Wirtschaft

So hoch ist der Preis für den Brexit "Sie wissen nicht, was sie tun"

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Ein Plakat wirbt mit dem US-Republikaner Donald Trump und dem Brexit-Befürworter Boris Johnson dafür, sich für das Referendum registrieren zu lassen.

(Foto: dpa)

Ein möglicher EU-Austritt betrifft längst nicht nur Großbritannien. "Wir verlieren alle", sagt der Chef der Deutsch-Britischen Industrie- und Außenhandelskammer, Ulrich Hoppe, im Gespräch mit n-tv.de. Und langfristig würden deutsche Firmen ihre Investitionen überdenken.

n-tv.de: Mehr als 2000 deutsche Firmen sitzen in Großbritannien, Hunderte britische Niederlassungen gibt es in Deutschland. Welche Folge hätte ein Brexit für die deutsche Wirtschaft?

Ulrich Hoppe: Für einzelne Firmen in der deutschen Wirtschaft wäre er hochproblematisch. Gerade global agierende Unternehmen wären massiv betroffen. Allerdings wäre ein Brexit für die deutsche Wirtschaft weniger schlimm als für die britische. Knapp 50 Prozent des britischen Handels findet mit der EU statt, aber weniger als 10 Prozent des EU-Handels mit Großbritannien. Der größte Verlierer wäre also Großbritannien.

Inwiefern erschwert ein Brexit die Arbeit von Unternehmen?

Im Falle eines Brexits wird es sicher nicht zu Zollhindernissen kommen, aber das regulative Umfeld könnte sich mittelfristig anders entwickeln. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird wegfallen, es wird mehr Regularien geben, mehr Sozialversicherungs-, Steuer- und Visumsfragen wie etwa: Wie wird eine Arbeitsgenehmigung für ein paar Monate erteilt? Sicherlich wird weiterhin alles möglich sein, aber es wird nicht mehr ad hoc gehen. Und das wird den Standort Großbritannien als Investitionsstandort weniger attraktiv machen.

Werden deutsche Firmen aus Großbritannien abwandern?

Die Fabriken werden nicht sofort abgebaut und verlagert werden. Viele deutsche Unternehmen sind hier, weil Großbritannien ein spannender Markt und eine wachsende Volkswirtschaft ist. Aber alle 5 bis 10 Jahre werden Fabriken umgerüstet und Unternehmer überdenken ihre künftigen Investitionen neu. Dann sind sicherlich andere Standorte in der EU interessanter als Großbritannien. Langfristig wird es weniger Investitionen geben und es könnte zu Verlagerungen von Standorten kommen. Ein Brexit ist ein Thema der verpassten Chancen: Was hätte an zusätzlichen Investitionen in Zukunft erfolgen können, wenn Großbritannien weiter in der EU geblieben wäre?

Kann das nicht auch für Deutschland Vorteile haben, indem beispielsweise das Finanzzentrum Frankfurt von der Abwanderung profitiert?

Da trügt der Schein. Alle Länder haben bisher davon profitiert, dass London der größte Finanzplatz Europas ist und hier die Expertise gebündelt ist. Wenn es in Europa zu einer Zersplitterung kommt, würden die Märkte ineffizienter und alles teurer werden. In London gibt es einen sogenannten Clustereffekt, das heißt, es konzentrieren sich hier viele spezialisierte Dienstleister. Dadurch können Unternehmen sehr schnell Projektteams zusammenziehen. Wo wird nach einem Brexit diese Expertise angesiedelt sein? Wo finde ich dann die Leute, die neue Produkte entwickeln, die die Volkswirtschaft weitertreiben? Wenn man drei kleinere Cluster und ein paar Satellitencluster hat, dann ist es im Endeffekt ein Schaden für alle.

Es gibt Stimmen, die einen britischen Austritt als Chance für die EU sehen. Ihr Argument: Durch einen Brexit würden die verbliebenen EU-Staaten näher zusammenrücken und dadurch effizienter.

Ich glaube nicht, dass es langfristig Europa bessergehen wird. Wenn die EU auseinanderfällt, wird es insgesamt an Stimmengewicht in der Welt einbüßen. Es wird ein Vakuum entstehen, das andere Player auf dieser Welt füllen. Aber ob diese auch unsere Werte teilen, ist fraglich. Wir verlieren alle.

Gibt es keinen Gewinner?

Emotional nutzt ein Brexit vielleicht einigen Briten, die von einem glorifizierten Großbritannien träumen, das allein in der Welt steht und eine Weltmacht ist. Die sind dann ein oder zwei Wochen nach dem Referendum zufrieden. Aber die Realität zieht dann ganz schnell ein.

