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Klimarat-Autorin im Interview "Jeder Grad hilft, das Risiko zu begrenzen"

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Viele Wissenschaftler vermuten, dass das 1,5-Grad-Ziel kaum noch erreichbar ist.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Vor sechs Jahren haben die Länder der Welt beschlossen, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen - wenn möglich, auf 1,5 Grad. Der neue Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC) hat gezeigt, was auf die Welt zukommt, wenn das 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht wird: Kipppunkte, die nicht mehr rückgängig zu machen sind; steigende Meeresspiegel, die Millionen von Menschen betreffen werden. Doch viele Wissenschaftler sind sich inzwischen einig, dass wir das 1,5-Grad-Ziel kaum noch erreichen können. Lohnt sich diese Mammutaufgabe also überhaupt noch? Sabine Fuss, Klimaökonomin am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change in Berlin (MCC), ist nach dem Pariser Klimaabkommen als Weltklimarat-Leitautorin genau dieser Frage nachgegangen: "Lohnt sich diese Herkulesaufgabe überhaupt?" Im Interview mit ntv.de erklärt sie, warum sie noch Hoffnung hat.

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Sabine Fuss ist Klimaökonomin und leitet die Arbeitsgruppe "Nachhaltiges Ressourcenmanagement und globaler Wandel" am MCC in Berlin.

ntv.de: Die Wissenschaft geht davon aus, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr erreicht werden kann. Was glauben Sie?

Sabine Fuss: In dem Bericht für den Weltklimarat nach dem Pariser Abkommen haben wir gezeigt, dass es noch viele Pfade gibt, die zu 1,5 Grad führen, es sozusagen technisch machbar ist. Natürlich wird es aber etwas kosten. Und es geht auch um die Umsetzung - und dafür ist die COP 26 in Glasgow wichtig. Denn das, was die Staaten an Absichtserklärungen auf den Tisch gelegt haben, um die Pariser Klimaziele zu erreichen, ließe die globale Mitteltemperatur um 2,7 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau ansteigen. Die Ambitionen müssen also angezogen werden. Deshalb ist der Klimagipfel in Glasgow so wichtig.

Den Unterschied zwischen 1,5 und 2 Grad hat der jüngste IPCC-Bericht noch einmal deutlich gemacht: Viele Kipppunkte werden bereits zwischen 1,5 und 2 Grad erreicht sein. Sind wir zu spät dran?

Alles, was wir über Kipppunkte wissen, ist ebenfalls mit Unsicherheit behaftet. Aufgrund des Risikos, Kipppunkte zu überschreiten, lohnt es sich auf jeden Fall, die Emissionen so weit wie möglich zu senken. Es gilt, die Risiken so klein wie möglich zu halten, damit wir die Klimaauswirkungen noch einigermaßen gering halten können. Auch wenn wir jetzt schon mit einigen Klimaauswirkungen konfrontiert sind, lohnt es sich, diese Unsicherheiten zu minimieren. Und ein halber Grad weniger globale Erwärmung kann da sehr viel bewirken.

Jeder einzelne Grad zählt, warum?

Mit jedem zusätzlichen halben Grad werden weitere Kipppunkte überschritten. Und dann gibt es Rückkopplungseffekte, die die Klimafolgen noch höher treiben. Das ist natürlich ein hohes Risiko. Und jeder einzelne Grad hilft hier, das Risiko zu begrenzen.

Klimaschutz und Klimapolitik werden oft als Politik des Verzichts verkauft. Lohnt sich dieser Verzicht?

Ich finde es gut, dass sich die Diskussion jetzt auch ein bisschen mehr auf den Einzelnen konzentriert. Was kann jeder tun, um seinen ökologischen Fußabdruck zu verringern? Gerade bei weiten Flugreisen zum Beispiel haben wir einen sehr großen Beitrag, den der Einzelne leisten kann. Und ich denke, das hat den Klimaschutz mehr in den Mainstream gebracht. Nicht zuletzt hat auch die Fridays-for-Future-Bewegung die Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Dies darf allerdings nicht dazu führen, dass die Politik aus ihrer Verantwortung entlassen wird. Schließlich sind es auch die politischen Rahmenbedingungen, die es dem Einzelnen ermöglichen, seinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Aber wenn wir die globale Ebene betrachten, macht Deutschland 2,5 Prozent der globalen Emissionen aus. Ist das nur ein minimaler Teil des Problems?

