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Bei steigender Positivquote Viele Corona-Testergebnisse kommen zu spät

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Ein PCR-Test ist nur dann nützlich, wenn er schnell genug ausgewertet wird.

(Foto: REUTERS)

Immer mehr Labore schaffen es nicht mehr, alle Corona-Tests schnell genug zu bearbeiten. Das bedeutet, dass viele Infizierte ihr positives Ergebnis zu spät erhalten, was wiederum dramatische Folgen für die Arbeit der Gesundheitsämter hat. Antigen-Tests könnten helfen, sind aber noch zu knapp.

Schon vor drei Wochen hat sich abgezeichnet, dass die Corona-Teststrategie bei rasant steigenden Neuinfektionen nicht mehr aufgeht. Denn sie funktioniert nur dann, wenn positive Testergebnisse so schnell ermittelt werden, dass Gesundheitsämter möglichst früh mit der Fall-Nachverfolgung beginnen können. Je länger es dauert, umso sinnloser wird es, Kontakte von Infizierten zu ermitteln. Falls sie angesteckt wurden, sind sie dann vielleicht schon nicht mehr infektiös und haben möglicherweise zuvor das Virus schon weiterverbreitet.

Solche Verzögerungen sind aber immer öfter keine Ausnahmen mehr, was die Arbeit der Gesundheitsämter zusätzlich zu erschöpften Personalkapazitäten erschwert. Das geht aus der jüngsten wöchentlichen Erfassung der Testzahlen durch das RKI hervor.

Kapazitäten fast erschöpft

Demnach werteten die teilnehmenden Labore in der vergangenen Woche rund 1,36 Millionen Tests aus, fast 150.000 mehr als in der Vorwoche. Viel mehr Tests sind kaum möglich. Denn das RKI hat für alle Labore zusammen eine reale Kapazität von etwa 1,6 Millionen errechnet. Theoretisch wären sogar mehr als 1,8 Millionen Tests durchführbar, allerdings nur dann, wenn in allen Einrichtungen sieben Tage die Woche gearbeitet würde.

Aber auch die tatsächliche Kapazität kann nicht vollständig ausgenutzt werden, da dies nur möglich wäre, wenn die Tests optimal verteilt werden könnten. In der Realität sind in den Hotspots aber schon jetzt viele Labore überfordert, während andernorts noch Luft für weitere Tests wäre. In Berlin beispielsweise ist die Lage besonders angespannt. Der Verband der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) zählte dort zuletzt mehr als 66.000 Proben pro Woche. Allerdings könnten derzeit nur rund 59.000 Tests in einer Woche ausgewertet werden, sagte ALM-Geschäftsführerin Cornelia Wanke dem RBB.

Immer mehr Labore überlastet

Und die Zahl der Labore, die mit ihrer Arbeit nicht mehr hinterherkommen, wächst schnell an. So schreibt das RKI im gestrigen Lagebericht, es erhalte "zunehmend Berichte von Laboren, die sich stark an den Grenzen ihrer Auslastung befinden. Dies hat zur Folge, dass Abstrichproben, die nicht zeitnah bearbeitet werden können, aus überlasteten Laboren weiterverschickt werden müssen, was zu verlängerten Bearbeitungszeiten und Verzögerungen bei der Ergebnisübermittlung an die Gesundheitsämter führen kann."

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Die Entwicklung ist dramatisch. In der vergangenen Woche meldeten von 164 Laboren 57 einen Rückstau von rund 68.500 Proben, dreimal so viel wie in der Vorwoche. Gleichzeitig ist der Anteil der positiven Testergebnisse von 3,6 auf 5,6 Prozent sprunghaft angestiegen. Das bedeutet rein rechnerisch, dass möglicherweise fast 2500 Infizierte und damit auch die zuständigen Gesundheitsämter zu spät informiert werden.

Situation verschärft sich weiter

Größtenteils liegen die Verzögerungen an mangelnden Reagenzien. 39 Labore meldeten vor allem Lieferschwierigkeiten von Plastikverbrauchsmaterialien und Pipettenspitzen. Die Nachschubprobleme werden eher noch zunehmen, als sich abzuschwächen. "Bei steigender Anzahl durchgeführter Tests und aufgrund von Lieferengpässen bei weltweit steigender Nachfrage können sich die freien Kapazitäten in den nächsten Wochen reduzieren", schreibt das RKI. "Die Situation wird ferner dadurch verschärft, dass gerade bei Hochdurchsatzverfahren eine starke Abhängigkeit von einzelnen Herstellern besteht." Hochdurchsatzverfahren sind Methoden, mit denen automatisch sehr viele Proben sehr schnell bearbeitet werden.

