Politik

Angst in Oxford Eine skurrile Koalition betreibt den Brexit

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In Stein gemeißelte Geschichte: Die Universitätsstadt Oxford.

Auf der Insel Großbritannien liegt der Kontinent in weiter Ferne. Für die Brexit-Anhänger ist das allerdings immer noch zu nah. "Wer will in einem Haus bleiben, das zusammenbricht?", fragen sie - und beschwören ihre Geschichte.

Die sommerliche Abendsonne scheint milde durch die hohen Fenster des kathedralenartigen großen Saals im Rathaus von Oxford. Von den Wänden schauen weiße Engel hinab auf eine erregte Gesellschaft, die sich einem Ziel verschrieben hat: dem Austritt Großbritanniens aus der EU.

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Lord Owen redet, Lord Forsyth und die Studentin Anne Cremin hören zu.

(Foto: n-tv.de)

Es ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der hier zueinander gefunden hat. Auf dem Podium sitzen Lord David Owen, ein ehemaliger Labour-Außenminister mit schlohweißer Mähne, der einstige konservative Schottlandminister Lord Michael Forsyth und Anne Cremin, eine 20-jährige Studentin und Liberaldemokratin in einem knallroten Kleid. So unterschiedlich ihre Überzeugungen sind, an diesem Abend ist alles wie weggewischt im Angesicht des gemeinsamen Gegners - der EU. Diese wird zur Verkörperung einer Fremdbestimmung Großbritanniens, die es zuletzt unter den Römern vor 2000 Jahren gegeben hatte.

"Wer will in einem Haus bleiben, das zusammenbricht?", fragt Forsyth, der in einer bissigen Rede zu Hochform aufläuft, unter dem Applaus des Publikums. Und damit auch jedem klar ist, welches Haus zusammenstürzt, fügt er hinzu: "Wir müssen unsere Leute vor den Risiken eines Zusammenbruchs der EU schützen."

Dem Untergang geweiht

Dass die EU dem Untergang geweiht ist, ist eine beliebte These der sogenannten Brexiteers. Auch hier, im prächtigen Saal des viktorianischen Rathauses unweit des Kings Colleges, scheint keiner daran zu zweifeln. Gerade den linken Brexit-Anhängern gilt Brüssel als Inbegriff sozialer Kälte. Als Beweis führt Cremin, die der Veranstaltung einen Hauch jugendlicher Rebellion verleiht, die Heere von Arbeitslosen in Südeuropa an, die Misere Griechenlands, die Knebelverträge der EU mit armen Ländern.

Die beiden Lords betonen vor allem die wirtschaftliche Schwäche der EU. Im Gegensatz zu anderen prosperierenden Teilen der Welt wachse die EU nicht mehr, erklärt Forsyth. Und die 10.000 Bürokraten in Brüssel, die Großbritanniens Souveränität einschränkten, verdienten alle mehr als der britische Premierminister.

Das kommt an im Publikum, das aus mehreren Dutzend Zuschauern besteht und ähnlich bunt gemischt ist wie die Rednertruppe. Studenten, Hausfrauen, Angestellte sitzen hier auf beigen Plastik-Klappstühlen unter den Kronleuchtern des Saals, der viel mehr Menschen fassen könnte. Gelegentlich strecken zwei jüngere Zuschauer etwas zögerlich ein rotes Schild hoch: "Vote Leave" steht darauf, der Aufruf, jetzt die EU zu verlassen.

"Sie beschwören ein wahres Armageddon"

Besonders ein Thema erregt die Brexiteer im Publikum und auf der Bühne: die Einwanderer. Premierminister David Cameron hatte versprochen, deren Zahl auf unter 100.000 zu drücken, doch gerade am Tag der "Leave"-Kampagne in Oxford zeigen die offiziellen Zahlen: 333.000 Einwanderer zog es im Jahr 2015 nach Großbritannien, wobei allerdings mehr als die Hälfte nicht aus EU-Ländern stammt. Für die Brexit-Anhänger, die sich auf dem Podium langsam warm reden, ist klar: Die Einwanderer drücken die Löhne, belasten die Sozialsysteme, nehmen Briten die Arbeits- und Schulplätze weg, die Wohnungen sowieso. Was wird erst, wenn auch noch die Türkei mit ihren 76 Millionen Einwohnern der EU beitritt? Wenn wieder syrische Terroristen in europäischen Hauptstädten zuschlagen? Dass viele Ökonomen die Einwanderung positiv bewerten und Arbeitgeber erklären, für viele Jobs würden sich gar keine Briten finden, ficht sie nicht an.

