Wissen
Mehrere tausend Tonnen Glyphosat landen Jahr für Jahr auf deutschen Feldern.
Mehrere tausend Tonnen Glyphosat landen Jahr für Jahr auf deutschen Feldern.(Foto: picture alliance / Julian Strate)
Donnerstag, 09. November 2017

Tod (fast) aller Pflanzen: Was ist Glyphosat genau?

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat hat einen Imagewandel vom Heilsbringer der Landwirtschaft zum möglicherweise krebserregenden Gift hinter sich. Hier ein Überblick, worum es sich bei der Substanz handelt, wie sie wirkt - und was ihren einst guten Ruf zuletzt so angekratzt hat.

Video

Was ist Glyphosat überhaupt?

Glyphosat ist eine organische Phosphorverbindung, die erstmals in den 1950er Jahren entdeckt wurde. In den folgenden Jahren wusste man aber zunächst nichts mit ihr anzufangen. Erst beim US-Agrarkonzern Monsanto entdeckten Wissenschaftler durch Experimente Anfang der 1970er Jahre, dass Glyphosat wahres Gift für Unkräuter ist.

Im Jahr 1974 brachte Monsanto schließlich das erste Unkrautvernichtungsmittel mit Glyphosat auf dem Markt: Es bekam den Namen Roundup und ist bis heute weltweit im Einsatz. Mittlerweile wird Glyphosat aber auch von anderen Unternehmen unter verschiedenen Namen vertrieben. In diesem Jahr soll die weltweite Produktion von Glyphosat 1,35 Millionen Tonnen erreichen - fast doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren.

Wie wirkt Glyphosat?

Die Substanz ist ein Unkrautkiller: Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über ihre Blätter auf. Danach entfaltet das Herbizid seine tödliche Wirkung: Es hemmt ein bestimmtes Enzym, welches eine entscheidende Rolle beim Wachstum der Pflanze spielt. Innerhalb weniger Tage stirbt sie ab.

Da dieser Stoffwechsel nur bei grünen Pflanzen vorkommt, galt Glyphosat lange als unbedenklich für Mensch und Tier. Für Pflanzen hingegen sieht es schlecht aus - das Mittel wirkt gegen fast alle Arten. Man bezeichnet es daher auch als Totalherbizid.

Und ja: Glyphosat macht auch vor Nutzpflanzen wie Getreide nicht Halt. Daher wird es in Deutschland überwiegend vor und nach deren Anbau angewendet. Seit den 1990er-Jahren gibt es jedoch auch gentechnisch verändertes Getreide, das den Einsatz von Glyphosat überlebt. In Ländern, in denen dessen Anbau erlaubt ist, wird das Herbizid dann auch während des Getreidewachstums versprüht.

Welche Rolle spielt Glyphosat in der Landwirtschaft?

Glyphosat ist der in Deutschland und auch weltweit am häufigsten eingesetzte Wirkstoff in Unkrautvernichtungsmitteln. Hierzulande werden jedes Jahr 40 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche mit etwa 6000 Tonnen Glyphosat besprüht. Landwirte schätzen die Substanz, da sie die Bekämpfung von Unkraut einfach und preisgünstig ermöglicht - das alternative Pflügen der Böden etwa ist zeit - und kostenintensiver und begünstigt gleichzeitig die Erosion der Ackerböden.

Verschiedene Studien gehen davon aus, dass ein Verbot von Glyphosat für deutsche Landwirte höhere Kosten bedeuten würde - bei zum Teil geringeren Erträgen. In manchen Bereichen, wie dem Anbau von Äpfeln und im Weinbau, wäre ein Verzicht auf Glyphosat wirtschaftlich kaum zu machen, schreibt das Julius Kühn-Institut - eine Forschungseinrichtung des Bundes - in einer Studie. Forscher aus Gießen wiederum mahnen, dass nach einem Glyphosat-Verbot die eingesetzte Menge anderer Herbizide zunehmen werde, da diese weniger wirksam seien.

Gleichzeitig verzichten in Deutschland heute bereits rund 25.000 Bio-Bauern vollständig auf Glyphosat und andere Unkrautvernichtungsmittel.

Warum ist Glyphosat umstritten?

Bis in die 1980er Jahre galt Glyphosat als Wundermittel der Landwirtschaft. Nach und nach änderte sich die Stimmung jedoch. Sorgen bereitet, dass der Stoff Rückstände in Tieren und Pflanzen hinterlässt. Beim Menschen wurden geringe Mengen Glyphosat bereits im Urin und in der Muttermilch nachgewiesen. Auch bei einer Untersuchung von Bier aus dem Jahr 2016 wurden vom Umweltinstitut München Werte zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm Glyphosat pro Liter gemessen.

Seit einigen Jahren gibt es zudem Zweifel, ob Glyphosat für den Menschen wirklich unbedenklich ist. Für besonders großes Aufsehen sorgte die Einschätzung der renommierten Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2015, in welcher Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" bezeichnet wurde.

Video

Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hingegen sehen das anders. Bei fachgerechter Anwendung finde sich kein Anhaltspunkt für eine krebserzeugende Wirkung, erklärte etwa das BfR nach der Auswertung hunderter Studien. Allerdings zog diese Analyse zuletzt erhebliche Kritik auf sich, da nach Einschätzung eines Plagiatprüfers wesentliche Angaben von Glyphosat-Herstellern wörtlich übernommen worden waren. Das BfR wies die Plagiatsvorwürfe zurück. Auch der Efsa-Bericht geriet in die Kritik. Bei ihrer Bewertung von Glyphosat hatte die EU-Agentur den BfR-Report berücksichtigt.

Andere Forscher machen auf weitere mögliche Gefahren des Pflanzenkillers aufmerksam: Glyphosat könnte zum Artensterben von Tieren beitragen, so die Befürchtung. Denn das Mittel tötet mit allen von Landwirten als Unkräuter bezeichneten Pflanzen auf dem Acker gleichzeitig die Futterpflanzen für eine Vielzahl von Lebewesen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen