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Die Mär vom erfolgreichen Grexit Warum die Drachme Athen nicht rettet

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Griechische Jugendliche demonstrieren für ein "Nein" beim Referendum: Ein Grexit löst die Probleme des Landes nicht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Beim Referendum am Sonntag entscheiden die Griechen wohl auch über den Austritt aus der Währungsunion. Die Grexit-Befürworter trommeln seit Jahren: Raus aus dem Euro und alles wird gut. Doch das ist ein Mythos.

Oxi oder Nai - das ist die Wahl, die die Griechen am Sonntag haben. Nein oder Ja zu den Sparplänen der Geldgeber, das ist Frage auf den Wahlzetteln. Vizekanzler Sigmar Gabriel hat offen gesagt, worum es wohl auch geht: "Ja oder Nein zum Verbleib in der Euro-Zone". Die Grexit-Befürworter sagen: Griechenland muss nur raus aus dem Euro, dann wird alles gut.

Ihre Erzählung geht so: Hat Athen wieder seine eigene Währung, wird es endlich wettbewerbsfähig. Die neue Drachme wertet massiv ab, griechische Waren werden konkurrenzlos günstig, die Exporte explodieren und bringen die siechende Wirtschaft mit neuen Jobs in Schwung. Auf ein reinigendes Gewitter folgt wieder Sonnenschein. Doch so einfach ist es nicht. Die Mär vom erfolgreichen Grexit ignoriert die drei wichtigsten Probleme Griechenlands völlig.

Athen hat kaum etwas zu exportieren

Der größte Haken an der Theorie: Griechenland hat kaum Produkte, die jemand kaufen will. Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig: Laut dem World Travel & Tourism Council hängen fast jeder fünfte Job und etwas mehr als 16 Prozent der Wirtschaft direkt oder indirekt davon ab.

Doch abseits von Sonne und Meer hat Griechenland wirtschaftlich nicht viel anzubieten. Das Land gehört in punkto Ausfuhren zu den Schlusslichtern in der EU. Nur Spanien, Italien und Frankreich haben laut Eurostat eine noch geringere Exportquote. Dafür importiert Griechenland viele lebenswichtige Produkte, wie zum Beispiel Öl, Gas, Medikamente, Computerchips und -technik.

Ein Crash macht Hellas nicht konkurrenzfähig

Die Grexit-Anhänger glauben trotzdem, dass der Crash dem Land neues Leben einhaucht. Sie setzen auf die Schockwirkung: Durch den Währungsverfall sinken schlagartig die Preise griechischer Produkte. Das macht sie fürs Ausland billig.

Doch sie vergessen, dass Löhne und Einkommen der Griechen ebenso heftig einbrechen werden. Weite Teile der Bevölkerung werden sich Importe nicht mehr leisten können, wenn sie durch die abstürzende Drachme plötzlich dreimal so teuer sind. Auf griechische Produkte umsteigen können sie nicht: Sie werden ja eben bisher aus dem Ausland importiert, weil es sie in Hellas nicht gibt.

Durch die galoppierende Inflation werden weite Teile der Bevölkerung verarmen. Den Griechen bleibt daher gar nichts übrig, als für höhere Gehälter zu streiken. Mit der Einführung der Drachme beginnt ein Wettlauf: Wie schnell machen steigende Löhne den künstlichen Preisvorteil wieder zunichte, den Griechenland durch den Währungscrash hat?

Bestenfalls öffnet sich ein Zeitfenster von ein paar Jahren. Ausländer können dann griechische Immobilien zu Spottpreisen abstauben oder günstig Urlaub in Griechenland machen. Neue Jobs werden aber kaum entstehen. Nicht solange Athens drittes Problem ungelöst bleibt.

Die Drachme löst das Schuldenproblem nicht

Fragen Sie sich selbst: Würden Sie eine Firma gründen, wenn Sie wissen, dass Ihr Land Pleite ist? Würden Sie Milliarden investieren, wenn Sie fürchten müssen, dass Ihre Mitarbeiter bald an der Bank anstehen müssen statt zur Arbeit zu gehen? Griechenlands gigantischer Schuldenberg lähmt das Land. Es zieht ihn wie einen riesigen Klotz am Bein hinter sich her. Die Schock-Therapie macht nur Sinn, wenn die Regierung mit der alten Währung auch gleich noch ihre Schulden über Bord werfen kann.

Doch auch das löst das Problem nicht langfristig. Griechenland drückt mit dem Schuldenschnitt zwar den Reset-Knopf. Richtig durchstarten kann es aber nur, wenn es auch ein neues Betriebssystem installiert. Die Regierung müsste endlich die Steuerhinterziehung bekämpfen, die Privilegien von Superreichen und Oligarchen abschaffen, die das Land mit jahrzehntelanger Vetternwirtschaft ruiniert haben. Es müsste den aufgeblähten Staatsapparat reformieren, Bürokratie abbauen, ganze Wirtschaftszweige öffnen, die bisher mit staatlichen Vorschriften vor Konkurrenz geschützt werden.

Ob Griechenland seine Strukturprobleme angeht, hat aber mit dem Schuldenschnitt und der Einführung der Drachme nichts zu tun. Der Währungsschnitt macht es sogar wahrscheinlicher, dass Griechenland auf dem bekannten politischen Programm weiterläuft. Denn wenn die griechische Zentralbank erst keine Befehle der Frankfurter Euro-Währungshüter mehr befolgen muss, wird sie der Athener Regierung wieder so viel Geld drucken, wie die verlangt. Genauso war es, bevor Griechenland Euro-Mitglied wurde.

In ein paar Jahren wäre Hellas dann wieder da, wo es heute ist. Ein Währungscrash wird nicht dafür sorgen, dass die Griechen aufhören, über ihre Verhältnisse zu leben. Er würde bestenfalls ein Strohfeuer entfachen.

Quelle: n-tv.de

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