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Mission Satelliteninternet Musk-Kritiker positionieren sich gegen Starlink

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Forscher warnen seit Längerem vor den unkalkulierbaren Folgen von zu vielen Satelliten im All. Elon Musk zeigt sich davon bislang unbeeindruckt.

(Foto: REUTERS)

42.000 Satelliten will SpaceX- und Starlink-Chef Elon Musk im Orbit platzieren. Das Ziel: schnelles Internet an jedem Ort der Welt, ohne den gigantischen Aufwand, Glasfaserkabel verlegen zu müssen. Was eine tolle Idee scheint, hat jedoch Haken, die Musk bislang ignoriert.

Es wird voll am Nachthimmel. Weltraumfirmen bringen immer mehr Satelliten in Erdumlaufbahnen. Eines der ambitioniertesten Projekte auf diesem Feld ist das von Tesla-Chef Elon Musk, mit dem er die Welt mit satellitengestütztem Internet versorgen will: Starlink. Eigentlich eine tolle Idee - schnelles Netz an jedem Ort der Welt, ohne den gigantischen Aufwand, Glasfaserkabel verlegen zu müssen.

Doch die Kritik an Starlink und damit an Musk wächst. Am Dienstag ist der Tesla-Chef der Stargast auf der Mobilfunkmesse in Barcelona. Per Videostream wird er über sein gigantomanisches Vorhaben sprechen und über das Starlink-Angebot, das es seit einigen Monaten auch in Deutschland gibt.

Die Kritik an Starlink kommt bislang vor allem von seinen Konkurrenten, darunter Unternehmen wie Boeing, SES, OneWeb oder Viasat, die ebenfalls Satelliten im All betreiben - allerdings in einem anderen Maßstab. Sie sehen angesichts des Giga-Projekts ihren Zugang zum All gefährdet, argumentieren aber auch mit den damit verbundenen Umwelt-Implikationen.

Es geht um 42.000 Satelliten

Und es ist ja auch ziemlich bemerkenswert, was sich der SpaceX- und Starlink-Chef da ausgedacht hat. 42.000 Satelliten will er auf einem sogenannten "Low Earth Orbit“" (LEO) platzieren, also in einer Höhe von rund 500 Kilometern über der Erdoberfläche. Dort würden die Anlagen dann permanent um die Erde fallen und die Menschen am Boden mit Internet versorgen.

Bislang hat SpaceX rund 1800 Satelliten ins All gebracht, die dafür zuständige US-Aufsichtsbehörde Federal Communications Commission (FCC), hat Starlink bisher den Start von 4400 Satelliten erlaubt. Die FCC vergibt auch die Funklizenzen, die Musk für Starlink benötigt.

Die Musk-Kritiker aus der Wirtschaft positionieren sich gerade erst. Die Wissenschaft ist schon weiter. Forscher warnen seit Längerem vor den unkalkulierbaren Folgen von zu vielen Satelliten im All. Die Flugkörper, die zu großen Teilen aus Aluminium bestehen, reflektieren das Sonnenlicht so stark, dass sie bei Dunkelheit leicht am Nachthimmel erkennbar sind.

Je mehr davon im LEO unterwegs sind, desto stärker ist dieser Effekt – Kritiker befürchten, dass sich der Nachthimmel dadurch so stark aufhellen könnte, dass die Arbeit von Astronomen behindert wird. Studien zeigen, dass Satelliten wie die von Starlink den Nachthimmel schon jetzt um zehn Prozent aufhellen.

Einen Lösungsansatz für dieses Problem gibt es bereits: Die metallene Oberfläche der Flugkörper könnte abgedunkelt werden, um Lichtreflexionen und -streuungen zu verhindern. Beim Aussetzen seiner Satelliten ignorierte Musk das aber bislang – sehr zum Ärger vieler Wissenschaftler.

Satelliten haben Auswirkungen auf Nachthimmel

Der Tesla-Chef reagierte auf die Kritik wie so häufig per Kurznachrichtendienst Twitter. Er sagte dort, dass er sich dafür einsetzen werde, dass Starlink die Wissenschaft nicht störe. Eine Möglichkeit dabei wäre etwa, Satelliten zu testen, die das Sonnenlicht weniger reflektieren, sogenannte "DarkSats".

Doch es gibt ein weiteres Problem mit den Flugkörpern: LEO-Satelliten sind so konzipiert, dass sie in der Atmosphäre verglühen, sobald sie ihren Dienst getan haben. Was, wenn die Zahl der Flugkörper so stark zunehmen würde, wie Musk es plant? Anders als die natürlichen Materialien, die jeden Tag vom All aus auf die Erde fallen, bestehen Satelliten hauptsächlich aus Aluminium.

Verglüht zu viel dieses Metalls in der oberen Atmosphäre, kann es passieren, dass das einfallende Sonnenlicht anders als bisher gebrochen und gestreut wird. Das könnte sich wiederum auf den Nachthimmel auswirken. Noch größer sind die Bedenken, dass die dabei freigesetzten Stoffe die Ozonschicht angreifen könnten. Die Folgen wären nicht kalkulierbar. "Man darf nicht mit der Umwelt experimentieren", sagte Steve Collar, der Chef von SES, einem international tätigen kommerziellen Satellitenbetreiber, dem "Handelsblatt".

