Marktberichte

Renzi-Aus und Dow-Rekord Dax? "Das ist schon Wahnsinn hier"

Mit einem Kurssprung startet der Dax in die Handelswoche. Er kann sein Tageshoch von 10.731 Punkten zwar nicht halten. Von Krisenstimmung kann nach dem "Referenzium" aber keine Rede sein. Das hat Gründe.

"Das ist viel, viel Holz", kommentiert n-tv-Börsenexperte Frank Meyer zu Wochenbeginn die Entwicklung am deutschen Aktienmarkt und beim Euro. "Das ist schon Wahnsinn hier", pflichtet ihm seine Kollegin Corinna Wohlfeil bei. Was war passiert?

Die Italiener hatten das Verfassungsreferendum von Ministerpräsident Matteo Renzi klar abgelehnt, Renzi damit ins politische Aus geschickt, aber die befürchteten Finanzmarktturbulenzen blieben aus. Stattdessen wies der Dax im Tageshoch einen Aufschlag von rund 215 Punkten auf und der Euro kletterte sogar über die Marke von 1,07 Dollar. Und wieso das Ganze? Weil Shorties, die auf fallende Kurse "gewettet" hatten, sich plötzlich eindecken mussten, heißt es aus dem Handel. Danach einsetzende Gewinnmitnahmen schmälerten das Dax-Plus dann etwas.

Der Dax verabschiedete sich 1,6 Prozent höher mit 10.685 Punkten aus dem Handel. In der Vorwoche hatte er mehr als 2 Prozent eingebüßt. Der MDax schloss 0,8 Prozent im Plus bei 20.688 Zählern. Der TecDax stieg 0,9 Prozent auf 1701 Stellen.

USA: Ölpreis zügelt die Wall Street

Das gescheiterte "Renzirendum" schien auch die Börsianer am New Yorker Aktienmarkt nur am Rande zu interessieren. Der US-Leitindex Dow Jones kletterte gleich zu Handelsbeginn auf ein Rekordhoch und arbeitete sich im Zuge überraschend starker ISM-Dienstleistungsdaten sowie zunächst weiter steigender Ölpreise in Richtung 19.300 Punkte vor. Bereits Europas Börsen hatten auf das Nein zu einer Verfassungsreform in Italien gelassen reagiert und überwiegend Gewinne eingefahren.

Dow Jones
Dow Jones 21.052,53

Der Dow-Jones-Index erreichte im Verlauf bei 19.274,85 Punkten ein neues historisches Hoch, verlor anschließend jedoch an Fahrt und beendete den Tag mit einem moderaten Plus von 0,24 Prozent bei 19.216,24 Punkten. Als Hemmschuh erwiesen sich letztlich die dann doch wieder spürbar rückläufigen Ölpreise. Der breiter gefasste S&P 500 stieg um 0,58 Prozent auf 2204,71 Punkte und ist damit keine ganzen 10 Punkte mehr von seinem jüngsten Rekordhoch entfernt. Der Technologiewerte-Index Nasdaq100 gewann 0,82 Prozent auf 4778,14 Punkte.

Die Aufmerksamkeit der Anleger richtete sich abgesehen von der Ölpreisentwicklung vor allem auf die November-Daten zur Stimmung im US-Dienstleistungssektor. Diese legten nicht nur stärker als erwartet zu, sondern konnten laut Analyst Ulrich Wortberg von der Helaba auch den Rückgang im Vormonat überkompensieren. "Das Niveau ist hoch und das Wachstumsszenario intakt", fügte er an und sieht in den Daten einen weiteren Baustein dafür, dass die US-Notenbank Fed den Leitzins in der nächsten Woche anheben wird.

Weiter im Vordergrund steht die Zinspolitik der Fed. US-Notenbanker William Dudley sagte zu Wochenbeginn, die Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten schaffe eine politische Unsicherheit. Es sei noch zu früh, um zu entscheiden, ob der Fed-Plan gradueller Zinserhöhungen angepasst werden müsse.

Auf der Ebene der Einzelwerte blieb die Nachrichtenlage weitgehend ruhig. Die Papiere von Nike - bislang im Jahresverlauf die mit Abstand schwächsten im Dow mit einem Minus von rund 17 Prozent - legten an der Index-Spitze zuletzt um knapp 2,8 Prozent auf 51,85 Dollar zu. Die britische Investmentbank HSBC hatte die Aktien des Sportartikelherstellers von "Hold" auf "Buy" hochgestuft und das Kursziel von 56 auf 60 Dollar angehoben. Die Realität ist laut Analyst Erwan Rambourg nicht so trostlos, wie es der Aktienkurs von Nike vermuten lasse. Er hält die Aktien mit Blick auf 2017 und darüber hinaus für eine gute Investment-Chance.

