Gurkenglas in den PfandautomatenLäutet der Ukraine-Krieg das Ende des Einwegglases ein?
Interview: Christian Herrmann & Clara Pfeffer
Vor gut 20 Jahren will die Politik Einwegverpackungen mit dem Dosenpfand vom Markt drängen. Doch der Handel hat andere Pläne. Speziell Discounter wie Aldi und Lidl steigen nicht um, sondern verzichten komplett auf Mehrweg und setzen stattdessen voll auf Einweg. Durch den Ukraine-Krieg sind Einweggläser allerdings zum Kostenrisiko geworden. Kaputte Glaswerke und teures Gas für Schmelzwannen machen die Herstellung teuer und unberechenbar. "Beim Iran-Krieg sehen wir dieselbe Entwicklung", sagt Veronika Pfender. Die Sandmafia tut ihr Übriges. Pfender verkauft mit ihrem Unternehmen Dotch Mehrweggläser für Gewürzgurken, Grillsoßen und Olivenöle, sammelt sie ein und reinigt sie. Eine Allianz von 25 Unternehmen möchten das Angebot nutzen, darunter Kühne oder Feinkost Dittmann. Die Infrastruktur ist dank der deutschen Liebe zum Bier vorhanden. Kunden können die Gläser in Supermärkten und Discountern zurückgeben, an denselben Pfandautomaten wie Bier- und Wasserflaschen. Theoretisch, wenn der Handel mitspielt. Das schlagende Argument sind sinkende Preise.
ntv.de: Was ist der Unterschied zwischen Einweg und Mehrweg?
Veronika Pfender: Mehrweg bleibt ganz und wird gereinigt. Einweg landet im Glascontainer, wird zu Scherben und dann eingeschmolzen.
Die bekanntesten Mehrwegflaschen sind Bierflaschen. Warum werden die nicht eingeschmolzen?
Das ist für die Brauereien günstiger. Sie bekommen das Leergut über den Getränkegroßhandel zurück, können die Flaschen reinigen und direkt wieder abfüllen. Es ist teurer, immer wieder neue Flaschen zu kaufen.
Einsammeln und Reinigen klingt relativ aufwändig, wenn alles hygienisch rein sein soll.
Das lohnt sich trotzdem. Wir haben eine fantastische Infrastruktur. Jeder Laden nimmt die Mehrwegflaschen zurück, die er führt. Der Transport erfolgt über Lkw. Die Brauereien haben große Reinigungsmaschinen. Die reinigen 50.000 Flaschen die Stunde. Der Energieaufwand pro Flasche ist nicht so hoch. Das Wasser wird auf 80 bis 85 Grad Celsius erhitzt. Je mehr Flaschen im Umlauf sind, desto günstiger wird das. Das sind Skaleneffekte.
Manchmal wird das Leergut aber knapp, weil die Leute es nicht zurückbringen.
Ja. Das ist die Herausforderung. Die Leute haben im Sommer typischerweise nicht so große Lust, die Flaschen zurückzubringen. Die Brauereien können nicht viel mehr machen, als die Bevölkerung aufzurufen, es zurückzubringen. Es ist schwierig, das zu prognostizieren.
Wenn das System so toll funktioniert, warum wird es dann nur für Bier- oder auch Wasserflaschen genutzt und nicht für Olivenöl, Grillsoße und saure Gurken?
Tatsächlich war das früher so. Daran erinnert sich nur kein Mensch. Speziell in der DDR haben die Menschen ihre leere Milchflasche einfach vor die Tür gestellt. Dann kam der Milchmann vorbei und hat sie abgeholt. Daraus ist das Mehrwegsystem gewachsen. Das wurde bei vielen Produkten nach und nach durch das Einwegsystem abgelöst. Das ist bequemer. Die Hersteller können individueller sein, ihren Slogan auf das Glas draufschreiben. Außerdem war Erdgas früher günstig. Das wird genutzt, um Glas herzustellen.
Was macht Einwegflaschen so energieintensiv?
Egal, ob man neue Ressourcen oder alte Scherben aus einem Glascontainer verwendet: Glas wird bei ungefähr 1600 Grad geschmolzen. Zur Erinnerung: Mehrwegflaschen werden bei 80 Grad gewaschen. Das ist ein großer Unterschied. Die Flaschen müssen auch nach Farben getrennt werden. Weißglas verträgt sich nicht mit Grün oder Braun. Der Reinheitsgrad muss hoch sein, damit das Glas durchsichtig wird.
Legen die Verbraucher Wert darauf? Es ist doch egal, ob ein Gurkenglas einen leichten Grünstich hat.
Große Unternehmen legen Wert darauf, dass ihre Gläser perfekt ausschauen. Sie wollen nicht, dass ihre Produkte als minderwertig wahrgenommen werden, wenn die Gläser einen Braun- oder Grünstich haben. Eventuell könnten die Kunden auch das Etikett nicht richtig lesen. Aber die Trennung erhöht den Aufwand ebenfalls. Deshalb gibt es die unterschiedlichen Glascontainer.