Und es könnte noch schlimmer kommen. Die Labor-Angestellten arbeiten teils schon bis zu sieben Tage die Woche, schreibt das RKI. Sie seien Fachkräfte und nicht ohne weiteres ersetzbar. Doch die Behörde rechnet damit, dass "dass es in den kommenden Herbst- und Wintermonaten auch hier zu krankheitsbedingten Personalausfällen kommen wird."

Auch andere Viren machen viel Arbeit

Außerdem müssten die Labore neben Corona-Tests auch andere Diagnosen durchführen. So seien in den Wintermonaten bis zu drei Millionen Fälle von akuten Atemwegserkrankungen zu erwarten, unter anderem durch Grippeviren. Für die vergangene Woche schätzt das RKI 1,2 Millionen Arztbesuche wegen entsprechender Symptome.

Auch deswegen fordert das RKI die Bevölkerung auf, Kontakte weitestgehend zu reduzieren. Es gelte zusätzlich zu Covid-19 andere respiratorische Erkrankungen zu vermeiden, um die Testkapazitäten nicht zusätzlich zu belasten. Das wird aber nicht genügen. Das RKI sieht es daher als dringend geboten, "den Einsatz der Tests im Hinblick auf den angestrebten Erkenntnisgewinn in Abhängigkeit freier Testkapazitäten zu priorisieren."

Soll heißen: PCR-Tests sollten nicht mehr für Massentests, zum "Freitesten" für Veranstaltungen und Reisen oder Ähnliches eingesetzt werden. Ebenso ist es eine Verschwendung, mit den teuren und raren PCR-Tests harmlose Infekte von Covid-19 zu unterscheiden. Oder wie es SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ausdrückt: "Es ist sicher falsch, den Herbst alleine mit Standard-PCR-Tests durchtesten zu wollen. Dazu reichen die Kapazitäten nicht."

Antigen-Schnelltests sind noch knapp

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Antigen-Tests sind schnell und günstig, aber derzeit in Deutschland noch nicht in ausreichend großen Mengen erhältlich.

(Foto: REUTERS)

Abhilfe sollen Antigen-Schnelltests bringen. Sie seien zwar nicht ganz so empfindlich und genau wie die bislang üblichen PCR-Tests, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast. "Aber die Antigen-Tests haben einen riesigen Vorteil: Sie sind sehr schnell und vor Ort verfügbar. Was nützt mir ein PCR-Test, der sehr empfindlich ist, aber auf dessen Ergebnis ich drei, vier Tage warten muss, weil die Labore überlastet sind?"

Auch das Gesundheitsministerium setzt große Hoffnungen auf die Schnelltests, aber vorerst werden die Kapazitäten noch zu knapp sein. Deshalb sind Antigen-Tests laut der seit dem 15. Oktober gültigen Testverordnung auch vorerst Pflegeheimen, Arztpraxen und Krankenhäusern vorbehalten, um Personal, Besucher sowie Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Corona-Virus zu testen.

Kritische Gruppen testen und Zeit gewinnen

Das gilt allerdings nur, wenn in einer Region der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.00 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten wird. Außerdem müssen die Einrichtungen die Tests selbst besorgen, das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellt ihnen dafür eine Liste mit Herstellern und Produkten zur Verfügung, die die erforderlichen Kriterien erfüllen. Bis einschließlich 8. November können sich auch noch Reisende aus Risikogebieten wahlweise einem Antigen-Test unterziehen, was ihnen die Quarantäne erspart.

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Entsprechend der Testverordnung erstatten derzeit Krankenkassen in der Regel für andere Einsatzzwecke die Kosten für Antigen-Tests nicht. Deren weiter verbreiteter Einsatz würde ihnen aber viel Geld sparen. Für einen PCR-Test zahlen die Kassen 50,50 Euro, für einen Antigen-Test 15 Euro. Handelt es sich um einen Test, der ohne Labor vor Ort durchgeführt werden könne (PoC), müssen sie sogar nur 7 Euro erstatten.

Die Entwicklung von Antigen-Schnelltests geht rasant voran, und es könnten in einigen Monaten auch größere Mengen davon in Deutschland verfügbar sein. Es gilt also Zeit zu gewinnen, dass bis dahin die PCR-Tests ausreichen und Gesundheitsämter durch zu späte Testergebnisse nicht noch größere Probleme haben, Infektionsketten nachzuverfolgen als bisher. Das könnte der kommende Teil-Lockdown leisten, wenn er die erhofft starke Reduzierung der Neuinfektionen zum Ergebnis hat.

Quelle: ntv.de