Die Anteilsscheine von Goldman Sachs gewannen an zweiter Stelle im Dow 2,3 Prozent und profitierten davon, dass die HSBC die Titel mit "Buy" startete. Analyst Alevizos Alevizakos sieht die Investmentbank wegen erwarteter anziehender Erträge und nachlassendem Regulierungsdruck als wertversprechende Anlagemöglichkeit.

Aktien aus dem Pharma- und Gesundheitsbereich zählten dagegen zu den größten Verlierern. Im Dow gaben die Papiere des Krankenversicherers UnitedHealth Group 1,9 Prozent ab. Die Titel des Arzneimittelherstellers Merck&Co büßten 1,4 Prozent ein. Im Nasdaq-Auswahlindex rangierten die Titel des Biotechnologiekonzerns Biogen unter den Schlusslichtern mit minus 2,4 Prozent.

Am US-Rentenmarkt zeigten sich richtungsweisende zehnjährige Staatsanleihen unverändert bei 96 19/32 Punkten und rentierten mit 2,385 Prozent.

Renzi-Rücktritt - und keine Panik

"Die Märkte reagieren ziemlich entspannt, schließlich ist schon viel Wasser unter der Brücke durchgeströmt", kommentierte Marktexperte Chris Weston von IG. "Panik gibt es nicht." "Dennoch gilt: Die Unsicherheit bleibt vor allem langfristig groß", sagte n-tv-Börsenexpertin Wohlfeil. So habe der Leitindex der Mailänder Börse seit Jahresbeginn bereits ein Viertel seines Wertes verloren. Ein schwaches Wirtschaftswachstum, die Bankenkrise und die hohe sowie weiter steigende Verschuldung - das sei ein explosives Gemisch, erläuterte sie.

Der Ausgang des Referendums in Italien schürt vor allem Sorgen, dass dem bereits mit massiven Problemen - insbesondere einem Riesenberg an faulen Krediten - kämpfenden Bankensektor des Landes nun weiteres Ungemach droht und dass dies auf den Banken-Sektor weltweit überschwappen könnte. In Italien drohe nun eine Phase erhöhter politischer Unsicherheit, die auch Neuwahlen nach sich ziehen könnte, heißt es. Aus denen könnten eurokritische Kräfte wie vor allem die Fünf-Sterne-Bewegung als Sieger hervorgehen und den Verbleib Italiens in der EU zur Abstimmung stellen. Es gibt aber auch beruhigende Stimmen, die betonen, politische Unsicherheiten und Regierungswechsel seien in Italien nichts Besonderes.

Die Investoren hätten eine gewisse "Routine" für derartige Ereignisse entwickelt, sagte etwa Christian Gattiker von Julius Bär. Zunächst passten sie ihre Positionen an, dann beurteilten sie die Gefahr einer Ansteckung und schließlich nähmen sie die geldpolitischen Antworten der EZB vorweg. So wohl auch beim italienischen Referendum. Zwar dürften die politischen Antworten auf das Referendum in Italien eine Weile auf sich warten lassen. "Aber für die Geldpolitik könnte die EZB schon bei der regulären Sitzung am Donnerstag mit einem Plan aufwarten", sagte Gattiker.

"Die Weihnachtsrally kann beginnen", kommentierte Daniel Saurenz von Feingold Research. "Der Dax hat alle politischen Ereignisse mit der Wahl in Italien hinter sich gelassen. Es war fast egal, was herauskam. Buy on bad news - so ist die Lage am Aktienmarkt." Für Saurenz hat der Dax "Nachholbedarf", er sieht den Leitindex zum Jahresschluss "über 11.000 Punkten".

Devisen: Euro mit Satz

Euro / US-Dollar
Euro / US-Dollar 1,08

Nur kurzfristig gab der Euro zum Dollar nach. Er fiel zwar deutlich bis auf ein Tagestief von 1,0505 Dollar am Morgen. "Die 1,05 sind eine wichtige Marke. Fällt sie, winkt die Parität", führte n-tv-Börsenexperte Meyer an. Doch die Marke hielt. Der Euro erholte sich wieder deutlich - bis auf ein Tageshoch von am Abend von 1,0741 Dollar. Das war ein Aufschlag von rund 2 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0702 Dollar fest nach 1,0642) Dollar am Freitag.

"Politische Instabilität in Italien ist nicht wirklich neu", sagte Takuya Kanda vom Gaitame.Com Research Institute. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, erklärte die gelassene Reaktion der Finanzmärkte mit der Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang der politischen Krise in Italien. Das italienische Parlament könne sich demnach rasch auf eine Übergangsregierung einigen und damit Neuwahlen mit unsicherem Ausgang vermeiden.

Außerdem richtete sich der Blick der Anleger bereits auf die Zinssitzung der EZB am kommenden Donnerstag. Hier werden Aussagen zur weiteren Entwicklung des Kaufprogramms von Staatsanleihen durch die Zentralbank erwartet. "Der Blick auf den Donnerstag wirkt am heutigen Tag für die Finanzmärkte wie eine Art von Fallschirm", sagte Experte Gitzel. Sollte es notwendig werden, könnte die EZB den Kauf von italienischen Staatsanleihen ausweiten.

