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Überraschende weltweite StudieSchmerzen nehmen am stärksten bis zum Alter von 55 Jahren zu

06.10.2026, 10:43 Uhr
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Eine große Studie findet heraus: Die Häufigkeit von Schmerzen nimmt gar nicht stetig mit dem Alter zu. Auch zwischen Frauen und Männern gibt es Unterschiede. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Eine Auswertung von Daten aus 118 Ländern räumt mit einer verbreiteten Annahme auf. Schmerzen nehmen demnach vor allem bis zum 55. Lebensjahr zu, nicht bis ins hohe Alter. In Westeuropa zeigt sich danach sogar ein deutlicher Rückgang.

Oft wird angenommen, dass Schmerzen im Lebensverlauf bis ins hohe Alter immer stärker zunehmen. Doch eine weltweite Studie widerspricht dieser Vermutung deutlich: Demnach steigt die individuelle Schmerzbelastung zwar im globalen Mittel im Lauf des Lebens an, aber nicht linear. Am stärksten nehme sie vor dem Alter von 55 Jahren zu. Allerdings hänge die Entwicklung sehr stark von der jeweiligen Weltregion ab, betont das Team von weit über 100 Forschenden im Fachjournal "Nature Medicine".

In Westeuropa - dazu zählt auch Deutschland - lässt die Häufigkeit von Schmerzen demnach im Gegensatz zu fast allen anderen Weltregionen im Alter nach: Sie erreicht den höchsten Wert im Alter von 56 Jahren - und fällt dann deutlich ab. Zum Vergleich: In Nordamerika wird das Maximum mit 72 erreicht und sinkt dann nur leicht. In allen anderen Weltregionen nimmt die Häufigkeit tendenziell mit dem Alter zu.

Schmerz sei weltweit eine führende Ursache für Arbeitsausfälle und Beeinträchtigungen bei der Lebensführung, schreibt das Team um Matthew Fillingim und Etienne Vachon-Presseau von der McGill University in Montreal. Objektive Marker dafür gebe es allerdings nicht. Bislang versuchten Studien insbesondere jene zur Global Burden of Disease (GBD), also zur globalen Krankheitslast, den Verlauf anhand von objektiv erhobenen Krankheitskriterien wie etwa ärztlichen Diagnosen zu ermitteln. Das vernachlässigt aber jene Menschen, die keine medizinische Hilfe suchten oder in Regionen leben, wo es kaum gesundheitliche Versorgung gibt.

Frauen stärker von Schmerzen betroffen als Männer

Die aktuelle Studie wertete dagegen Einschätzungen von mehr als 6 Millionen Menschen unterschiedlichen Alters aus gut 900 Datenquellen und 118 Ländern aus. Die Menschen waren zwischen 5 und über 100 Jahre alt, 55 Prozent davon waren Mädchen oder Frauen. Alle Angaben stammten aus dem Zeitraum von 1990 bis 2025.

Demnach steigt die Schmerzbelastung im weltweiten Durchschnitt schon ab dem frühen Erwachsenenalter an, am schnellsten jedoch vor dem Alter von 55 Jahren. Am häufigsten waren mit einer globalen Prävalenz von 40 Prozent Rückenschmerzen. Bei allen elf abgefragten Körperregionen - dazu zählen unter anderem auch Gesicht, Brustbereich, Hand, Hüfte und Ellbogen - waren Frauen stärker betroffen als Männer. Bei ihnen war die Wahrscheinlichkeit etwa für Kopfschmerzen im Vergleich zu Männern um 74 Prozent erhöht, die für Schmerzen im Bauchbereich um 60 Prozent.

Deutliche Unterschiede im weltweiten Vergleich

Allerdings lohnt ein Blick auf die konkreteren Resultate: Schmerzen am Bewegungsapparat - dazu zählen neben dem Rücken etwa Hüfte oder Knie - nahmen bezüglich der Häufigkeit deutlich zu im Alter von 20 bis 55 Jahren und erreichten ihre maximale Prävalenz ab 75 Jahren.

Manche anderen Schmerzen bildeten jedoch im Lebensverlauf ein umgekehrtes U - ihre Häufigkeit ließ also im späteren Leben nach. Das galt insbesondere für Kopfschmerzen, deren maximale Verbreitung im Mittel bei Frauen mit 34 Jahren, bei Männern mit 38 Jahren erreicht wurde. Bei Schmerzen im Bauchbereich lag sie bei Frauen im Alter von 23 Jahren, Schmerzen an Nacken und Schulter waren für beide Geschlechter mit etwa 62 Jahren am verbreitetsten.

