Warnsignal im Alter?Stimme verrät laut Studie das Demenzrisiko

Tonhöhe, Lautstärke oder Klarheit der Stimme können sich im Alter aus vielen Gründen verändern. Eine große Studie zeigt allerdings nun: Diagnostizierte Stimmstörungen können frühe Hinweise auf eine sich anbahnende Demenz sein.
Die eigene Stimme kann im Alter leiser, rauer oder weniger klar werden. Solche Veränderungen sind meist harmlos oder haben gut behandelbare Ursachen. Die Ergebnisse einer großen US-Studie deuteten nun allerdings darauf hin, dass diagnostizierte Stimmstörungen auch mit einem deutlich erhöhten Risiko für späteren geistigen Abbau zusammenhängen könnten.
Für die im Fachjournal "Journal of Voice" veröffentlichte Studie werteten Forschende der Drexel University College of Medicine Gesundheitsdaten von insgesamt mehr als 833.000 Menschen ab 50 Jahren aus. Sie verglichen Personen mit diagnostizierten Stimmstörungen, Hörverlust oder einer Kombination aus beidem mit einer Kontrollgruppe. Anschließend untersuchten sie, bei wem später kognitive Beeinträchtigungen oder eine Demenz diagnostiziert wurde.
Unter Stimmstörungen verstehen die Forschenden dabei nicht etwa eine vorübergehende Heiserkeit nach einer Erkältung. Gemeint sind ärztlich diagnostizierte Probleme, bei denen sich unter anderem Tonhöhe, Lautstärke, Klarheit oder Stimmumfang verändern können. Auch Schmerzen oder Beschwerden beim Sprechen oder Singen können dazugehören.
Zusammenhang von Stimme und Gehirngesundheit
Das Ergebnis: Bei Menschen mit einer Stimmstörung lag das Risiko, später eine kognitive Beeinträchtigung oder Demenz diagnostiziert zu bekommen, um 58 Prozent höher als in der Kontrollgruppe. Kam noch Hörverlust hinzu, war das Risiko rund doppelt so hoch - konkret 104 Prozent. Ein Hörverlust allein war dagegen mit einer Risikoerhöhung von rund 27 Prozent verbunden.
Betrachteten die Forschenden alle Personen mit Stimmstörungen gemeinsam, unabhängig davon, ob zusätzlich ein Hörverlust vorlag, ergab sich insgesamt ein um 29 Prozent erhöhtes Risiko für einen späteren geistigen Abbau. "Unsere Arbeit zeigt, dass Stimmstörungen ein früheres und stärkeres Zeichen für kognitiven Abbau sein könnten als ein Hörverlust allein", sagt Studienautor Robert Sataloff von der Drexel University laut Mitteilung.
Warum Stimme und Gehirngesundheit überhaupt zusammenhängen könnten, ist bislang unklar. Eine mögliche Erklärung sehen die Forschenden im Sozialleben. Wer Schwierigkeiten beim Sprechen hat, sich wegen seiner Stimme unwohl fühlt oder Gespräche als anstrengend empfindet, zieht sich möglicherweise häufiger zurück. Weniger Gespräche und soziale Kontakte könnten wiederum bedeuten, dass das Gehirn weniger gefordert wird.
Soziale Isolation gilt bereits als einer von mehreren beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz. "Wenn eine Stimmstörung beeinflusst, wie die Stimme klingt, oder Sprechen Schmerzen bereitet, ist es nur natürlich, sich seltener an sozialen oder anderen anregenden Aktivitäten zu beteiligen", sagt Sataloff.
Daneben könnte es der Forschungsgruppe zufolge auch biologische Erklärungen geben: Stimmveränderungen treten bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen auf. Bei Parkinson etwa können Veränderungen von Stimme und Sprechen den typischen Bewegungsproblemen um Jahre vorausgehen. Auch bei Amyotropher Lateralsklerose, Multipler Systematrophie und Alzheimer wurden Stimmveränderungen beschrieben. Denkbar ist laut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern daher auch, dass frühe Veränderungen des Nervensystems sowohl die Stimme als auch später die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen. Das hatten sie in der Studie jedoch nicht direkt untersucht.
Nicht jede Heiserkeit ist gleich eine beginnende Demenz
Sataloff und sein Team verglichen die Stimme bewusst auch mit dem Hörvermögen. Denn der Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und Demenz sei bereits deutlich besser untersucht. Hörverlust gehöre zu den etablierten veränderbaren Risikofaktoren für Demenz. Dass Stimmstörungen in der neuen Analyse mindestens ähnlich stark mit späterem kognitiven Abbau verbunden waren, kann den Forschenden zufolge ebenfalls ein mögliches frühes Warnsignal sein.
Das bedeute jedoch keineswegs, dass Menschen bei jeder länger anhaltenden Heiserkeit eine beginnende Demenz befürchten müssten, beruhigen die Autorinnen und Autoren. Stimmprobleme könnten zahlreiche andere Ursachen haben - etwa Entzündungen, Veränderungen an den Stimmlippen, Schilddrüsenerkrankungen oder eine altersbedingte Veränderung des Kehlkopfs. Viele davon lasse sich unproblematisch behandeln. Sataloff hält es dennoch für sinnvoll, ausgeprägte oder länger bestehende Stimmstörungen ärztlich abklären zu lassen. Bei älteren Patienten könne gegebenenfalls auch eine Untersuchung der geistigen Leistungsfähigkeit erwogen werden.
Ob die Behandlung einer Stimmstörung wiederum das Demenzrisiko beeinflussen kann, ist unklar. Genau das wollen die Forschenden künftig untersuchen. Ebenso offen ist, ob bestimmte Arten von Stimmproblemen besonders eng mit späterem geistigen Abbau verbunden sind. Auch hier braucht es der Forschungsgruppe zufolge weitere Studien.