Wissen

Gefährliche Reiselust Das Klima-Dilemma des Fliegens

Um die Welt zu fliegen, wird immer beliebter. Doch Flugreisen gelten als Klimasünden - der CO2-Ausstoß ist im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln absurd hoch. Auch trotz strenger Klimaziele dürfte sich daran in Zukunft wenig ändern. Am Ende bleibt wohl nur ein Ausweg.

Mal eben am Wochenende nach Venedig, zum Jahresurlaub natürlich in die USA, nach Thailand oder Australien. Fliegen zählt heute zum Lifestyle aufgeschlossener Menschen, die es sich leisten können. Während jedoch der Großteil der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug von innen gesehen hat, reisen Europäer, Ostasiaten und Nordamerikaner immer öfter mit dem Flugzeug. Auch die Deutschen zählen zu den Vielfliegern - die Zahl der Passagiere hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt.

Doch die Sache hat einen Haken: Fliegen ist eine energieintensive Methode der Fortbewegung. Der Ausstoß von Treibhausgasen pro Personenkilometer ist absurd viel höher als bei den meisten anderen Transportmitteln, das Auto mal ausgenommen. Eine Zugfahrt von Berlin nach München produziert im Vergleich zu einem Inlandsflug nur etwa ein Viertel so viele Treibhausgase. Noch weniger sind es beim Reisebus.

Die eigene  Klimabilanz bei Flugreisen kann sich mittlerweile jeder leicht im Internet ausrechnen lassen - wie etwa auf der Webseite des Umweltbundesamtes: Ein Flug von Frankfurt nach New York etwa schlägt mit fast vier Tonnen CO2 (eigentlich CO2-Äquivalent, da beim Fliegen noch weitere klimawirksame Effekte wirken) zu Buche. Hin und zurück nach Thailand sind es mehr als fünf Tonnen. Aber ist das viel? Nun ja: Der Ausstoß von CO2 pro Kopf in Deutschland beträgt laut Umweltbundesamt rund 12 Tonnen. Mit einem einzigen Hin- und Rückflug nach Australien etwa ist dieses Kontingent fast erschöpft.

Weniger als zwei Tonnen müssen es sein

Damit die Pariser Klimaziele erreicht werden, müsste der CO2-Ausstoß pro Person auf unter eine Tonne pro Jahr reduziert werden, so die deutsche Umweltbehörde - weniger als ein Zehntel vom aktuellen Verbrauch. Fernreisen mit dem Flieger wären nach derzeitigem Stand also nur noch sehr selten möglich, wenn überhaupt. Aber nur so, sind sich Forscher sicher, wird die globale Temperatur bis 2100 um weniger als zwei Grad gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung ansteigen. Sollte das deutlich verfehlt werden, worauf bisher vieles hindeutet, droht ein Klimaszenario mit möglicherweise katastrophalen Folgen.

*Datenschutz

Angesichts dieser großen Herausforderung ist die derzeitige Entwicklung des weltweiten Flugverkehrs ein echtes Problem. Denn er wächst rasant. Und mit ihm der Ausstoß von CO2 - in den vergangenen sechs Jahren hat dieser um mehr als ein Viertel zugenommen auf zuletzt fast 900 Millionen Tonnen im Jahr. Wenn die Luftfahrtbranche ein Land wäre, am CO2-Ausstoß gemessen wäre es das sechstgrößte auf der Erde. Gleich zwischen Japan und Deutschland.

Noch ist der Anteil des Luftverkehrs am weltweiten CO2-Ausstoß gering. Nur etwas mehr als zwei Prozent des Treibhausgases stammen aus den Turbinen von Urlaubsfliegern und Frachtflugzeugen. Doch im Gegensatz zu anderen Bereichen, wie etwa der Stromproduktion oder dem Wärmebedarf von Wohngebäuden, mangelt es dem Flugverkehr derzeit an Möglichkeiten, den CO2-Ausstoß wirksam zu reduzieren. Und damit droht sein Anteil in Zukunft dramatisch zu steigen.