Deutliche Unterschiede fand das Team auch im weltweiten Vergleich. Beispiel Kopfschmerz: Während dieses Problem in Nordamerika und Europa vor allem jüngere Erwachsene betrifft, ist die Last in Ostasien und Südostasien zwar geringer - hält dafür aber tendenziell eher über die gesamte Lebensspanne an.

18 Prozent der Schmerzlast durch drei veränderliche Risikofaktoren

Generell waren Schmerzen in Ländern mit niedrigen Einkommen im hohen Alter häufiger als in reicheren Regionen: So waren körperliche Schmerzen im Alter von 80 Jahren in ärmeren Ländern um fast 31 Prozentpunkte verbreiteter, Gelenkschmerzen um 21 Prozentpunkte, Rückenschmerzen um 20 Prozentpunkte.

Gut ein Sechstel der Schmerzbelastung - weltweit 18,3 Prozent - geht der Studie zufolge auf das Konto von drei Risikofaktoren: Rauchen, Adipositas und geringes Einkommen. Das gilt vor allem für Adipositas, das insbesondere das Risiko für Gelenkschmerzen - etwa an Hüfte, Fuß und Knie - um 61 bis 91 Prozent erhöht. Betroffen davon sind vor allem Nordamerika, Nordafrika, Westasien und Osteuropa.

Zahlen für Westeuropa im internationalen Vergleich sehr günstig

Für Westeuropa erreicht die Schmerzbelastung generell der Studie zufolge mit 56 Jahren ihren Höhepunkt und fällt dann ab. Gelenkschmerzen nehmen zu bis zum Alter von 69 Jahren, Rückenschmerzen bis zum Alter von 60 Jahre, Kopfschmerzen bis 39 Jahre.

Die Erkenntnisse zur Schmerzbelastung weichen deutlich von jenen der GBD-Studie ab, wie das Team betont. Zwar enthalte das Vorgehen in der aktuellen Studie Schwächen: Dazu zählt etwa, dass bestimmte Altersgruppen und Regionen schlechter vertreten seien als andere. Zudem wurden sie durch unterschiedliche Verfahren ermittelt und beruhten auf eigenen Angaben der Menschen.

"Weltkarte des selbstberichteten Schmerzes"

Dennoch fülle die Studie eine Lücke - vor allem in Bezug auf Weltregionen, die bislang weniger erfasst würden, schreibt die Gruppe. "Insgesamt bieten diese Referenzverläufe einen allgemeinen Rahmen, um die Schmerzlast zu bestimmen und zu vergleichen und über eine gerechtere globale Beobachtung und Vorbeugung aufzuklären."

Jonas Tesarz von der Universitätsmedizin Mainz lobt das Vorgehen der Studie: "Selbstberichtete Schmerzen statt ärztlicher Diagnosen zu verwenden, ist für einen globalen Vergleich sinnvoll, weil der Zugang zu medizinischer Versorgung und diagnostische Praktiken zwischen Ländern sehr unterschiedlich sind", sagt der Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der nicht an der Studie beteiligt war. "Ganz vergleichbar werden die Daten dadurch aber nicht." Die Studie biete eine "Weltkarte des selbstberichteten Schmerzes" - nicht der chronischen Schmerzerkrankungen, sagt der Experte.

"Älterwerden bedeutet also nicht automatisch immer mehr und immer stärkeren Schmerz. Das spricht gegen die verbreitete Vorstellung, Schmerz sei im Wesentlichen eine zwangsläufige Folge von Alter und körperlichem Verschleiß, und ist gut mit einem biopsychosozialen Verständnis von Schmerz vereinbar."

Auch Miriam Kunz von der Universität Augsburg lobt den Ansatz der Studie: "Besonders relevant finde ich, dass viele Schmerzarten bereits im mittleren Lebensalter, etwa um das 50. Lebensjahr, ihren Häufigkeitsgipfel erreichen", sagt die Inhaberin des Lehrstuhls für Medizinische Psychologie und Soziologie. "Schmerzen sind damit nicht nur ein Problem des höheren Alters, sondern betreffen häufig Menschen mitten im Erwerbsleben - mit möglichen Folgen für Arbeitsfähigkeit und Produktivität. Das unterstreicht die Bedeutung von Prävention und wirft zugleich die Frage auf, ob Präventionsmaßnahmen nicht bereits deutlich früher im Lebensverlauf ansetzen sollten."

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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