Wirtschaft

Aus der DDR in die halbe Welt Interflug startet vor 30 Jahren ein letztes Mal

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Die "Lady Agnes", eine IL-62 der Interflug, auf dem Flugplatz Stölln/Rhinow. Das 1973 gebaute Passagierflugzeug war am 23. Oktober 1989 auf einer nur 800 Meter langen Ackerpiste gelandet, die Crew kam damit ins Guinness-Buch.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im April 1991 endet die Geschichte der Interflug. Gegründet Mitte der 1950er als Deutsche Lufthansa der DDR, bringt die Fluggesellschaft die DDR-Bürger von Berlin, Dresden, Erfurt und Leipzig ins - zumeist sozialistische - Ausland. Aber sie fliegt auch viele Ziele im Westen an. Den Mauerfall überlebt sie nicht lange.

"Lady Agnes" hält Kurs Nordwest, seit mehr als drei Jahrzehnten. So lange schon steht die Passagiermaschine auf einer Wiese im Havelland, nordwestlich von Berlin - natürlich ausrangiert; man kann in ihrer Kabine Hochzeit feiern. Die Iljuschin 62 ist eine der letzten Zeuginnen der Interflug.

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Pilot und Stewardess der Interflug 1969 - Flugbegleiterin hieß es damals noch nicht, "Saftschubse" erst recht nicht.

(Foto: imago/Frank Sorge)

Die staatliche Fluggesellschaft der DDR war der Stolz ihrer Besatzungen und der Regierung, doch vor 30 Jahren landete die Interflug für immer. Es bleiben die Erinnerungen an Höhen und Tiefen. Und eine Zeit, in der Fliegen noch etwas Besonderes war.

"Saftschubse hätte damals niemand gesagt", sagt Andrea Beu, früher Flugbegleiterin bei der Interflug. "Stattdessen wurde man in Uniform in der S-Bahn eher freundlich angesprochen." Noch stärker als im Westen war Stewardess in der DDR ein absoluter Traumberuf, wie die Berlinerin bestätigt. Denn Fliegen war ein Privileg, besonders wenn es in den Westen ging.

Die noch als Deutsche Lufthansa der DDR gestartete Interflug flog zu Zielen wie Bukarest, Budapest, Havanna und Moskau, aber auch Kairo und Singapur, denn das brachte Westgeld in die Kasse. Die Crews, die in das "nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet" (NSW) fliegen durften, wurden sorgsam ausgewählt. Verlässlichkeit war wichtig, "Republikflucht" musste unbedingt vermieden werden.

Letzte Maschine aus Wien

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Das wars: Der letzte Flug der Interflug, mit einer TU-134 nach Wien und zurück, wird auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld gebührend begleitet.

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Das ist lange her. Am 30. April 1991 landete eine Tupolew 134 aus Wien als letzte Interflug-Maschine in Schönefeld, dem damaligen Zentralflughafen der DDR. Erst vor zwei Monaten wurde auch sein Terminal außer Dienst gestellt.

Sammler handeln auf Online-Marktplätzen mit Relikten der Fluggesellschaft, die 1958 nach aussichtslosem Streit mit der West-Lufthansa ihren neuen Namen erhalten hatte: Flugzeug-Modelle, Kulturtaschen und Ehrennadeln, Pilotenmützen, Biergläser und Sahnekännchen - alles mit Interflug-Emblem. Auch die "Interflugfamilie" hält oft noch Kontakt untereinander. Viele Piloten, Bordingenieure, Navigatoren und Stewardessen feierten vor Jahren im Berliner Tierpark etwa den 50. Gründungstag der Interflug.

Bis Oktober 1990 war die Interflug mit zuletzt knapp 8000 Mitarbeitern für nahezu sämtliche Aufgaben der zivilen DDR-Luftfahrt zuständig, vom Verkehrs- über den Agrarflug bis hin zu den Flughäfen und der Flugsicherung. In ihren frühen Jahren hatte sie auch Inlandsflüge angeboten, etwa nach Barth und Heringsdorf an der Ostsee. Höhepunkte waren die Leipziger Messen mit ihren Sonderflugprogrammen.

Ein Flug endete in der größten Flugzeugkatastrophe auf deutschem Boden: Bei Königs Wusterhausen nahe Berlin stürzte 1972 eine Iljuschin IL-62 ab, keiner der 156 Insassen überlebte.

Interflug im Guinness-Buch der Rekorde

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Zwei A310 der Interflug im Juli 1989 auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

In 33 Jahren Flugbetrieb spielten sich in den Maschinen aber auch skurrile Geschichten ab, wie sie der Kalte Krieg hervorbrachte. Beliebte Erzählungen kreisen um Einsätze mit westdeutschen Chartertouristen im Devisenflug nach Bulgarien, mit 150 Fischern von Montevideo in die DDR und einen Solidaritätsflug nach Hanoi mit Fahrrädern für Ho Chi Minhs Kämpfer oder den Transport von 80.000 Küken von Budapest nach Syrien. Interflug schaffte es auch ins "Guinness-Buch der Rekorde": mit dem Nonstop-Flug eines Airbus A310 im November 1989 von Japan nach Schönefeld. Und kurz davor mit der Landung der "Lady Agnes" auf dem Acker in Stölln im Havelland.

Die meisten ahnten wohl, dass auf vielen Flügen ein Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit an Bord war, teils auch offiziell als "Flugsicherheitsbegleiter" auf kürzeren Strecken wie Prag, Warschau und Budapest, um über das Wohlverhalten der Crew zu wachen. Als unverheiratete junge Frau musste Stewardess Andrea Beu bis zum Fall der Mauer warten, bis sie in den Westen durfte. "Von der Dienstzeit her wäre ich wohl schon dran gewesen, aber das konnte man nicht einfordern", erzählt die heutige Online-Redakteurin. Es folgten noch einige Monate mit interessanten Flügen nach Bangkok, Dubai, Kairo oder Brazzaville, bis die Treuhand 1991 die Liquidation des Unternehmens beschloss. "Ich habe davon aus der Zeitung erfahren und bin dann auch zur Protest-Demo vor der Treuhand gegangen. Wir waren schon enttäuscht."

Auf Übernahme durch Lufthansa oder British Airways vorbereitet

Die damalige Betriebsrätin und Umlaufplanerin Ilona Ritter sagt: "Wir waren alle davon ausgegangen, dass wir unsere Strecken weiterfliegen würden und sind dann aus allen Wolken gefallen." In enger Kooperation mit den westdeutschen Gewerkschaften hatte man sich auf eine Übernahme durch Lufthansa oder British Airways vorbereitet, die letztlich beide nicht zum Zuge kamen. "Sehr mysteriös" sei das damals mit der Treuhand abgelaufen, meint Ritter, die später für die Vereinigung Cockpit Tarife verhandelte.

Als nur wenige Monate später die Lufthansa selbst knapp vor der Pleite stand, wurde deutlich, dass der westdeutsche Kranich wohl bereits zu schwach für eine Übernahme gewesen wäre. Nach dem Ende der Interflug spielten einige ihrer Flugzeuge noch eine wichtige Rolle im vereinten Deutschland. Mit einem 1989 gebauten Airbus A310 etwa flog jahrelang sogar die Bundeskanzlerin. Die Flugbereitschaft hatte die Maschine übernommen - von Erich Honecker über Franz-Josef Strauß bestellt, von Merkel geflogen.

Quelle: ntv.de, abe/dpa

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