Wirtschaft

Will Putin den Öl-Deal wirklich? Moskau unterstützt Wende am Ölmarkt

RTSMPRX (1).jpg

Arbeiter auf einer Ölplattform von Rosneft in Nefteyugansk, Sibirien.

(Foto: REUTERS)

Russland ändert seine Strategie und will helfen, die weltweite Öl-Flut einzudämmen. Die Preise steigen. Die nachhaltige Wende am Markt ist trotzdem nicht in Sicht. Nicht nur, weil Präsident Putin schon früher ähnliche Ankündigungen gemacht hat.

In den Ölmarkt kommt Bewegung: Zwei Giganten unter den konkurrierenden Ölstaaten üben den Schulterschluss. Nachdem der wichtigste Opec-Staat Saudi-Arabien vor gut einer Woche in Aussicht gestellt hatte, die Ölmengen zu drosseln, kündigte jetzt auch das Nicht-Opec-Mitglied Russland an, die Produktion gegebenenfalls kappen zu wollen, um den Ölpreis zu stabilisieren. "Andere Staaten sollten dasselbe tun", forderte Präsident Wladimir Putin auf der Energiekonferenz in Istanbul. "Es ist der einzige Weg, die Stabilität des Energiesektors zu sichern", lautet seine späte Einsicht. Nach Saudi-Arabien vollzieht offenbar also auch Moskau eine komplette strategische Kehrtwende.

Zwei Jahre lang haben die Wüstenscheichs und Russland mit anderen Ölproduzenten brutal um die Wette gefördert. Doch die Strategie, Marktanteile und Einnahmen für sich zu sichern, ist nicht aufgegangen. Die Ölproduzenten haben für ihren Förderwahn teuer bezahlt: Die Preise sind immer weiter gefallen. Im vergangenen Jahr kostete ein Fass Öl im Schnitt weniger als 50 Dollar, das ist rund halb so viel wie 2014. Die Schmerzgrenze scheint erreicht.

Der mögliche Öl-Deal von Opec und Russland weckt deshalb große Hoffnungen. Schon die bloße Ankündigung lässt die Preise steigen. Russland ist nach den USA und Saudi-Arabien der drittgrößte Ölproduzent der Welt. Wenn Moskau seine Fördermengen drosseln würde, sollte das ins Gewicht fallen. Ein Abkommen ohne Russland hätte nur symbolischen Wert. Trotzdem sind Experten skeptisch, ob das die Wende bringt.

Kommt jetzt die Ölpreiswende?

Auch mit einem Öl-Deal zwischen Opec und Russland gibt es immer noch viele Unwägbarkeiten. Zwar sei die Drosselung an sich mit Putins Ankündigung wahrscheinlicher geworden, schreiben die Analysten von Goldman Sachs. Aber wegen der höheren Produktionsmengen von Libyen, Nigeria und Irak sei es unwahrscheinlich, dass ein Deal den Ölmarkt 2017 neu ausrichten könne. Angesichts der hohen Versorgungsunsicherheit im kommenden Jahr könnte so eine Vereinbarung auf Reduzierung der Fördermengen sogar "verfrüht" sein. Sie könnte sich als "selbstzerstörend erweisen", heißt es weiter.

Nicht einkalkuliert bei dieser Wette auf steigende Preise ist zum Beispiel die Reaktion der US-Förderer. Sie wären nicht an die Vereinbarung zwischen Opec und Russland gebunden. Sie könnten sich wegducken, kräftig weiterproduzieren, und so vom steigenden Ölpreis am meisten profitieren, gibt Matt Smith, Rohstoffexperte von ClipperData zu bedenken. Die Preise würden sich nicht erholen, weil es weiterhin zu viel Öl gäbe.

Eine konzertierte Aktion setzt voraus, dass die Ölförderer sich auf Quoten festlegen. Diese haben sich bereits in der Vergangenheit als schwierig erwiesen. Jeder Produzent versucht im Zweifelsfall eher weniger als mehr von seiner Produktion zu kappen, um selbst am meisten von einem anziehenden Ölpreis zu profitieren. Kaum ein Opec-Staat hält sich an die Absprachen zur Fördermenge, seit Jahren wird das Soll übererfüllt. Was innerhalb des Ölkartells schwierig ist, wird durch potentielle Vertragspartner mit anderen Staaten nicht leichter.