CO2-Beitrag der Luftbranche wächst massiv

Die Luftfahrtbranche rechnet derzeit mit einem Wachstum des Flugverkehrs von im Schnitt fünf Prozent pro Jahr – bis zum Jahr 2037, glaubt der Weltluftfahrtverband Iata, könnte sich die Zahl der jährlich transportierten Passagiere auf rund acht Milliarden verdoppelt haben. Würden die Klimaziele bis 2050 einigermaßen eingehalten - der Anteil der Luftfahrtindustrie betrüge dann mehr als ein Viertel des jährlichen CO2-Ausstoßes, hat die Online-Plattform Carbon Brief ermittelt.

*Datenschutz

Hinzu kommt beim Flugverkehr, neben CO2 auch Stickoxide und Wasserdampf, der in hohen Luftschichten ausgestoßen wird, zum Klimawandel beitragen. Zusammengenommen gehen Forscher davon aus, dass Flugzeuge zwar aktuell nur für etwas mehr als zwei Prozent des CO2-Ausstoßes in die Atmosphäre verantwortlich sind, insgesamt aber für fünf Prozent der Klimawirkungen. Laut Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben die vom Menschen verursachten Zirruswolken bereits mehr zur Klimaerwärmung beigetragen als sämtliche CO2-Emissionen der Flugzeuge.

Die Flugindustrie kann jedoch nicht tatenlos zusehen: Die Mitgliedsstaaten der staatlichen UN-Luftfahrtorganisation ICAO haben 2016 das Luftverkehrsabkommen Corsia beschlossen. Es sieht einen Deckel der CO2-Emissionen und klimaneutrales Wachstum für die Branche ab 2021 vor. Geschehen soll das aber vor allem dadurch, dass für alle zusätzlichen Emissionen Zertifikate für CO2-Einsparungen gekauft werden. Damit wird Fliegen selbst jedoch nicht klimafreundlicher.

Airbus stellt CO2-freies Fliegen in Aussicht

Auch bei den Flugzeugbauern ist man sich der Problematik bewusst - der neue Airbus-Chef Guillaume Faury kündigte in einem Interview mit der "FAZ" an, das Ziel seines Konzerns sei, "vollkommen emissionsfrei zu fliegen". Schon in etwa zehn Jahren sollen rein elektrisch betriebene Flugzeuge für den kommerziellen Flugverkehr bereitstehen. Auch die Fluglinie Easyjet tüftelt mit dem US-Unternehmen Wright Electric bereits an kleinen Elektro-Jets.

Doch im Gegensatz zu Elektroautos sind Batterien für Flugzeuge einfach zu schwer - das gesteht auch Airbus-Chef Faury ein und bringt sicherheitshalber gleich ein paar Alternativen ins Spiel: Wasserstofftechnologie, synthetische oder Bio-Treibstoffe. Doch entweder sind diese Energieträger noch zu teuer, wenig erforscht oder schaden, wie Letztere, bei der Produktion ihrerseits der Umwelt - und führen über Umwege zu einer anhaltenden CO2-Belastung.

Wenn Wachstum nicht klimaneutral funktioniert, bleibt am Ende wohl nur die Hoffnung auf die Einsicht der Menschen. Immer mehr Reisende versuchen jetzt schon, ihr schlechtes Klima-Gewissen beim Fliegen mit C02-Kompensationen zu begleichen, wie sie etwa Atmosfair anbietet. Allerdings werden damit nur neu entstehenden CO2-Emissionen in anderen Ländern vermieden. Eine Gruppe von Menschen verzichtet daher ganz auf Flugreisen - in Schweden trägt dieser Trend den Namen Flygskam (zu Deutsch "Flugscham"). Am Ende wohl die verlässlichste Methode. Sicher scheint: Um die Welt zu düsen und gleichzeitig das Klima zu retten, wird nur schwer unter einen Hut zu kriegen sein.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema