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Dienstag, 29. Juni 2010

Wie die Nussknacker-Urmenschen: Biss kraftvoller als gedacht

Der moderne Mensch scheint, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nichts an seiner Beißkraft eingebüßt zu haben. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, bei der verschiedene digitale Kiefermodelle getestet wurden.

Das Zubeißen ist ein komplexer Vorgang ...
Das Zubeißen ist ein komplexer Vorgang ...(Foto: picture-alliance / dpa)

Der Mensch hat einen weitaus stärkeren Biss als bisher angenommen und kann sich daher sogar mit dem "Nussknacker-Urmenschen" Paranthropus boisei messen. Zu diesem Schluss kommt der australische Forscher Stephen Wroe, nachdem er die mechanischen Eigenschaften von Muskeln und Knochen aktueller und prähistorischer Menschen im Computer miteinander verglichen hatte. Dafür konstruierte Wroe an der University of New South Wales digitale Modelle der Schädel, versah sie mit ebensolchen Muskeln und Zähnen und simulierte, mit welchen Kräften die digitalen Kiefer mit dieser Ausstattung zubeißen konnten.

Ein vielfach vertretene Ansicht ist, dass wir heute nicht mehr sonderlich stark beißen können, weil sich der Jetzt-Mensch oft von gegarten, aufwendig verarbeiteten und daher leicht zu kauenden Speisen ernährt. Früher hingegen galt es, mit dem Mund Nüsse zu knacken, Körner zwischen den Kauflächen zu zerreiben oder zähes Fleisch vom harten Knochen zu reißen – alles Tätigkeiten für einen kräftigen Kauapparat.

Effektiver Einsatz der Muskeln

Der menschliche Schädel ist heute zwar filigraner und leichter gebaut, setzt die Kraft der Muskeln aber überaus effektiv in Druck auf die Kiefer um, schreibt Wroe mit Blick auf die Daten. Diese wurden mit einem Rechenverfahren ("finite Elemente") ermittelt, mit der etwa Autohersteller die Kräfte in kollidierenden Autos simulieren. Dabei zeigt sich, an welchen Stellen des Schädels besonders große Kräfte auftreten. "Wir haben zum ersten Mal detaillierte 3-D-Vergleiche (verschiedener Schädel) unternommen, und dabei stellt sich heraus, dass der moderne Mensch keinesfalls einen schwächlichen Biss hat – er ist sehr effizient und kraftvoll."

... bei dem zahlreiche Muskeln zum Einsatz kommen.
... bei dem zahlreiche Muskeln zum Einsatz kommen.(Foto: picture alliance / dpa)
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Und Wroe ergänzt: "Im hinteren Bereich des Kiefers ist die Kraftübertragung um 40 bis 50 Prozent effizienter als bei allen Menschenaffen. Wenn wir mit der Vorderfront des Kiefers zubeißen, ist die Effizienz noch größer. Wir haben den modernen Menschen zwar nur mit zwei fossilen Hominiden verglichen, aber bezogen auf unsere Größe haben wir eine ähnlich große maximale Beißkraft wie der Nussknacker-Urmensch." Die großen Affen hätten allerdings Vorteile, wenn es um das zeitraubende und anstrengende Zerkauen fester Pflanzenteile wie Bambus oder Blättern geht, notiert Wroe in den "Proceedings B" der britischen Royal Society.

Quelle: n-tv.de

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