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Intensivstationen füllen sich Klinik-Kollaps droht in vier Wochen

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Bei rasant steigenden Neuinfektionen füllen sich auch die Intensivstationen immer schneller mit Covid-19-Patienten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Noch gibt es in Deutschland genügend freie Intensivbetten, doch die wachsende Zahl von schwer erkrankten Covid-19-Patienten droht schon bald die verfügbaren Kapazitäten zu sprengen. Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung könnte es sogar schon in vier Wochen so weit sein.

In den vergangenen Wochen wurde viel darüber diskutiert, ob die Zahl der Neuinfektionen als Richtwert für die Beurteilung der Corona-Pandemie in Deutschland entscheidend ist. Unter anderem forderte Virologe Hendrik Streeck, die Entwicklung in den Krankenhäusern stärker zu berücksichtigen, da es schließlich darum gehe, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Dies geschieht jetzt zwangsläufig, da mit etwas Verzögerung dem rapiden Anstieg der Neuansteckungen wachsende Zahlen von stationär und intensiv behandelten Covid-19-Patienten folgen.

Kurven steigen immer steiler an

Dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zufolge wurden heute auf deutschen Intensivstationen 377 neue Covid-19-Patienten gezählt. Damit stieg deren Gesamtzahl um 108 auf 1470 Menschen, 269 Behandlungen wurden abgeschlossen. Fast die Hälfte (688) der Corona-Patienten muss künstlich beatmet werden, 66 mehr als gestern. Die Kurven steigen immer steiler an, vor einer Woche lagen noch 879 mit Covid-19 infizierte Menschen auf deutschen Intensivstationen.

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Die DIVI zählt in ihren Statistiken nur betriebsbereite Betten. Ein Intensivplatz gilt als betreibbar, "wenn entsprechend der Versorgungsstufe jeweils ein vorgesehener Raum, funktionsfähige Geräte und Material pro Bettenplatz, Betten, und personelle Besetzung mit pflegerischem und ärztlichem Fachpersonal vorhanden sind und eingesetzt werden können."

Aktuell sind in der Bundesrepublik insgesamt 21.717 Intensivbetten belegt, 7682 stehen zur Verfügung, die Notfallreserve beläuft sich auf 12.775 Betten. In der auf diesen Daten beruhenden Deutschlandkarte ist zu erkennen, dass verschiedene Regionen unterschiedlich betroffen sind und eine Auslastung der Intensivkapazitäten manchmal schon eingetroffen ist oder kurz bevorsteht, während in anderen Gebieten der Notstand vielleicht nie eintritt.

Berlin beispielsweise hat bei insgesamt 1241 verfügbaren Intensivbetten nur noch eine freie Kapazität von 14 Prozent, im Landkreis Nordwestmecklenburg sind sieben von 17 Plätzen belegt, im Landkreis Freising bereits alle zwölf. Manchmal sind Verlegungen in Nachbarregionen möglich, manchmal nicht.

Die Entwicklung ist so rasant, dass das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) errechnet hat, dass nur noch 28 Tage bleiben, bis bundesweit die Kapazitätsgrenze erreicht ist. Das bedeutet, das innerhalb von sieben Tagen effektive Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen, da diese erst mit einer dreiwöchigen Verzögerung Wirkung zeigen.

Ähnlich sieht das auch die Kanzlerin. Sie rechnete laut "Bild" heute vor, dass sich derzeit die Zahl der belegten Intensivbetten alle zehn Tage verdopple. "Noch viermal Verdopplung, und das System ist am Ende." Nachdem Merkel noch belächelt wurde, als sie vor einem Monat bei einer gleich bleibenden Entwicklung mit 19.200 Neuinfektionen zu Weihnachten rechnete, wird diesmal wohl niemand so schnell spötteln.

Auch DIVI-Präsident Uwe Janssens blickt sorgenvoll in die nahe Zukunft. Es gebe inzwischen zwar "ausreichend Kapazitäten an freien Intensivbetten und Beatmungsgeräten", sagte er der Funke Mediengruppe. Das allein helfe aber nicht weiter, "wenn wir kein Personal haben, um die Patienten zu versorgen". Hierin liege "das viel größere Problem". Grob geschätzt fehlten bundesweit 3500 bis 4000 Fachkräfte für die Intensivpflege, sagte Janssens.

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"Sechs bis neun Prozent der Infizierten von heute werden in zwei Wochen im Krankenhaus behandelt werden müssen", sagte die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna der Funke Mediengruppe. "Pro schwer krankem Covid-Patienten auf der Intensivstation wird eigentlich eine Pflegekraft benötigt."

Das sieht auch Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), so. "Wir werden uns auf Wartezeiten bei der Regelversorgung ebenso einstellen müssen, wie auf die Verlegung von Patienten aus hoch belasteten Standorten in entferntere Krankenhäuser", sagte er der Mediengruppe.

Quelle: ntv.de