Betreibt nur Deutschland einen derart großen Aufwand bei Mehrwegflaschen oder andere Länder auch? Könnte man das europaweit standardisieren und auf diese Weise Geld sparen?
England, die Niederlande und Skandinavien haben ähnliche Systeme, aber nicht in der Größenordnung. Wir sammeln 80 Prozent der Mehrwegflaschen ein. Unsere Infrastruktur ist wirklich einmalig. Grob gesagt werden jedes Jahr mehrere Milliarden Behälter rotiert. Das macht kein anderes Land.
Woanders wird das Bier in Dosen und das Wasser in Plastikflaschen angeboten?
Der Verpackungsmix ist größer, ja. In Deutschland ist Bier wirklich an die Glasflasche gebunden. Das hat vor 70 oder 80 Jahren angefangen und sich nie in eine andere Richtung entwickelt, weil die Brauereien mit der Zeit diese Infrastruktur aufgebaut haben. Zwischendurch wurde immer mal wieder geschaut, ob es sich rechnen würde, neues Glas zu kaufen. Die Antwort war immer dieselbe: Unser System ist günstiger.
Auch andere Branchen kommen ins Grübeln, ob sie vom Einweg- aufs Mehrwegsystem umsteigen sollen. Das liegt an den steigenden Energie- und Rohstoffpreisen?
Genau. Wir haben uns gefragt, warum für Gurkengläser und Ölflaschen nicht möglich ist, was bei Bier, Wasser, aber auch Saftflaschen funktioniert? Die kann man doch auch reinigen und wiederverwenden. Die Infrastruktur ist offensichtlich vorhanden. Der Teufel steckt aber im Detail: Die Brauereien haben Millionen in ihre Reinigungsanlagen investiert. Eine einzelne kostet ab 100.000 Euro aufwärts. Das kann ein Produzent von Ölen oder Essiggurken nicht stemmen. Erst recht nicht, wenn er nicht weiß, ob die Menschen das Glas anschließend zurückbringen. Die Kunden müssen ja erst einmal verstehen, dass sie diese Gläser nicht mehr in den Container werfen, sondern zum Handel zurückbringen sollen. Irgendwer muss sie anschließend auch abholen.
Hersteller von Olivenöl und Gewürzgurken sind eher kleinere Betriebe?
Es gibt auch größere Produzenten, aber auch die erreichen in den meisten Fällen nicht die nötige Masse an Gläsern, dass es sich rechnet. Getränke sind Schnelldreher, wie wir sagen: Die werden gekauft, getrunken und zurückgebracht. Eingelegte Gurken oder das Olivenöl stehen manchmal jahrelang in der Abstellkammer. Da lohnt sich eine eigene Reinigungsanlage nicht.
Sie versuchen es aber trotzdem - wahrscheinlich nicht nur der Nachhaltigkeit wegen. Irgendwie müssen Sie Geld verdienen, sonst gehen Sie pleite.
Wir führen eine Allianz von inzwischen 25 Herstellern an, die sagt: Wir wollen das Mehrwegsystem für diese Art von Produkten ebenfalls auf den Weg bringen. Der Grund ist tatsächlich ökonomisch: Die Glasherstellung ist durch den Ukraine-Krieg teurer und auch unberechenbar geworden. Es wurden Glaswerke zerstört. Von dort haben deutsche Unternehmen einen Großteil ihres Glases bezogen. Erdgas ist teurer geworden. Beim Iran-Krieg sehen wir dieselbe Entwicklung erneut. Die steigenden CO2-Preise kommen hinzu. Mit Mehrweg könnten die Unternehmen ihre Lieferketten regionalisieren, sich von Importen unabhängig machen und Resilienz aufbauen. Deshalb haben sie sich zusammengeschlossen.
Mit erneuerbaren Energien kann man kein Glas herstellen?
Es gibt hybride Schmelzwannen. Die Schmelze wird teils mit Erdgas, teils aber auch mit erneuerbaren Energien betrieben. Diese Technologie befindet sich aber noch in den Anfängen. Auf längere Sicht wird es nicht möglich sein, das Erdgas komplett zu ersetzen. Dafür müssen die Temperaturen beim Schmelzen einfach zu konstant hochgehalten werden. Das schaffen erneuerbare Energien nicht. Mit grünem Wasserstoff wäre es möglich, aber der ist bisher nicht in entsprechendem Umfang verfügbar.
Die Glasindustrie hat dasselbe Problem wie die Stahlindustrie.
Genau. Es wird mindestens 10 bis 15 Jahre dauern, bis ausreichend Wasserstoff verfügbar ist - abhängig von der politischen Lage vielleicht auch länger.
