Geteilter LebensstilDemenz des Partners erhöht laut Studie eigenes Risiko

Ansteckend ist Demenz zwar nicht. Aber eine neue Studie belegt: Leidet der Partner etwa an Alzheimer, hat man selbst ein höheres Risiko dafür. Das Forschungsteam nennt mehrere Gründe, die im gemeinsamen Alltag liegen.
Ehepartner von Menschen mit Demenz haben einer Studie in Taiwan zufolge ein merklich erhöhtes Risiko, selbst an Demenz zu erkranken. Ausschlaggebend dafür sei wahrscheinlich das geteilte Umfeld, erklärt das Forschungsteam im Fachjournal "JAMA Network Open". Paare teilen häufig Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmuster und andere Verhaltensweisen.
Ebenfalls ein Faktor sei vermutlich schon die Partnerwahl an sich: Menschen wählten oft Partner mit ähnlichem Bildungsstand, sozioökonomischem Status, kognitiver Reserve (die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen Schäden oder altersbedingten Abbau) und Gesundheitsgewohnheiten - alles Eigenschaften, die jeweils Einfluss auf das Demenzrisiko haben. Neue Erkenntnisse deuteten zudem darauf hin, dass Parodontalerkrankungen sowie das Mund- oder Darmmikrobiom mit der Hirnleistung in Verbindung stehen - auch sie beträfen bei Paaren oft jeweils beide Partner.
Höheres Risiko bei Paaren mit geringem Einkommen
Der allgemeine Zusammenhang zwischen einer Demenz des Ehepartners und dem eigenen Demenzrisiko in den Folgejahren war bei Frauen und Männern weitgehend ähnlich. Bei Paaren mit geringerem Einkommen oder weniger Kindern hatten die Partner im Mittel ein höheres Risiko, selbst später auch zu erkranken, als bei Paaren mit höherem Einkommen und zunehmender Familiengröße. Ehepartner übernähmen oft die Hauptrolle bei Unterstützung und Pflege - mit mehr finanziellem Spielraum und mehr Kindern würden sie im Mittel stärker entlastet.
"Haushalte mit geringerem Einkommen verfügen möglicherweise über weniger Ressourcen für bezahlte Pflege, Entlastungsdienste und andere Unterstützungsangebote, während Personen mit weniger Kindern möglicherweise weniger potenzielle familiäre Unterstützung erhalten", nehmen die Forschenden an. Als Faktoren für einen beschleunigten kognitiven Verfall bei einer Demenz des Ehepartners nennen die Forschenden körperliche Belastungen durch die Pflege, Depressionen, Schlafstörungen, soziale Isolation, Stoffwechselstörungen, Entzündungen und ungesunde Verhaltensweisen. Direkt gemessen worden sei ihr jeweiliger Einfluss in der aktuellen Studie aber nicht.
Das Team um Chi-Shin Wu von den National Health Research Institutes in Zhunan hatte Daten von fast einer Million verheirateten Menschen in Taiwan aus der landesweiten Krankenversicherungs-Datenbank einbezogen. Teil der Analyse waren rund 119.000 Frauen und 72.000 Männer, deren Ehepartner neu an Demenz erkrankt waren. Sie hatten nach fünf Jahren im Mittel ein merklich höheres Demenzrisiko als nicht betroffene Ehepartner. Besonders groß war der relative Unterschied bei jüngeren Menschen.
Frühere Analysen mit ähnlichem Ergebnis
Einschränkend geben die Forschenden zu bedenken, dass keine Angaben zum Bildungsstand sowie zu Lebensstilfaktoren wie körperlicher Aktivität, Ernährung, Rauchverhalten und sozialem Engagement vorlagen. Auf die Pflegeunterstützung sei aus Familienstruktur und sozioökonomischem Status geschlossen worden, direkte Angaben dazu habe es nicht gegeben. Die Ergebnisse seien zudem am ehesten auf Populationen mit ähnlichen Gesundheitssystemen und kulturellen Kontexten übertragbar. Heißt: In Deutschland muss ein solcher Zusammenhang wegen abweichender Grundvoraussetzungen nicht zwingend auch bestehen.
Auch frühere Analysen wiesen bereits darauf hin, dass Ehepartner von Menschen mit Demenz ein erhöhtes Risiko haben können, selbst an Demenz zu erkranken. Eine im "Journal of the American Geriatrics Society" vorgestellte Langzeitstudie fand bei pflegenden Ehepartnern ein deutlich erhöhtes Risiko, bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen.
Beste Prävention: Soziale Aktivitäten mit anderen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät in ihren neuen Empfehlungen zur Vorbeugung solcher Erkrankungen ausdrücklich zu sozialen Aktivitäten mit anderen. Der Rat bezieht sich darauf, dass Menschen mit starken sozialen Netzwerken - unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder nicht - im Mittel eine bessere kognitive Gesundheit und ein geringeres Demenzrisiko haben.
Insgesamt sei bis zu 45 Prozent des Demenzrisikos auf Faktoren zurückzuführen, die der Mensch beeinflussen könne, hieß es von der WHO kürzlich auch. Bewegung und gesunde Ernährung zum Beispiel senken das Demenzrisiko, während Rauchen und Alkoholkonsum es erhöhen. Auch bestimmte Erkrankungen erhöhen das Demenzrisiko deutlich und sollten der WHO zufolge immer behandelt werden. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Hörverlust, Schlafstörungen und Depressionen.
Weltweit leben nach WHO-Angaben rund 57 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, Tendenz steigend. Medikamente, die die Krankheit heilen können, gibt es bisher nicht.