drei Jahren der damalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. Er taufte sie auf den Namen Geuro.

Was würde bei so einem Szenario passieren? Um das akute Liquiditätsproblem zu lösen, würde die griechische Regierung über das Schatzamt Schuldscheine begeben und damit die Bediensteten des öffentlichen Sektors und Transferleistungsempfänger, also Rentner und Arbeitslose, bezahlen. Der Vorteil: Sie wäre damit einen großen Posten von Zahlungen, die ansonsten in Euro zu leisten wären, los. Genau das wäre dann die "Einführung einer Parallelwährung durch die Hintertür", sagt der Ökonom Christian Fahrholz. Es wäre der befürchtete "Unfall", "die praktische Umsetzung des sogenannten Graccident".

Abwegig wäre so ein Szenario nicht. Positive Erfahrungen mit einer Einführung einer Art Notgeld bei klammer Finanzlage gibt es: Anfang 2009 griff zum Beispiel der US-Bundesstaat Kalifornien nach diesem Strohhalm, als er pleite war. Der damalige Gouverneur Arnold Schwarzenegger gab sogenannte IOUs in Milliardenhöhe aus. Im Unterschied zu Griechenland hatte Kalifornien aber eine funktionierende Wirtschaft und einen Superstaat wie die Vereinigten Staaten im Rücken, als es die Durststrecke durchmachte.

Vertrauen ist gut, Sicherheiten besser

Griechenland hat keine Sicherheiten für eventuelle Schuldscheine. Die zweite Währung würde auf dem nackten Vertrauen der Bürger basieren, dass sie für diese Schuldscheine irgendwann einmal wieder Euros sehen werden. Athen müsste Gesetze erlassen, um die Bürger zu animieren, die Scheine - mit den darauf gedruckten Zahlungsversprechen -, wie Geld zu verwenden. Erst wenn die Menschen dieses Notgeld auch für Dienstleistungen und Güter, wie Brot Oliven oder Öl verwenden oder auch Steuern damit bezahlen können, hätte Griechenland eine richtige Parallelwährung. Damit das funktioniert, müsste Athen aber sehr viel Vertrauen schaffen - und die Banken mit ins Boot holen.

Die Frage ist, wer so viel Vertrauen hat, dass er solche Schuldscheine akzeptieren würde, sagt Fahrholz. Ohne strikte Kapitalverkehrskontrollen würde die Einführung einer zweiten Währung die bisherige Kapitalflucht noch verstärken. Allein den vergangenen drei Monaten haben griechische Bürger wegen der unsicheren Lage bereits mehr als 20 Milliarden Euro von ihren Bankkonten abgehoben. Genau dieser Trend würde weitergehen, der Finanzmarkt würde weiter austrocknen, sagt der Experte für Wirtschafts- und Währungspolitik.

Die Erfahrung habe gezeigt, dass schlechtes Geld - also die Zahlungsmittel in Form von Schuldscheinen - gutes Geld verdrängt, so der Währungsexperte weiter. Sollte Athen eine Parallelwährung einführen, würde der griechische Privatsektor erst recht seine Euros horten oder sie von der Bank ins Ausland transferieren. Es wären harte Kontrollen notwendig, um den Abfluss an Euro aus dem Land zu stoppen. Ob das funktionieren könnte, ist zumindest fraglich, wie man in Zypern vor zwei Jahren - auf dem vorerst letzten Höhepunkt der Eurokrise - sehen konnte.

Der Grexit ist programmiert

Mit einer Parallelwährung würde die griechische Regierung vor allem eins gewinnen: Zeit. Das akute Liquiditätsproblem wäre sie mit der Einführung eines Notgeldes los - und sie könnte die Zeit nutzen, um mit den Gläubigern weiterzuverhandeln. Das grundsätzliche Problem aber hätte Athen damit nicht beseitigt. Im Gegenteil, die Regierung hätte ein neues Problem geschaffen. Denn sie hätte weitere Versprechen gegeben, die sie womöglich auch nicht einhalten kann, sagt Fahrholz. Freuen könnten sich darüber nur die Gläubiger, denn sie würden die restlichen Euros kassieren, die Griechenland dann noch hätte.

Nach Überzeugung des Wirtschaftsexperten würden der Graccident und die Parallelwährung schnell zum Grexit führen. "Griechenland würde nur Zeit überbrücken", sagt Fahrholz. "Sie schauen, was noch zu zahlen ist. Dann steht der IWF da, von dem sie wissen, dass er eine Tranche sehen will und nicht mit sich handeln lässt. Sie sehen, dass sie nur eine bestimmte Menge Euro haben, die nicht für alle reicht und entscheiden." Eine Parallelwährung verschiebe das Problem nur in die Zukunft. Und dabei verschärfe es das Problem noch.

Frische Euros würde Griechenland mit einer Parallelwährung nicht verdienen. Das Schlimmste - den Grexit - verhindern, kann die Regierung deshalb damit nicht. Nach und nach scheinen alle Wege der Geldbeschaffung auszutrocknen. Für Griechenland entwickelt sich die Lage immer mehr zu einem Tod - in Form einer "Ent-Euroisierung" - auf Raten.

Quelle: n-tv.de

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