Wie geht es nach einem Brexit weiter?

Die Frage ist, ob die EU nach dem 23. Juni Lust hat, den Briten bei Neuverhandlungen über ihren Status sehr viele Zugeständnisse zu machen. Schließlich weiß man auch in der EU: Wenn man den einen gehen lässt, wollen andere Länder auch gehen. Um das zu vermeiden, werden die EU-Verhandlungen sicherlich zäh und kein Gewinn für Großbritannien. Und diese Verhandlungsphase erzeugt zusätzliche Unsicherheit bei den Unternehmen.

Welche Verhandlungsoptionen sehen denn die Brexit-Anhänger?

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Ulrich Hoppe ist Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London.

Als vor 20 Monaten die Idee für das Referendum hochkam, wollten die Brexit-Anhänger ein Modell wie die Schweiz oder Norwegen mit der EU aushandeln. Dann stellten sie fest, dass das nicht geht. Schließlich müssen sie dabei auch in den EU-Haushalt einzahlen und sind zur Arbeitnehmerfreizügigkeit verpflichtet -  was sie vehement ablehnen. Dann verkündete Boris Johnson, damals noch Londoner Bürgermeister: "Wir machen einen Deal wie mit den Kanadiern", bis ihm jemand erklärte, dass das auch nicht gehe. Das kanadische Abkommen richtet sich vorwiegend auf den Warenverkehr, nicht auf Dienstleistungen. London als großer Finanzplatz der Welt braucht aber die Dienstleistungsfreiheit. Das Problem ist: Wenn man etwas gemeinsam machen will, muss man Kompromisse schließen. Auch wenn die Briten jetzt für einen Brexit stimmen, müssen sie sich künftig mit anderen Ländern arrangieren. Das vergessen die Brexit-Befürworter immer. Sie wissen nicht, was sie tun.

Was steckt dann hinter den Wünschen der sogenannten Brexiteer?

Sie meinen, dass sie bei einem Ausscheiden aus der EU frei sind. Alles wird höher, schneller, weiter, jeder hat Zeit, mit ihnen zu verhandeln. Das bezweifele ich. So wichtig ist Großbritannien alleine auch nicht. Wenn die Chinesen und Amerikaner Verhandlungen führen, sind sie von Wirtschaftsinteressen geleitet und sprechen lieber mit einem Block von 450 Millionen Einwohnern als mit einem Land von 60 Millionen Einwohnern. Die Briten stehen am Ende der Schlange.

Wie erklären Sie sich, dass Boris Johnson nun auf der Seite der "Leave"-Kampagne kämpft?

Bei Boris Johnson ist es sicherlich politischer Opportunismus. Früher war er euroskeptisch - das macht sich immer gut in Großbritannien -, aber er war kein EU-Gegner. Wenn es zum Brexit kommt, dann wird Premierminister David Cameron sicher zurücktreten und er könnte seinen Platz einnehmen. Auch bei einem Verbleib in der EU muss Cameron rechtzeitig einen Nachfolger aufbauen, da er bei der nächsten Wahl nicht mehr antreten will. Dann kann sich Johnson als derjenige anbieten, der die völlig zerstrittenen Konservativen wieder eint und ihnen erklärt: "Ich war ja ein Brexit-Befürworter, jetzt müssen wir mit Volkes Wille leben. Aber ich sehe zu, dass ich das Beste für Großbritannien raushole."

Sie sagen, Euro-Skepis macht sich in der EU immer gut. Weshalb?

Es gibt ein großes Kommunikationsdefizit, die EU erreicht nicht mehr die Bürger. Das gilt nicht nur für Großbritannien, sondern für viele EU-Länder. Die EU muss den Menschen klarmachen, was ihnen ein gemeinsames Europa gebracht hat und in Zukunft bringt. Auch die nationalen Regierungen haben aus opportunistischen Gründen manchmal die EU zum Sündenbock gemacht und bei Entscheidungen gesagt: "Die EU hat uns dazu gezwungen." Das hat natürlich ein negatives Image in der Bevölkerung erzeugt.

Ein großes Thema, das die derzeitige Debatte dominiert, ist die Einwanderung. Wie problematisch ist sie für Großbritannien?

Die Immigration hat dem Land sehr genützt und zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Gerade durch die EU-Osterweiterung sind sehr viele Fachkräfte gekommen. Sie haben Jobs übernommen, die sonst keiner machen wollte oder für die es nicht die Qualifikationen gab. Natürlich gibt es immer ein Integrationsproblem und Leute, die unzufrieden sind über Veränderung. Aber die Welt lebt von Veränderung, nur Fortschritt bringt uns am Ende weiter.

Mit Ulrich Hoppe sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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