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Riskant und protektiv Neandertaler-Erbe prägt Covid-19-Verlauf

Neandertaler

Diese Nachbildung eines Neandertalers wird im LVR-Landesmuseum in Bonn präsentiert.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Immer wieder stellen sich Forscher die Frage, weshalb es zu schweren Covid-19-Verläufen kommt. Vorerkrankungen sind dabei nur ein Teil der Begründungen, denn die Antwort könnte auch in den Genen stecken, die der Mensch vom Neandertaler geerbt hat.

Forschende haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genvariationen und der Schwere einer Covid-19-Erkrankung geben kann. Das Team um Hugo Zeberg vom Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Svante Pääbo vom Karolinska Institut Schweden hatte bereits Ende September 2020 mitgeteilt, dass ein bestimmter Gen-Abschnitt das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, erhöht. Dabei handele es sich um eine genetische Variation, die auf dem Chromosom 3 im menschlichen Genom sitzt und das der Mensch vor ungefähr 60.000 Jahren vom Neandertaler übernommen hat.

Nun gibt es weitere Erkenntnisse: Zu dem genetischen Risikofaktor haben die Forschenden eine schützende genetische Variante gefunden. Dabei handelt es sich um eine Region, die sich auf Chromosom 12 befindet. Auch dieses genetische Erbgut stammt ursprünglich vom Neandertaler, schreiben die Forschenden in ihren Ergebnissen, die im Fachblatt PNAS veröffentlicht wurde.

Die Gene in dieser Region, die mit OAS bezeichnet werden, sollen das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung um 22 Prozent senken. Das bedeutet, Covid-19-Patienten, die diese Gene in sich tragen, mussten den Untersuchungsdaten zufolge 22 Prozent seltener auf Intensivstationen behandelt werden, im Vergleich zu denen, die das Gen nicht in sich tragen. OAS stehen im Zusammenhang mit dem Immunsystem und sind beispielsweise auch verantwortlich dafür, die Aktivität eines Enzyms zu regulieren, das wiederum hilft, virale Genome abzubauen. Die Neandertaler-Variante scheint im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 effizienter zu sein, als andere.

"Ein zweischneidiges Schwert"

"Das zeigt, dass unser Neandertaler-Erbe ein zweischneidiges Schwert ist. Es hat uns Varianten beschert, für die wir den Neandertalern gleichermaßen danken und sie verfluchen können", fasst Hugo Zeberg die Ergebnisse zusammen.

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Durch die Analyse einer Genomdatenbank fanden die Forschenden außerdem heraus, dass sich die Variante allmählich immer weiter durchsetzt. War sie vor etwa 20.000 Jahren bei weniger als 10 Prozent der Menschen vorhanden, stieg ihr Anteil vor 10.000 Jahren auf etwa 15 Prozent an. Vor 3000 bis 1000 Jahren hatten schon fast 20 Prozent der Menschen die Neandertaler-Variante in sich. In Eurasien und Japan sind es heute sogar 30 Prozent aller Menschen. Denkbar ist, dass heute etwa die Hälfte aller Menschen außerhalb Afrikas die Variante mit der Bezeichnung "rs10774671" in ihren Genen trägt.

"Es ist auffällig, dass diese Neandertaler-Variante sich in vielen Teilen der Welt durchgesetzt hat. Sie war möglicherweise nicht nur in der aktuellen Pandemie nützlich, sondern auch bereits in der Vergangenheit", sagt Pääbo dazu. "Auffällig ist auch, dass zwei genetische Varianten, die wir vom Neandertaler geerbt haben, für den Verlauf von Covid-19 mit so gegensätzlichen Auswirkungen verbunden sind. Das Immunsystem der Neandertaler beeinflusst uns offensichtlich noch heute - sowohl positiv als auch negativ."

Quelle: ntv.de, jaz