Expertin zur drohenden KriseTrocknet Deutschland trotz Regen allmählich aus?
Ein Interview von Hedviga Nyarsik
Viele denken bei Wasserknappheit an ausgetrocknete Seen oder verdorrte Felder. Doch das sind meist nur Symptome. Das eigentliche Problem liegt viel tiefer. Dr. Eva Börgens, die am Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam als Forscherin arbeitet, erklärt im Gespräch mit ntv.de, warum in Deutschland gerade das Grundwasser schwindet, was das für Trinkwasser und Landwirtschaft bedeutet – und warum dringend gegengesteuert werden muss.
ntv.de: Frau Börgens, Sie warnen davor, dass Deutschland rund 25 Milliarden Tonnen Wasser fehlen. Klingt nach viel. Haben Sie einen Vergleich, damit man sich das besser vorstellen kann?
Dr. Eva Börgens: Eine Milliarde Tonnen Wasser, also eine Gigatonne, wäre ein Würfel, der einen Kilometer lang, einen Kilometer breit und einen Kilometer hoch ist. Und das dann 25 Mal. Das ist schon schwer vorstellbar. Zum Vergleich: Für Deutschland lag der Wasserverbrauch 2022 insgesamt bei rund 18 Milliarden Tonnen. Dazu zählt Trinkwasser, aber auch Wasser für die Industrie, für die Kühlung von Kraftwerken oder Wasser, das im Bergbau abgepumpt wird. Das heißt: Die Menge, die Deutschland derzeit in der Gesamtwasserspeicherung fehlt, ist größer als der gesamte jährliche Wasserverbrauch des Landes.
Was kann man sich unter der Gesamtwasserspeicherung vorstellen?
Die Wasserspeicherung ist eine der zentralen Größen im Wasserkreislauf neben Niederschlag, Verdunstung und Abfluss in die Ozeane. Sie beschreibt die Menge an Wasser, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort vorhanden ist, zum Beispiel die Wassermenge in einem See. Wasser kann an verschiedenen Orten auf und unter der Landoberfläche gespeichert werden. Dazu zählen Seen und Flüsse, der Boden, das Grundwasser, aber auch Schnee und Gletscher. Die Summe all dieser Wasserspeicherungen nennt man die Gesamtwasserspeicherung. Diese können wir nun mit unseren Satellitenmissionen GRACE und GRACE-Follow-On beobachten. Statt Gesamtwasserspeicherung kann man auch vereinfachend Wasserspeicher sagen.
Nun war 2024 doch ein relativ regenreiches Jahr. Müssten sich die Wasserspeicher dann nicht eigentlich wieder füllen?
Genau das ist ein verbreiteter Irrtum. Es reicht nicht, nur darauf zu schauen, wie viel es insgesamt geregnet hat. Es kommt auch darauf an, wie es geregnet hat. Wenn ein Boden gut durchfeuchtet ist, kann Wasser relativ gut einsickern. Wenn der Boden aber stark ausgetrocknet ist und dann in kurzer Zeit sehr viel Regen fällt, kann er das Wasser oft gar nicht mehr aufnehmen. Dann fließt es oberflächennah ab und wird schnell in Flüsse und schließlich weiter Richtung Meer transportiert.
Was für einen Regen braucht es dann?
Zwei Wochen moderater Regen ist für die Erde oft deutlich besser als ein Starkregen an einem Nachmittag. Vor allem, weil der Regen zuerst in die sogenannte Bodenfeuchte gelangt - also in die Bodenschicht, in der Pflanzen das Wasser direkt wieder nutzen. Unser eigentlicher Wasserspeicher ist aber das Grundwasser. Und bis das Wasser dahin kommt, ist es ein langsamer Prozess.
Das heißt, auch wenn es regnet, landet dieses Wasser noch lange nicht im Grundwasser?
Genau. Das Wasser bleibt zunächst in den oberen Bodenschichten. Für viele Pflanzen sind vor allem die oberen zwei Meter relevant. Dort ist das Wasser eher verfügbar. Aber das heißt noch lange nicht, dass genug Überschuss da ist, um weiter nach unten zu sickern und das Grundwasser aufzufüllen. Wir sehen deshalb: Die Bodenfeuchte bleibt zum Teil noch stabil, aber die Verluste zeigen sich besonders im Grundwasser.
Neben dem Niederschlag spielt offenbar auch die Erderwärmung eine Rolle. Wie stark wirkt sich die steigende Verdunstung auf die Wasserknappheit aus?
Sehr stark. Höhere Temperaturen erhöhen die Verdunstung. Selbst wenn Wasser als Regen herunterkommt, kann es schneller wieder an die Atmosphäre verloren gehen. Außerdem verlängert sich durch die Erwärmung die Vegetationsperiode. Im Frühjahr wird es früher grün. Das heißt aber auch, dass Pflanzen früher beginnen, Wasser aus dem Boden zu ziehen und über ihre Blätter wieder abzugeben. Dadurch wird die Phase im Winter, in der sich Wasserspeicher eigentlich auffüllen können, immer kürzer.
Deutschland gilt vielen immer noch als wasserreiches Land. Kann man das überhaupt noch so sagen?
Im globalen Vergleich stimmt das zwar immer noch. Aber man muss zwischen deutschlandweiten Durchschnittswerten und regionalen Werten unterscheiden. Es gibt in Deutschland Regionen, die weiterhin vergleichsweise gut mit Wasser versorgt sind - etwa dort, wo viel Niederschlag fällt oder wo zusätzlich Wasser aus der Schneeschmelze kommt. Das ist aber etwas ganz anderes als etwa in Brandenburg oder in anderen Teilen Ostdeutschlands, wo die Böden Feuchtigkeit schlechter halten können. Man kann also nicht pauschal sagen, Deutschland ist wasserreich, also ist alles in Ordnung. Es gibt Regionen, die heute schon mit Trockenheitsproblemen zu tun haben.
