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Schule, Stadion, Arbeitsplatz Wo ist eine Maskenpflicht noch sinnvoll?

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Lässt Deutschland bald die Masken fallen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Ende der Pandemie scheint zum Greifen nah: Niedrige Corona-Zahlen bei einer wachsenden Impfquote lassen die Rufe nach mehr Freiheiten lauter werden. Doch gerade in Innenräumen könne ein nacktes Gesicht nach wie vor gefährlich sein, klären Experten auf.

Überraschend kommt die Debatte um die Aufhebung der Maskenpflicht nicht. Da sich die Corona-Lage in Deutschland zunehmend entspannt, werden die Rufe nach weiteren Lockerungen lauter - gleichzeitig aber auch die Warnungen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kündigte jüngst an, die Maskenpflicht schrittweise beenden zu wollen. Zumindest im Freien sei das aus virologischer Sicht kein Problem, sind sich Experten weitgehend einig. Doch in Innenräumen drohe trotz niedriger Corona-Zahlen nach wie vor Ansteckungsgefahr. An welchen Orten ist es also sinnvoll, weiterhin einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen?

In der Schule

Bei steigenden Temperaturen wäre gerade für Schülerinnen und Schüler ein maskenfreier Unterricht eine Erleichterung. Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen haben bereits beschlossen, die Tragepflicht im Klassenraum auszusetzen. In vielen anderen Bundesländern wird darüber derzeit noch diskutiert. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht das allerdings kritisch. Für das zu Ende gehende Schuljahr wäre es nicht schön, wenn sich Kinder vor den Sommerferien noch infizieren würden, sagt Lauterbach im ZDF.

Der Meinung ist auch der Lehrerverband. Präsident Heinz-Peter Meidinger rät insbesondere während des Unterrichts zu "größtmöglicher Vorsicht". Maskenpflicht und auch regelmäßige Tests sollten im auslaufenden Schuljahr bleiben. Es gebe noch immer erhöhte Infektionszahlen in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen, die bisher kaum geimpft seien, sagt Meidinger. "Auch rund 50 Prozent aller Lehrkräfte verfügen noch nicht über einen vollständigen Impfschutz."

Anders sieht es die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität München. Sie hält die Regelung beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern für sinnvoll. "Bei einer Inzidenz unter zehn ist es absolut vertretbar, keine Masken mehr im Unterricht tragen zu müssen. Denn die Chance ist sehr gering, dass ein infiziertes Kind in der Klasse ist", erklärt sie. Und auch Lauterbach räumt ein: "In Gegenden, wo tatsächlich die Inzidenz einstellig ist, da kann man auch in den Innenräumen vorsichtig die Maskenpflicht lockern."

Im Laden

Langsam kehren die Kunden in die Läden zurück. Vielerorts fallen Test- und Terminpflicht weg, was das Geschäft noch einmal deutlich ankurbelt. In der Debatte um eine Abschaffung der Maskenpflicht zeigt sich der Handel hingegen skeptisch. "Wir müssen jetzt alles vermeiden, was die erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie gefährdet und möglicherweise in einen nächsten Lockdown führt", teilt der Handelsverband Deutschland mit. Kunden und Händler haben sich laut Hauptgeschäftsführer Stefan Gent an die Maskenpflicht gewöhnt. Es gebe somit keinen Grund, diesen Schritt übereilt zu gehen.

Im Betrieb

In Betrieben könnte es ebenfalls noch einige Zeit dauern, bis Mitarbeiter auf Masken verzichten können, sagt Gerecke, Präsidiumsmitglied des Fachverbandes VDBW, im Gespräch mit ntv. Über den Winter hätte sich gezeigt, wie wichtig das Maskentragen ist. Neben dem Schutz vor Corona, habe die Maskenpflicht zudem einen weiteren positiven Effekt gehabt: "Wir haben zum Beispiel gar keine Grippeerkrankung gesehen in diesem Jahr", sagt der Betriebsarzt. Er hält es für sinnvoll, weiterhin dort einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, wo sich Mitarbeiter nahe sind: in engen Situationen am Arbeitsplatz, im öffentlichen Nahverkehr und in Räumen ohne ausreichende Lüftungsmöglichkeiten.

