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Kampf gegen das Coronavirus "Bis zum Impfstoff wird es noch dauern"

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Ein Corona-Impfstoff dürfte noch auf sich warten lassen - und wird doch von hohem Nutzen sein.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur)

Einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt es bisher nicht - dabei wäre dieser ein entscheidender Vorteil im Kampf gegen den Erreger. Im Gespräch mit ntv.de erklärt Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht, was die Entwicklung von Impfstoffen so schwierig macht und wann mit dem ersten Corona-Vakzin zu rechnen ist.

ntv.de: Herr Specht, derzeit wird eilig nach einem Medikament gegen das Virus Sars-CoV-2 gesucht - aber ist die Entwicklung von Impfstoffen nicht erfolgversprechender im Kampf gegen Viren?

Dr. Christoph Specht: Ein Impfstoff, der tatsächlich eine ausreichend gute Immunantwort des Menschen hervorrufen könnte, wäre natürlich ganz hervorragend. Aber mit Sicherheit kommt diese Intervention im Fall von Covid-19 erst nach einer medikamentösen Therapie. Und zwar ganz einfach deshalb, weil die Entwicklung eines Impfstoffs noch schwieriger und noch komplizierter ist als die eines Medikaments. Ich bin sehr sicher, dass, bevor wir einen Impfstoff haben, den wir auch einsetzen können, ein neues Medikament verfügbar sein wird. Dabei ist die Impfstoffentwicklung heute schon sehr viel schneller als früher.

Wie kommt das?

Früher musste man bei der Entwicklung eines Impfstoffs locker von zehn Jahren ausgehen. Das geht heute viel schneller, man hat es bei Ebola gesehen. Mittlerweile hat man ganz andere Möglichkeiten, mit sogenannten Bausatz-Systemen Impfstoffe zu bauen. Das heißt, man hat, wie in der Autoindustrie auch, ein Grundmodell, was man dann an der Oberfläche nur modifiziert, je nachdem, was für einen Erreger man bekämpfen möchte. Außerdem haben wir bei Sars-CoV-2 den Vorteil, dass zur Sars-Epidemie 2003/2004 bereits an einem Impfstoff geforscht wurde. Das ist dann nicht weiter verfolgt worden, weil das Sars-Virus einfach wieder verschwand. Aber man kann darauf aufbauen.

Was ist das Problem bei der Suche nach einem Impfstoff?

Trotz aller biotechnologischen Fortschritte, die die Impfstoffentwicklung deutlich beschleunigt haben, bleibt nach wie vor das Problem der starken Variabilität innerhalb einer Virusfamilie oder eines Stamms. Auch Coronaviren mutieren - das müssen nicht immer Mutationen sein, die auf die In­fek­ti­o­si­tät oder die Pathogenität, also die krankmachende Wirkung, Einfluss haben. Sondern auch solche, die das Virus einfach "verkleiden", sodass es vom Immunsystem nicht mehr erkannt wird, obwohl ein Vorläufer schon mal im Menschen war und Antikörper produziert worden sind.

Wann, glauben Sie, wird ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 denn verfügbar sein? Erste Studien haben ja bereits begonnen - das deutsche Unternehmen CureVac will bereits in diesem Herbst einen Impfstoff in einem größeren Versuch testen.

Bis ein Impfstoff breit in der Bevölkerung eingesetzt werden kann, wird es ganz sicher noch dauern. Ich schätze, bis Anfang des nächsten Jahres, selbst wenn man die Sicherheitsprüfungen stark verkürzt. Insofern wird uns ein solcher Impfstoff in der aktuellen Phase nichts nützen, weil wir ihn nicht haben.

Kommt ein Impfstoff dann nicht einfach zu spät?

Nein, er wird trotzdem notwendig sein. Denn Covid-19 wird uns vermutlich über viele Monate beschäftigen. Denn ich denke, wir werden einen wellenförmigen Verlauf der Pandemie sehen. Das macht aber die Notwendigkeit eines Impfstoffs nicht zunichte. Denn wir werden immer noch sehr viele Menschen haben, die nicht infiziert waren und damit keine Immunität gegen Sars-CoV-2 haben. Und wenn wir dann abwarten, bis alle Menschen sich auf natürlichem Wege infiziert haben, dann wäre das natürlich ein recht riskantes Spiel. Denn nach wie vor würden Menschen natürlich auch dabei sterben. Ein Impfstoff könnte diese Gefahr beheben.

Mit Dr. Christoph Specht sprach Kai Stoppel

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Quelle: ntv.de