Dax: BASF gefragt

BASF
BASF 40,82

Zu den Gewinnern im Dax zählten BASF mit einem Plus von 2,3 Prozent. Die Aktien  profitierten von einer Rally der rohstoffnahen und konjunktursensiblen Werte. Aus dem gleichen Grund ging es für Thyssenkrupp .rund 3,5 Prozent nach oben. Auch bei VW, Daimler und BMW kletterten die Kurse: VW legten etwa 1,5 Prozent zu, Daimler etwa 3 Prozent und BMW mehr als 3 Prozent.

Die Bankentitel können ihre Anfangsverluste wettmachen. Vor allem die Titel der Deutschen Bank legten daraufhin im Handelsverlauf zu und schlossen mehr als 3 Prozent fester. Commerzbank, am Freitag neben der Deutschen Bank noch einer der Topverlierer im Dax, zogen nicht mit und gingen nahezu unverändert aus dem Handel.

Lufthansa verabschiedeten sich rund 0,8 Prozent fester aus dem Handel. Den Grund sahen Händler darin, dass sich Verdi mit dem Kabinenpersonal bei Eurowings im Tarifstreit geeinigt hatte.

TecDax: Aixtron versucht's

Nachdem US-Präsident Barack Obama am Freitagabend eine Übernahme des Unternehmens durch die chinesische Grand Chip Investments untersagt hatte, und die Titel zuvor deutlich unter Druck gestanden hatten, kletterten sie etwas: rund 1 Prozent. "Möglicherweise spekuliert man am Markt jetzt auf einen Teilverkauf", sagte ein Händler.

SDax: Es läuft bei Deutz

Deutz-Aktien sprangen fast 5 Prozent an und notiertenn auf den höchsten Stand seit August vergangenen Jahres. Einem Unternehmenssprecher zufolge hatten jüngst Spekulationen den Kurs nach oben getrieben, dass Deutz von einer steigenden Nachfrage nach Investitionsgütern im Baubereich in den USA profitieren könnte. Am Montag nahm Deutz zudem an einer Investorenveranstaltung der Berenberg Bank in London teil.

Rohstoffe: Ölpreis zieht weiter an

Der Ölpreis wies am Abend deutliche Gewinne auf. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete 54,96 Dollar. Das waren 0,9 Prozent mehr als am Freitag. Auch die 56-Dollar-Marke wurde bereits geknackt. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg ebenfalls 0,9 Prozent auf 51,95 Dollar.

Das Thema Italien belastete dabei kaum. Händler verwiesen vielmehr auf Daten vom Freitag, laut denen die Zahl der Ölbohrlöcher in den USA die fünfte Woche in Folge gestiegen war. Es handelte sich zudem laut Baker Hughes um den stärksten Anstieg seit Januar. Die Auswirkungen der von dem Ölkartell Opec beschlossenen Kürzung der Fördermenge könnte durch eine steigende US-Förderung am Rohölmarkt teilweise verpuffen.

In der Hoffnung auf eine anziehende Nachfrage deckten sich Anleger indes mit Industriemetallen ein. Kupfer verteuerte sich 1,8 Prozent auf 5865,50 Dollar je Tonne. Das zur Stahl-Herstellung benötigte Nickel zog 1,0 Prozent auf 11.575 Dollar an. Letzteres profitierte zusätzlich von der Nachricht, dass die Philippinen - der weltgrößte Exporteur dieses Metalls - im Kampf gegen Umweltzerstörung weitere Nickel-Minen schließen will.

Asien: Schwache Banken

Die asiatischen Aktienmärkte starteten mit Abschlägen in die neue Handelswoche. Der Shanghai Composite schloss 1,2 Prozent im Minus bei 3205 Zählern. In Sydney sank der S&P/ASX200 0,8 Prozent, in Hongkong lag der HSI ebenfalls tiefer. Der Tokioter Nikkei-Index gab 0,8 Prozent auf 18.275 Punkte nach.

Unter den größten Verlierern waren etliche Finanzwerte. Sie reagieren besonders sensibel auf Krisen. Mitsubishi UFJ, T&D Holdings, Sumitomo Mitsui Financial verloren jeweils mehr als 2 Prozent. In Sydney kamen Australia & New Zealand Banking Group rund 1 Prozent und Macquarie fast 2 Prozent zurück. "Es ist bekannt, dass eine Reihe von italienischen Banken mit notleidenden Krediten zu kämpfen hat, Monte dei Paschi di Siena ist der prägnanteste Fall", sagt Aktienexperte Alex Furber von CMC Markets. "Die Fragezeichen sind groß, ob die Regierung ihnen wieder auf die Beine helfen kann."

Quelle: ntv.de, bad/DJ/rts/dpa