Was Sport im Blut auslöstSind kurze Sprints oder langes Ausdauertraining effektiver?

Forschende vergleichen in einer neuen Studie wenige Minuten maximaler Belastung mit anderthalb Stunden Ausdauertraining. Im Blut zeigt sich dabei ein gewaltiger Unterschied: Bei einer Trainingsart werden Hunderte Proteine und Stoffwechselprodukte in Bewegung gesetzt - bei der anderen deutlich weniger.
Drei Minuten Vollgas statt anderthalb Stunden Ausdauertraining - kann das tatsächlich einen größeren Effekt haben? Zumindest auf molekularer Ebene deutet eine neue Studie, die im Fachjournal "Cell Reports Medicine" erschienen ist, darauf hin. Ein Forschungsteam der Rockefeller University fand im Blut von Probanden nach kurzen, maximal intensiven Sprints deutlich mehr Veränderungen als nach 90 Minuten moderatem Training. Doch vorab: Das heißt nicht automatisch, dass Sprinten grundsätzlich gesünder oder wirksamer ist. Untersucht wurde zunächst, wie unterschiedlich der Körper auf beide Belastungsformen reagiert.
Für den direkten Vergleich analysierten die Forschenden Blutproben von 19 jungen, aktiven und gesunden Männern. Zehn von ihnen absolvierten sechs 30-sekündige Sprints auf dem Fahrrad mit maximaler Anstrengung, unterbrochen von jeweils vier Minuten Erholung. Neun weitere Teilnehmer fuhren 90 Minuten am Stück mit moderater Intensität Fahrrad. Blut wurde vor dem Training, direkt danach und drei Stunden später abgenommen.
Anschließend untersuchten die Forschenden knapp 2900 verschiedene Proteine im Blutplasma. Der Unterschied fiel unmittelbar nach dem Training erstaunlich groß aus: Nach den Sprints hatte sich die Konzentration von 714 Proteinen - also fast einem Viertel aller untersuchten - messbar verändert. Nach dem 90-minütigen moderaten Radfahren waren es zu diesem Zeitpunkt dagegen lediglich sieben. Drei Stunden später waren die meisten unmittelbaren Veränderungen nach dem Sprint bereits wieder abgeklungen, während beim moderaten Training nun 19 Proteine verändert waren.
200 kleine Stoffwechselprodukte verändert
Bei den nach dem Sprint veränderten Stoffen handelte es sich unter anderem um Proteine, die an der Bildung und Funktion von Blutgefäßen, am Umbau von Gewebe und an der hormonellen Steuerung beteiligt sind. Auch beim Stoffwechsel zeigte sich eine heftige unmittelbare Reaktion: Mehr als 200 kleine Stoffwechselprodukte veränderten sich nach dem Sprint, darunter Laktat, Pyruvat und weitere Moleküle, die entstehen, wenn der Körper in kurzer Zeit sehr viel Energie bereitstellen muss.
"Das Spannende ist, dass schon wenige Minuten intensiver Belastung eine erhebliche molekulare Reaktion auslösen können", erklärt Studienleiter Paul Cohen von der Rockefeller University laut Mitteilung. Diese Reaktion sei nicht nur bei Untrainierten zu beobachten gewesen. Ein Teil der Männer absolvierte anschließend acht Wochen lang regelmäßig dieselbe Trainingsform. Als das Forschungsteam den Versuch danach wiederholte, zeigte sich ein ähnliches Muster: Sprinten löste weiterhin eine schnelle und starke Proteinreaktion aus, moderates Training eine deutlich verzögertere.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass der Körper bei maximaler Belastung besonders schnell auf bereits vorhandene Proteine zurückgreift. Einige davon könnten durch einen Mechanismus namens "Ectodomain Shedding" freigesetzt werden: Dabei werden Teile von Proteinen, die bereits auf der Oberfläche von Zellen sitzen, abgespalten und innerhalb kurzer Zeit ins Blut abgegeben. Der Organismus müsste sie also nicht erst neu herstellen.
Bei moderatem Ausdauertraining scheint die Reaktion dagegen langsamer abzulaufen. Erst Stunden später stiegen unter anderem bestimmte Fettsäuren und von der Leber freigesetzte Proteine an. Das passt nach Ansicht des Forschungsteams dazu, dass der Körper bei längerer Belastung zunehmend seine Energiereserven mobilisiert und dabei andere Stoffwechselwege nutzt als bei kurzen Sprints. Ein zusätzlicher Versuch mit elf Männern, die zwei Stunden moderat auf einem Laufband liefen, veränderte zwar mehr Blutproteine als das moderate Radfahren - aber immer noch erheblich weniger als die Sprintintervalle.
Ein Training ist trotzdem nicht "besser" als das andere
Um herauszufinden, ob die veränderten Proteine überhaupt etwas mit langfristiger Gesundheit zu tun haben könnten, verglich das Team seine Ergebnisse außerdem mit Daten von mehr als 53.000 Menschen aus der UK Biobank. Dabei identifizierten die Forschenden 33 Proteine, deren höhere Werte mit einem geringeren Risiko für Adipositas, Typ-2-Diabetes oder andere Stoffwechselerkrankungen verbunden waren. 32 dieser 33 Proteine wurden durch das Sprinttraining verändert, beim moderaten Training waren es drei.
Die Studie zeigt damit vor allem, wie stark die Intensität einer Belastung beeinflusst, welche molekularen Signale der Körper aussendet. Eine Empfehlung, 90 Minuten Ausdauertraining künftig durch drei Minuten Sprinten zu ersetzen, lässt sich laut dem Forschungsteam aber daraus nicht ableiten. Die entscheidenden Experimente umfassten nur kleine Gruppen überwiegend junger, gesunder Männer, und untersucht wurden molekulare Reaktionen statt tatsächlicher Erkrankungen oder langfristiger Gesundheitsfolgen. Zudem unterscheiden sich Sprint- und Ausdauertraining nicht nur in der Intensität, sondern auch bei Dauer und Energieverbrauch. Die Ergebnisse zeigen daher nicht, dass das eine Training "besser" ist als das andere - wohl aber, dass wenige Minuten maximaler Belastung im Körper eine erstaunlich große und schnelle Reaktion auslösen können.