Das gelte auch für Mitarbeiter, die bereits vollständig geimpft sind. "Wir wissen, dass die Impfung schützt", sagt Gerecke. Aber auch zweimal Geimpfte könnten das Virus noch in sich tragen und möglicherweise immunsensible Menschen infizieren. "Solange hier keine ausreichenden Erfahrungen vorliegen, ist es sicherlich besser, wenn auch diese Menschen weiterhin einen Mundschutz tragen und die Abstands- und Hygieneregeln einhalten." Bei Arbeitsplätzen im Freien sehe das sicherlich anders aus, so der Mediziner. "Für Menschen, die einen ausreichenden Abstand einhalten können, können wir natürlich dann auch auf das Tragen der Masken verzichten." An frischer Luft, bei ausreichender Lüftung, werde es sicherlich möglich sein und auch als Erstes kommen.

Im Stadion

Europa befindet sich seit vergangenem Wochenende im Fußball-Fieber. Tausende Menschen drängen in die Stadien, um ein EM-Spiel zu sehen. So sind in München rund 14.000 Gäste im Stadion erlaubt. Laut DFB müssen sie einen negativen Test oder einen Impfnachweis vorweisen - und auch am Sitzplatz eine Maske tragen.

Denn eine Studie des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung hat herausgefunden, dass die Infektionsdynamik nach Bundesliga-Spielen mit Zuschauern im September und Oktober statistisch signifikant angezogen ist. Im Durchschnitt seien die Infektionen in Städten und Landkreisen bei Erstligaspielen um 0,6 pro 100.000 Einwohner und Tag stärker gestiegen als ohne Fußballspiele. Dies entspreche einem Anstieg der Rate um sieben bis acht Prozent. Die höheren Zahlen hätten sich vollständig den Spielen zuordnen lassen, bei denen Schutzmasken lediglich auf den Wegen zum Platz getragen werden mussten. Bei einer Tragepflicht auch am zugewiesenen Platz sind dagegen laut Studie keine erhöhten Infektionszahlen aufgetreten.

Allerdings hat sich die Corona-Lage seitdem verändert. Inzwischen ist fast die Hälfte der Deutschen mindestens einmal geimpft. Einige Experten halten daher die Maskenpflicht, wie sie bei den vier EM-Spielen in der Allianz-Arena in München gefordert ist, für überzogen. "Medizinisch sehe ich kein Problem, wenn ein Durchgeimpfter ohne Maske ins Stadion geht", sagt Peter Heinz, Kassenärzte-Chef in Rheinland-Pfalz, der "Bild"-Zeitung.

Ohnehin sieht der Allgemeinmediziner eine Lockerung der Maskenpflicht eher als wichtiges Signal an die Bevölkerung, um die Impfbereitschaft weiter hochzuhalten: "Wir brauchen einen Anreiz, damit wir bei allen Altersgruppen eine gute Durchimpfung schaffen", so Heinz. Er befürchte nämlich, dass der Impffortschritt bei einer Quote von 60 Prozent ins Stocken gerät. "So ein Anreiz könnte die Befreiung von der Maskenpflicht für vollständig Geimpfte sein."

Wo noch?

Eine generelle Aufhebung der Maskenpflicht könnte nach Ansicht von Wissenschaftlern allerdings ein Wiederaufflammen der Pandemie nach sich ziehen. "Wenn wir nach dem Wegfall der Testpflicht in vielen Situationen nun auch noch die Maskenpflicht fallen lassen, sind wir im Grunde in einem ungestörten Leben wie vor der Pandemie", sagt Eberhard Bodenschatz vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Das Virus aber sei noch da und wesentlich infektiöser durch Mutationen.

Gerade in kleinen, engen, unbelüfteten Räumen sei die Gefahr einer Ansteckung weiterhin hoch, sagt auch der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Gerhard Scheuch. "Es sind oft Räume, an die man im ersten Moment überhaupt nicht denkt." Als Beispiel nannte der Aerosol-Forscher Aufzüge. "Hier sind oft nur zwei bis vier Kubikmeter Luft. Wenn Leute drin sind, noch weniger." Dann könne man sich schon während der Fahrt in den sechsten Stock anstecken. "Selbst wenn der Aufzug leer ist", warnt der Experte. "Die Wolke bleibt drin." Masken zu tragen, sei etwa auch bei Taxifahrten oder in Fahrschul-Autos sehr sinnvoll sowie auf öffentlichen Toiletten.

In großen Theatern und Museen, Freibädern, Schwimm- und Sporthallen sei das Ansteckungsrisiko dagegen nicht so hoch, weil die Volumina an Luft groß seien, sagt Scheuch. "Da reicht die Aerosolkonzentration kaum aus, um andere zu gefährden." Trotzdem sei auch hier wichtig, aufs Detail zu achten: Selbst in Freibädern seien dann wieder die Umkleiden eng, so der Wissenschaftler. "Da muss man schauen, dass die super belüftet sind."

Quelle: ntv.de, mit dpa

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