Wir sollten nicht herunterspielen, dass Deutschland in seiner Vorreiterrolle auch einen Multiplikatoreffekt haben kann. Dass man mit gutem Beispiel vorangehen kann, dass Verhaltensmuster kopiert werden können und dass man als bereits entwickelte Nation mit viel Industrie und einem hohen Lebensstandard etwas bewirken kann. Das mag in absoluten Zahlen zunächst keinen großen Unterschied machen, aber es kann durchaus einen Dominoeffekt haben. Außerdem kann Deutschland sein politisches Kapital nutzen, damit der European Green Deal umgesetzt und eine internationale Vereinbarung zwischen den Nationen erreicht wird, die für die größten Emissionen verantwortlich zeichnen.

Aber die globalen Emissionen sind insgesamt trotz des Lockdowns - als fast niemand geflogen und kaum jemand Auto gefahren ist - nicht einmal wirklich gesunken. Warum sollte sich der Einzelne überhaupt Gedanken über das Fliegen und das Fleischessen machen, wenn es nicht wirklich einen Unterschied zu machen scheint?

2020 sind die Emissionen tatsächlich gesunken. Im Laufe der Zeit haben wir allerdings auch wieder eine Umkehr gesehen. Aber wir haben schon gesehen, dass vor allem die Beschränkungen zum Beispiel der Mobilität etwas bewirkt haben. Langstreckenflüge sind beispielsweise einer der größten Posten auf individueller Ebene, wo man etwas bewirken kann.

Sie arbeiten als Klimaökonomin und beschäftigen sich speziell mit der Frage: Wie können wir das Ziel der CO₂-Neutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts umsetzen? Worauf fokussieren Sie sich dabei?

Es ist ganz klar, dass wir zu spät dran sind. Wir haben bereits mehr als ein Grad globaler Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter und die Emissionen sind trotz aller Beschränkungen immer noch sehr hoch. Selbst nach Erreichen von Treibhausgas-Neutralität werden wir kaum oder nur sehr schwer vermeidbare sogenannte Restemissionen noch eine Weile mitschleppen. Aber ich denke, es ist eine angemessenere Rolle für die Wissenschaft, statt Pessimismus zu verbreiten, auch auf mögliche Lösungen hinzuweisen. Ich beschäftige mich zum Beispiel viel mit dem Thema, wie wir überschüssiges CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernen können, etwas, das gerade in Deutschland teilweise sehr kontrovers diskutiert wird. Das ist nichts, was uns von heute auf morgen einfach zur Verfügung stehen wird und wozu wir jetzt eine Diskussion brauchen.

Das Ozonloch ist ein Beispiel für eine Krise, die wir umgangen haben, weil die Industrie nach der Entdeckung des Ozonlochs die Produktion von FCKW-Gasen einstellen wollte. Jetzt schließt sich das Loch langsam. Haben Sie weitere Beispiele für Probleme, die mit Klimapolitik gelöst wurden?

Das ist das ermutigende und wegweisende Beispiel, von dem wir lernen können. Hier haben die internationalen Verhandlungen dazu geführt, dass die Krise umgangen werden konnte. In der Wissenschaft wird das Ozonloch auch als Leitfaden genutzt, um zu untersuchen, wie internationale Verhandlungen zum Erfolg geführt haben. Auf der Ebene des Klimaschutzes fehlt uns dieser Durchbruch noch, denn hier geht es nicht nur um eine begrenzte Anzahl relativ einfach zu handhabender Chemikalien, dafür aber um tiefergreifende Bedeutung für unsere Wirtschaft.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Klimakonferenz in Glasgow den Rahmen für diesen Durchbruch bieten kann?

Es ist immer einfach, keine großen Erwartungen an Klimaverhandlungen zu stellen. Aber ich könnte wahrscheinlich morgens nicht zur Arbeit gehen, wenn ich mir nicht den Optimismus bewahren würde. Es hat in der Vergangenheit Meilensteine gegeben wie das Pariser Abkommen. Ich hoffe, dass die Wissenschaft in den nächsten zwei Wochen Lösungsmöglichkeiten aufzeigen kann. Und dass es den Nationen möglich sein wird, ihre Ambitionen an vielen Stellen zu erhöhen und uns in Richtung Paris-Ziele zu bringen.

Mit Sabine Fuss sprach Clara Suchy

Quelle: ntv.de

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