Wirtschaft

Streit um Kurzvideo-Plattform Spioniert Tiktok für China die USA aus?

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US-Präsident Trump droht damit, Tiktok in den Vereinigten Staaten zu verbieten.

(Foto: imago images/Future Image)

US-Präsident Trump macht Jagd auf Tiktok. Die chinesische Kurzvideo-App mit 800 Millionen monatlich aktiven Nutzern soll ein Spionagewerkzeug der chinesischen Staatsführung sein. Stimmen die Vorwürfe oder ist das Problem ein anderes?

Tiktok ist eine der beliebtesten Apps der Welt. Die chinesische Kurzvideo-Plattform kommt auf zwei Milliarden Downloads und 800 Millionen monatlich aktive Nutzer. In den vergangenen Monaten wurde weltweit keine Anwendung häufiger heruntergeladen als Tiktok. Vor allem Jugendliche fahren auf die App ab. Zwei Drittel der Nutzer sind zwischen 16 und 24 Jahre alt, drehen kurze Videos, singen und tanzen zur Musik.

Was harmlos klingt, ist US-Präsident Donald Trump ein Dorn im Auge. Das liegt an der Herkunft der Plattform: Tiktok kommt aus China. 2016 ist dort die chinesische Version der App, Douyin, an den Start gegangen. Ein Jahr später kaufte die Muttergesellschaft Bytedance die amerikanisch-chinesische Kurzvideo-Plattform musical.ly und führte sie im August 2018 mit Tiktok zusammen. Seitdem erobert Tiktok die Welt und die Mutter Bytedance zieht mit. Das zweitwertvollste Startup der Welt hat angefangen, große Teile seines Geschäfts ins Ausland zu verlegen. Allein in den USA arbeiten für Tiktok bereits mehr als 1000 Mitarbeiter, weitere 10.000 Jobs will das Unternehmen laut eigener Aussage dort schaffen.

Die Trump-Regierung hält das aber nur für einen billigen Versuch, sich international und unabhängig zu geben. Die USA werfen der chinesischen Führung vor, die App als Spionagewerkzeug zu missbrauchen. "Der chinesische Staat hat sehr viele Gesetze im Bereich IT-Sicherheit und im nachrichtendienstlichen Bereich, die so offen formuliert sind, dass theoretisch Daten, die über so eine App verarbeitet werden, abgegriffen werden können. Dass das jetzt aber gezielt passiert ist, ist nirgendwo nachgewiesen", sagt Dennis-Kenji Kipker, Jurist und Spezialist für internationale Cybersicherheit, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

"China und USA sind keine sicheren Drittstaaten"

Tiktok sei, was Datenschutz betrifft, nicht schlechter aufgestellt als Plattformen aus den USA. Ob man sich Facebook oder eine chinesische App aufs Smartphone lade, sei aus dieser Perspektive egal, ergänzt Kipker: "Rein datenschutzrechtlich betrachtet sind beide Länder, also China und die USA, keine sicheren Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union, wo ja ein vergleichbares Datenschutzniveau herrscht."

Dass unsere Daten auf Social-Media- oder Video-Plattformen nicht sicher sind, ist nicht neu. Ein kostenloses Angebot muss finanziert werden, das Geld verdienen Facebook, Whatsapp, Tiktok & Co. mit unseren Daten. Nutzer stimmen aktiv zu, dass ihre Daten gesammelt und für personalisierte Werbung weiterverkauft werden. "Die datenschutzrechtliche Betrachtung muss man völlig trennen von diesen ganzen politischen Argumenten, die momentan angeführt werden. Grundsätzlich spielt es keine Rolle, welche Social-Media-App man herunterlädt. Man muss eben immer schauen, welche Daten diese App verarbeitet. Und da ist Tiktok keine Ausnahme", sagt Kipker. Unabhängig von diesen Spionagevorwürfen solle man sich vergewissern, ob die App "einen Mehrwert" schaffe.

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Dennis-Kenji Kipker lehrt an der Uni Bremen.

(Foto: Dennis-Kenji Kipker)

Die US-Regierung beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein - im Gegenteil: Tiktok bedrohe die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten, heißt es aus dem Weißen Haus. Und mit ihrer Kritik an Tiktok stehen die USA nicht allein da. Auch in Australien gibt es Überlegungen, die App zu sperren. In Deutschland hat die Bundeswehr ihre Accounts wegen Datenschutzbedenken gelöscht. Und in Indien ist die App bereits verboten. Aus politischen Gründen, ist sich Dennis-Kenji Kipker sicher: "Es gibt ja seit geraumer Zeit Grenzkonflikte. Und wenn man sich das von der zeitlichen Entwicklung her anschaut, wird man erkennen, dass es im Juni einen neuen Vorfall gab und dann Ende Juni verschiedene chinesische Apps verboten wurden."

Zensur ist das eigentliche Problem

Ob auch Donald Trump ein Verbot durchsetzt, ist allerdings fraglich. Zunächst hat der US-Präsident Bytedance ein Ultimatum gesetzt. Innerhalb von 90 Tagen muss die Betreiberfirma das US-Geschäft von Tiktok an ein US-amerikanisches Unternehmen verkaufen und sich von allen Nutzerdaten in den USA trennen. Das ist ein straffer Zeitplan, denn IT-Experten schätzen, dass die technische Auskopplung eigentlich ein Jahr oder länger dauern könnte.

Fraglich, ob sich unter den Bedingungen ein Käufer findet. Bislang gilt Microsoft als Hauptinteressent. "Ein solcher Kauf käme für Microsoft durchaus gelegen, weil Microsoft bislang ja kein Social-Media-Konzern ist", sagt Kipker, betont aber auch, dass ein Tiktok-Kauf durchaus auch negative Folgen haben könnte: "Microsoft-Gründer Bill Gates hat zu Recht gesagt, dass Tiktok ein vergifteter Kelch ist."

Ein vergifteter Kelch und ein Vehikel im politischen Streit zwischen den USA und China sowie zwischen China und Indien. Denn der Datenschutz ist nur der offensichtliche Grund, warum Tiktok immer wieder in die Kritik gerät. Die Video-App scheint nämlich ihre Inhalte zu zensieren. So, wie es in China üblich ist. Das Internet wird im Reich der Mitte zensiert. Suchmaschinen wie Google oder Yahoo sind genauso verboten wie Youtube, Facebook, Whatsapp oder Instagram. Auch unabhängige Nachrichtenseiten können in China nur teilweise aufgerufen werden. Erst recht, wenn sie kritisch über die Führung in Peking oder Menschenrechtsverstöße berichten.

"Wir moderieren keine Inhalte aufgrund ihrer politischen Ausrichtung. Unsere Moderationsentscheidungen werden von keiner Regierung beeinflusst, auch nicht von der chinesischen", teilte eine Unternehmenssprecherin von Tiktok auf Anfrage von ntv.de mit.

Trotzdem finden Inhalte, die der chinesischen Regierung nicht passen, in der App selten bis gar nicht statt. Videos zu den Demokratie-Protesten in Hongkong, zur Unterdrückung der Uiguren, zum Tiananmen-Massaker gibt es nicht oder werden schnell gesperrt. Homosexualität ist auf der Plattform verboten. Das gilt nicht nur für Nutzer in China, sondern überall - in den USA, Australien, Europa.

Zuletzt hatte die Nachrichtenagentur Reuters außerdem berichtet, dass Tiktok-Betreiber Bytedance von 2018 bis Mitte 2020 auch in der indonesischen Nachrichten-App Baca Berita chinakritische Inhalte verschwinden ließ. Demnach wurden lokale Mitarbeiter in Indonesien direkt aus der Bytedance-Zentrale in Peking heraus angewiesen, entsprechende Artikel zu löschen. Dass dies zumindest bis 2019 gängige Praxis war, dementierte ein Unternehmenssprecher von Baca Berita (Babe) nicht: "In unserer Anfangszeit gab es bei Babe einige Moderationspraktiken, die nicht mit unserer Philosophie übereinstimmten, dass das indonesische Team entscheidet, was für seinen Markt angemessen ist. Diese Richtlinien wurden 2019 ersetzt."

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Tragen die Wirtschaftsprüfer von EY die Schuld am Wirecard-Betrug? Was passiert, wenn US-Präsident Trump eine mögliche Wahlniederlage nicht akzeptiert? Wird Aids bald heilbar? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de