Mehrere Lösungen

In der Kritik, die die Starlink-Konkurrenten gerade auffahren, geht es jedoch nicht nur um die Umweltfolgen, die eine große Zahl an Satelliten mit sich bringt. "Satelliten im LEO werden als die einzige praktikable Lösung angepriesen, wenn es um Internet aus dem All für unterversorgte Gebiete geht", sagt die SES-Sprecherin Suzanne Ong. "Aber das ist nicht wahr. Vergessen wir nicht die geostationären und mittelgroßen Erdorbit-Satelliten, die bereits heute Gemeinden und Unternehmen in abgelegenen Gebieten verbinden."

Die Kritik von Unternehmen wie SES oder Viasat ist natürlich auch von eigenen Interessen getrieben. Ihnen geht es darum, dass Musk mit seinem Plan den Zugang zum Weltall erschweren könnte. Das wollen sie verhindern, um weiterhin profitabel arbeiten zu können. Wie Bodenschätze müsse auch der Zugang zum All allen dort operierenden Unternehmen offen stehen. Das gelte für die, die gerade in dem Business tätig sind, aber auch für künftige Generationen.

Immer mehr Satelliten und Weltraumschrott

Und mit jedem weiteren platzierten Satelliten, mit jedem weiteren Stück Weltraumschrott, dass sich in Folge der Raumfahrt im erdnahen Weltall ansammelt, wird die Frage nach Raum und dem Zugang zu ihm immer wichtiger. Im Oktober 2019, so die Schätzungen, befanden sich rund 20.000 künstliche Objekte in Erdumlaufbahnen, unter ihnen auch mehr als 2200 aktive Satelliten.

Mit jedem Weltraumflug bleiben dort Teile oben zurück. Einige, wie eben die Satelliten, werden bewusst zurückgelassen und übernehmen wichtige Funktionen, etwa in der Telekommunikation, der Wetterbeobachtung oder der Umweltfernerkundung. Im Gegensatz dazu fliegt der Weltraumschrott auf nicht kontrollierten Umlaufbahnen um die Erde.

Durch diese Teile kann es immer wieder zu Zusammenstößen mit Satelliten und anderen Objekten kommen. Die Internationale Raumstation etwa muss immer wieder Ausweichmanöver fliegen, um nicht mit Weltraumschrott zu kollidieren. Dabei geht es um kleinste Teile, die teilweise einen Durchmesser von nur wenigen Millimetern haben. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass ein Ausweichmanöver der ISS nicht ausgereicht hatte, der Roboterarm "Canadarm" wurde getroffen, und durchlöchert. Und es gilt: Je größer die Teile, desto heftiger die Schäden.

Ein verhängnissvoller Kaskadeneffekt

Kollisionen sind ein weiteres Problem. Im Jahr 2009 krachte der Kommunikationssatellit Iridium 33 mit einem russischen Aufklärungssatelliten zusammen. Die beiden Flugkörper wurden dabei in mehr als 100.000 Bruchstücke zerrissen.

Nach dem Kessler-Syndrom könnten genau diese Bruchstücke auch für Starlink Konsequenzen haben: Wenn einmal ein Satellit oder ein anderer Flugkörper zerstört ist, kann es zu einer Art Kettenreaktion kommen, bei der – erst ganz langsam, dann immer schneller – immer mehr Geräte getroffen werden könnten. Tritt dieser Kaskadeneffekt ein, kann es passieren, dass bald eine so große Menge Schrott im All unterwegs ist, dass Raumfahrt schlicht nicht mehr sicher ist. Die Folgen für die Kommunikation auf der Erde wären ebenfalls verheerend.

Bei der enormen Zahl von Starlink-Satelliten könnte dieser Effekt auch auftreten. Es gilt als sicher, dass nicht alle Satelliten ordnungsgemäß funktionieren werden und irgendwann könnte die Katastrophe eintreten.

Eine internationale Ressource

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"Kollisionen im Weltraum mögen heute eine Sorge von vielen sein, aber sie sind nicht das einzige Problem", sagt Suzanne Ong. Der Weltraum sei gigantisch, aber immer noch eine ziemlich endliche Ressource in Bezug auf nützliche Umlaufbahnen. Das Starten vieler Satelliten in weite, uneingeschränkte Umlaufbahnen sei daher bedenklich. Wenn der Start und der Betrieb dieser Satelliten heute schlecht ausgeführt werden, bedeutet das, dass andere, die später Satelliten starten wollen, die bereits gestarteten Konstellationen umgehen müssen, um die bestehenden Netzwerke nicht zu stören. "Dies kann zu einem schwereren Zugang für neue Akteure führen", sagt Ong.

Für Musk gilt, was die Zulassungsbehörde FCC ihm vorgibt. Und die hat, wie gesagt, die Starts seiner Satelliten genehmigt. Es werden nun aber Stimmen laut, die fordern, dass der Zugang zum Weltraum eine internationale Ressource sein soll - die demnach auch internationalen Regeln unterliegen sollte. Das, und das Streben nach einem sinnvolleren Technologie-Mix im All würden Starlink sicher eine andere Perspektive geben.

Quelle: ntv.de

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