Sind Rohstoffpreise oder -verfügbarkeiten bei der Glasherstellung auch ein Problem?
Zum Teil. Ein wichtiger Rohstoff ist Quarzsand. Der muss beim Recycling von Altglas immer wieder frisch hinzugegeben werden, um die Elastizität des Glases zu gewährleisten. Quarzsand ist selten. Er wird typischerweise von Flussbänken gewonnen. Sand aus der Sahara ist nicht geeignet. Unser Hersteller bezieht Quarz aus deutschen Flüssen. Das ist aber teuer. Das muss man wollen. International hat sich deshalb inzwischen eine Quarzsand-Mafia gebildet. Die ist typischerweise im Nahen Osten aktiv.
Und klaut Sand?
Sie klaut und verschifft ihn, meist für Beton. Auch das war einer der Gründe, warum unsere Pilotkunden auf Mehrweg umsteigen: Sie möchten mit ihren Produkten keine Mafia unterstützen.
25 Hersteller ist aber keine so große Allianz, oder täuscht das?
Es geht Herstellern wie Kühne oder Feinkost Dittmann darum, Rewe, Edeka und Co. zu signalisieren, dass sie bereit für den Umstieg sind. Der Handel spielt bei Mehrweg eine entscheidende Rolle.
Die großen Namen zögern?
Wir sind bereits im Biofachhandel aktiv. Bei Alnatura, Denns und der Bio Company gibt es Speiseöle in Mehrwegflaschen. Der Handel muss Mehrweggläser aber zurücknehmen, wenn er welche anbietet. Für Discounter und Supermärkte entstünde also ein neuer Lieferstrom, den sie für Gurkengläser oder Olivenöle organisieren müssten. Solange es diesen Vertriebskanal nicht gibt, können die Hersteller ihre Produkte nicht entsprechend abfüllen. Wir sind mit allen im Gespräch und schauen, wie wir die Logistik so einfach wie möglich machen können. Das wäre der entscheidende Schritt für alle Hersteller zu sagen: Ich steige auf Mehrweg um.
Spielt der Preis bei den Verhandlungen eine Rolle? Würden Gewürzgurken teurer werden?
Es gäbe Übergangskosten, aber sobald der Prozess steht, ist Mehrweg für den Handel genauso teuer wie Einweg und potenziell sogar günstiger, denn die Kosten für neue Einweggläser steigen ja. Diesen Preisvorteil könnten wir an den Handel weitergeben.
Sie entwickeln die passenden Gläser für die jeweiligen Produkte?
Ja. Jeder Hersteller hat einen unterschiedlichen Bedarf. Ein Glas für Oliven ist nicht so groß wie ein Gurkenglas. Die beiden sind auch nicht so hoch wie eine Flasche für Olivenöl. Dafür haben sie eine deutlich größere Mündung. Die Gläser verkaufen wir mit einem Pfandwert an die Hersteller. Die füllen sie ab, liefern sie an den Handel. Der nimmt sie über dieselben Pfandautomaten zurück, über die er Bierflaschen zurücknimmt. Die Gläser landen nicht mehr im Container.
Das funktioniert an denselben Automaten?
Exakt.
Und wer holt die Gläser ab?
Das ist der Unterschied: Es gibt keine Rücklogistik für Gläser von eingelegten Gurken, Ölen und anderen Produkten. Das übernehmen wir. Wir holen die Gläser bei den Händlern ab, sortieren sie und bringen sie zu einem Reinigungsdienstleister. Von dort geht es zurück zur Abfüllung. Das ist unser Geschäftsmodell. Für die Hersteller verändert sich nicht viel.
Würde Druck aus der Politik helfen? Die EU setzt stark auf die Kreislaufwirtschaft.
Die Politik hat 2003 das Dosenpfand eingeführt, um Einweggetränkeverpackungen vom Markt zu drängen. Das hatte genau den gegenteiligen Effekt für Mehrweg. Vor allem Discounter haben anschließend voll auf Einweg gesetzt. Bei Lidl und Aldi gibt es bis heute kein Bier oder Wasser in Mehrwegflaschen. Grundsätzlich wäre politische Unterstützung also schön, aber im richtigen Rahmen.
Gut gemeint ist nicht gut gemacht?
Ja. In Deutschland schaffen wir das allein. Die nötige Infrastruktur ist vorhanden. Das wird. Auf EU-Ebene ist die Lage anders, aber ab 2030 gilt erstmals eine Mehrwegquote von 10 Prozent für den Getränkehandel. Andere Länder werden diese Infrastruktur also auch aufbauen müssen. Dann müssen sich auch Lidl, Aldi und Drogerien wie dm, Müller oder Rossmann, die Getränke führen, überlegen, wie sie weitermachen. So viel Zeit bleibt nicht mehr.
Mit Veronika Pfender sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.