Gerade aus Brandenburg kennt man Bilder von ausgetrockneten Seen, aus Westdeutschland von trockenen Flussbetten. Sind das bereits direkte Symptome dieser Wasserknappheit?
Teilweise ja. Viele Seen sind grundwassergespeist. Wenn der Grundwasserspiegel sinkt, kommt dort auch weniger Wasser an. Bei großen Flusssystemen wie Rhein oder Donau ist die Lage komplexer, weil dort auch Niederschläge in anderen Regionen oder Einflüsse aus den Alpen eine große Rolle spielen. Aber grundsätzlich gilt schon: Sinkende Wasserspeicher können sich sehr wohl in Seen, Flüssen und Landschaften bemerkbar machen.
Warum ist die Situation in Ostdeutschland besonders kritisch?
Das liegt zum einen an der Bodenbeschaffenheit und zum anderen daran, dass das Klima dort kontinentaler geprägt ist. Dort kommt tendenziell weniger Regen an, und die Unterschiede zwischen Sommer und Winter sind stärker ausgeprägt. Die Klimaprognosen deuten darauf hin, dass sich diese Unterschiede weiter verschärfen könnten.
Woran merken Bürgerinnen und Bürger die Entwicklung denn zuerst in ihrem Alltag?
Sehr deutlich sieht man es an den Wäldern. Wenn man etwa in Brandenburg unterwegs ist, sieht man viele abgestorbene Bäume. Die haben die Trockenheit der vergangenen Jahre nicht überlebt. Zum Teil sieht man es auch in der Landwirtschaft: Felder trocknen stärker aus, Böden verlieren schneller Feuchtigkeit.
Welche Folgen hat die Wasserknappheit langfristig?
Wir werden uns anpassen müssen. Andere Regionen der Welt wirtschaften schon lange unter trockeneren Bedingungen. Wichtig ist dabei auch der Blick auf die Städte. Dort wird Regenwasser oft gar nicht genutzt, weil versiegelte Flächen dazu führen, dass es sofort in die Kanalisation abgeleitet wird. Wenn wir Wasser besser in der Fläche halten wollen, müssen wir solche Strukturen verändern.
Also mehr Durchlässigkeit statt Versiegelung?
Genau. Meine eigene Nachbarschaft ist zum Beispiel als Schwammstadt geplant worden. Dort gibt es entlang der Straßen Versickerungsgräben, damit Regenwasser nicht einfach sofort abfließt. Solche Lösungen helfen, Wasser zurückzuhalten und Versickerung zu ermöglichen.
Mit Wasserknappheit verbindet sich schnell die Sorge ums Trinkwasser. Müssen Menschen in Deutschland befürchten, dass auch das knapp wird?
Ich würde nicht sagen, dass grundsätzlich zu wenig Trinkwasser da sein wird. Aber es wird unter Umständen teurer. Wenn der Grundwasserstand sinkt, muss Wasser aus größerer Tiefe gefördert werden. Und wenn Wasser aus Flüssen oder Seen entnommen wird, kann bei niedrigeren Pegeln auch die Wasserqualität leiden. Dann muss es aufwendiger aufbereitet werden. In Berlin und Brandenburg gab es in den vergangenen Sommern ja bereits Aufrufe, Gärten in heißen Phasen nicht mehr zu bewässern. Solche Einschränkungen können in Zukunft häufiger werden.
Also auch Dinge, die man bisher eher aus Ländern wie Spanien kennt? Etwa Poolbefüllungsverbote oder ähnliche Regelungen?
Zumindest zeitweise ist das denkbar. Vielleicht nicht in genau derselben Form, aber grundsätzlich, dass die Priorität stärker auf der Trinkwasserversorgung liegt und andere Nutzungen zeitweise eingeschränkt werden.
Was müsste jetzt aus Ihrer Sicht am dringendsten geschehen, um eine dauerhafte Wasserkrise zu verhindern?
Wichtig ist, nicht nur auf den bundesweiten Durchschnitt zu schauen. Entscheidend ist die regionale Situation. Man darf Wasserressourcen nicht überbeanspruchen. Das heißt: Es sollte nicht mehr entnommen werden, als sich nachhaltig neu bilden kann. Und das ist jetzt noch leichter zu steuern als in ein paar Jahren, wenn die Grundwasserstände möglicherweise deutlich stärker abgesunken sind.
Sind wir also noch in einer Phase, in der man gegensteuern kann?
Soweit ich das sehe, ja. Ich würde nicht sagen, dass wir schon an einem Punkt sind, an dem alles irreversibel ist. Genau deshalb ist es wichtig, jetzt zu handeln.
In Ihrem Bericht gibt es auch Regionen auf der Erde, die beim Wasserspeicher einen gegenteiligen Trend zeigen. Woran liegt das?
Das betrifft vor allem Teile Afrikas. Dort sehen wir großflächig positive Trends bei den Wasserspeichern. Das hängt wahrscheinlich mit großräumigen Schwankungen im Klimasystem zusammen - also mit natürlicher Variabilität, etwa bei Niederschlagsmustern. Das heißt aber nicht, dass das dauerhaft so bleiben muss. Solche Entwicklungen können sich auch wieder umkehren.
Mit Eva Börgens sprach Hedviga Nyarsik