Auch Russland hat in der Vergangenheit mehrfach Absprachen nicht eingehalten. Auch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entschied sich Moskau, seine Produktion entgegen seinen Ankündigungen nicht zu drosseln. Dasselbe gilt für die Finanzkrise 2008, die die Märkte einbrechen ließ. Rohöl ist Russlands wichtigstes Exportgut. Öl und Gas müssen 40 Prozent der Staatsausgaben finanzieren. Konzertierte Aktionen waren bislang ein Luxus, den Moskau offenbar meinte, sich nicht leisten zu können. Die Frage ist, wie ernst es Putin jetzt ist. Zumindest sein Energieminister ruderte jetzt zurück. Eine Drosselung werde vorerst nicht in Betracht gezogen, sagte Nowak einen Tag später in Istanbul. Die Senkung der Förderung sei ein Instrument der Opec.

Die Hoffnungen auf eine nachhaltige Erholung des Ölpreises könnte sich also schnell wieder zerschlagen. Dann nämlich, wenn auf die Worte keine Taten folgen. Das nächste Opec-Treffen ist in sieben Wochen. In dieser Zeit müssten Russland und Saudi-Arabien beweisen, dass es ihnen ernst sei, so Smith von ClipperData. Ein paar Fässer Öl müssten vom Markt verschwinden. Oder zumindest Förderquoten auf bereits vereinbarte Mengen zurückgedreht werden.

Und aus noch einem Grund ist Russland zumindest kein Garant für einen steigenden Ölpreis. Der Staat ist zwar der größte Ölproduzent, es gibt aber auch noch eine Reihe unabhängiger Produzenten, zum Beispiel die Nummer zwei, Lukoil. "Russlands Möglichkeiten, die Produktion zurückzufahren, sind sehr begrenzt", sagt Alexander Kornilow, Ölanalyst beim Moskauer Handelshaus Anton. Der Vizechef des russischen Energiekonzerns Lukoil, Leonid Fedun, signalisierte inzwischen allerdings grünes Licht: "Alle russischen Ölförderer werden die Produktion senken", vorausgesetzt, die Regierung beschließe die Drosselung, sagte er. Michail Leontjew, Vizechef von Russlands größtem Ölproduzenten Rosneft, kündigte dazu lediglich an, dass sein Unternehmen einen Beschluss aus Moskau zum Einfrieren der Ölmenge erfüllen werde.

Alternativloser Deal

Die Marktteilnehmer sehen die Entwicklungen dennoch optimistisch. Auch die Opec nimmt das russische Angebot offenbar ernst. Ohne die beiden Giganten hätte ein Einfrieren oder eine Drosselung der Produktion überhaupt keinen Wert. Generalsekretär Mohammed Barkindo baut darauf, dass Putin dazu gelernt hat. Seitdem Moskau seine früheren Versprechen gebrochen habe, habe sich viel geändert, "wir können nicht in der Vergangenheit leben", sagte Barkindo.

Auch Goldman Sach sieht keine Alternative. Am Mittwoch wird Putins Energieminister Nowak seinen saudischen Kollegen Khalid al-Falih sowie andere Energieminister zum Thema treffen. Insidern zufolge will die Opec, dass Russland seine Förderung um 200.000 bis 300.000 Barrel pro Tag reduziert. Zurzeit werden 11,1 Millionen Fässer pro Tag produziert. Falih geht davon aus, dass eine Kürzung der Fördermenge Ende November beim Opec-Treffen in Wien bekannt gegeben werden kann. Es sei nicht "undenkbar", dass die Preise dann um 20 Prozent auf 60 Dollar je Barrel steigen könnten, prognostiziert er.

Umgekehrt gehen die Analysten von Goldman Sachs davon aus, dass die Preise unter 43 Dolar je Fass fallen werden, sollten sich Opec und Russland nicht einig werden. Kommt die Drosselung, aber andere Ölproduzenten schließen die Lücke, werde der Preis für ein Fass US-Öl im kommenden Jahr zumindest bei rund 52 Dollar je Barrel stagnieren, heißt es weiter. Für die klammen Kassen der Ölstaaten ist das besser als nichts. Preise auf alten Höchstständen dürften nur noch zu erreichen sein, wenn es eine Elefantenrunde mit den US-Produzenten gäbe. Und die ist nicht in Sicht.

Quelle: ntv.de