Ihren Gegnern von der Remain-Kampagne werfen sie vor, mit einem "Project Fear" auf Stimmenfang zu gehen. "Sie haben ein wahres Armageddon in den letzten Wochen heraufbeschworen", so Forsyth. "Dass wir bald mehr für Häuser und Handys zahlen, dass es zum Krieg kommt." Tatsächlich warnen die Brexit-Gegner vor allem vor den wirtschaftlichen Kosten, die künftig jeden einzelnen Briten beträfen.

Doch auch die Brexit-Anhänger haben ein "Project Fear", nur ist ihre Angst eine andere. Es ist die vor der allmächtigen, gesichtslosen Bürokratie und dem Superstaat Europa, den Londons ehemaliger Bürgermeister Boris Johnson schon mit Hitler verglich. Überhaupt ist auf Deutschland an diesem Abend niemand gut zu sprechen: "Deutschland hat all diese Leute nach Europa eingeladen", sagt Forsyth zur Flüchtlingskrise, und das Publikum auf den Klappstühlen klatscht. Letztlich sei Kanzler Helmut Kohl auch schuld an der Währungsunion, die voller Mängel sei, erklärt Owen. Durch den Euro habe Deutschland auf Kosten der ärmeren Länder einen besseren Umtauschkurs bekommen. Und außerdem, so erklärt es der einstige Schottlandminister Forsyth, planten Deutschland und Frankreich den Aufbau einer EU-Armee, würden die Pläne aber erst nach dem Referendum veröffentlichen.

"Die EU, ein Projekt der Bilderberger"

Hier kommt die eigentliche Angst der konservativen Brexiteer zum Vorschein. Es ist die Angst vor einem weiteren Bedeutungsverlust Großbritanniens, das sein Empire bereits vor Jahrzehnten verloren hat und schon längst nicht mehr groß ist. "Großbritannien war das Land, das allein gegen die Nazis gekämpft hat", sagt Forsyth. Es sei das Land von Adam Smith und eine "riesige Erfolgsstory".

In dem wedgewoodblauen Saal mit den gewölbten Arkaden, wo in den 1960er Jahren die Rolling Stones auftraten und nun auch Hochzeiten gefeiert werden, fällt der Glaube daran leicht. Die begehrtesten Universitäten der Welt, in weißem Stein erbaut und umrankt von blühenden Rosen, sind einen Steinwurf entfernt. Großbritannien zeigt sich in Oxford in all seiner Schönheit, der ungeliebte Kontinent ist weit.

Die Sonne ist schon untergegangen, als sich die Veranstaltung dem Ende zuneigt. Brexit-Campaigner in roten "Vote Leave"-T-Shirts fordern die Gäste zum Verteilen von Flugblättern auf. Der Student James Wakeley ist einer von ihnen, und er zeigt sich begeistert von der Veranstaltung. Er sehe sich mehr als Welt-, denn als EU-Bürger, sagt er. Die EU sei ihm zu undemokratisch. An einem Tisch neben ihm verkauft ein älterer Herr sein Buch zur EU. "Lesen Sie es! Es zeigt, warum die EU ein Projekt der USA ist und wie sie von der Bilderberg-Gesellschaft gegründet wurde."

Der ehemalige Außenminister Lord Owen läuft an dem Stand vorbei, einen Rollkoffer hinter sich herziehend. Er blickt kurz auf und lächelt mit schmalen Lippen. "Seltsames Treffen", sagt er zum Abschied, fast so, als hätte er nicht selbst auf dem Podium gesessen. Dann verlässt er den Saal und geht hinaus in die laue Nacht des englischen Sommers.

Quelle: n-tv.de

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