Wirtschaft
"Ich vermisse meine Kollegen unheimlich": Die ehemalige Gesamtbetriebsratschefin von Schlecker, Christel Hoffmann.
"Ich vermisse meine Kollegen unheimlich": Die ehemalige Gesamtbetriebsratschefin von Schlecker, Christel Hoffmann.(Foto: dpa)

"Ich bin diejenige, die übrig geblieben ist": Das Leben nach der Schlecker-Pleite

Das Beben im Drogeriegeschäft reißt klaffende Lücken in die deutschen Innenstädte: Durch die Schlecker-Pleite vor zwei Jahren verlieren rund 25.000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Noch wird bei Schlecker gearbeitet. Wie steht es um die Reste des Imperiums?

Arndt Geiwitz, der Insolvenzverwalter der insolventen Drogeriekette Schlecker (Archivbild).
Arndt Geiwitz, der Insolvenzverwalter der insolventen Drogeriekette Schlecker (Archivbild).(Foto: dpa)

Im Januar 2011 ist das Ende von Deutschlands größter Drogeriemarktkette nicht mehr aufzuhalten: Zwei Jahre danach dauern die Aufräumarbeiten noch immer an. Nach Einschätzung des Insolvenzverwalters sollen die Reste des einst bundesweit aktiven Unternehmens Ende 2014 größtenteils abgewickelt sein. "Die wesentlichen Tätigkeiten werden wir im Laufe dieses Jahres erledigt haben", sagte Arndt Geiwitz, der die Reste des insolventen Schlecker-Imperiums verwaltet. Im Vordergrund stehe das frühere Filialnetz mit zuletzt Tausenden Verkaufsstellen.

"Hier sind noch an zahlreichen Stellen Abrechnungstätigkeiten beispielsweise mit Energieversorgern, Gemeinden sowie Industrie- und Handelskammern durchzuführen", sagte Geiwitz. Ein fixes Datum könne er aber noch nicht nennen.

Schlecker hatte am 23. Januar 2012 Insolvenz angemeldet. Insgesamt verloren bundesweit rund 25.000 Mitarbeiter ihren Job. "Aktuell wirken neben mir und meinem Team noch 36 Schlecker-Mitarbeiter an der Abwicklung des Unternehmens mit", sagte Geiwitz. "Diese sind zum Großteil mit Verwaltungsaufgaben betraut. Die Zahl wird im Laufe dieses Jahres - je nach Stand der Abwicklung - weiter sinken."

Schlecker-Lager noch zu haben

Aktuell stehen zudem die Zentrale in Ehingen und sechs Lager zum Verkauf. Geiwitz: "Für vier dieser Lager laufen aktuell konkrete Verkaufsgespräche, die hoffentlich schon in Kürze erfolgreich abgeschlossen werden können." Für den Hauptsitz in Ehingen ist den Angaben zufolge derzeit aber kein Käufer in Sicht. Auch der Plan des österreichisches Investors Rudolf Haberleitner, ehemalige Schlecker-Filialen unter dem Namen Dayli wiederzubeleben, scheiterte. Noch vor dem geplanten Deutschland-Start ging Dayli 2013 pleite.

Nach der Pleite von Schlecker hatten sich einige ehemalige Mitarbeiterinnen in den früheren Filialen mit eigenen Läden selbstständig gemacht. Nach Angaben von Verdi wurde mittlerweile allein in Baden-Württemberg ein Dutzend der Verkaufsstellen unter neuem Namen wiederbelebt.

Die Allee der "Schlecker-Frauen"

Der Streit, ob eine Straße in einem Gewerbegebiet nach Anton Schlecker benannt sein darf, hat der Stadt Melle bei Osnabrück im vergangenen Jahr bundesweit Aufmerksamkeit gebracht. Um Schlecker zur Ansiedlung eines Lagers zu bewegen, hatte die Stadt in den 1990er Jahren einem vormals namenlosen 300 Meter langen Weg den Namen "Anton-Schlecker-Straße" gegeben.

Nach der Insolvenz forderte eine Verdi-Vertreterin als neuen Namen "Schlecker-Frauen-Allee". Die Grünen in Melle favorisierten die neutrale Bezeichnung "Am Sandkamp". Die Befürworter einer Umbenennung konnten sich nicht durchsetzen: Der zuständige Ortsrat habe inzwischen beschlossen, dass der Straßenname erhalten bleibe, sagt Stadtsprecher Jürgen Krämer. Die Anlieger hätten vor zu hohen Kosten im Falle einer Namensänderung gewarnt.

In den verbliebenen Resten der Drogeriemarktkette herrscht dagegen ein ganz anderes Klima. Wie es sich anfühlt, jeden Tag auf das Ende des eigenen Jobs hinzuarbeiten, kann Christel Hoffmann erzählen, die frühere Vorsitzende des Schlecker-Gesamtbetriebsrats. Sie zählt zu den letzten Mitarbeiterinnen von Insolvenzverwalter Geiwitz. Für Hoffmann soll Ende März Schluss sein.

Sie arbeitet sie auf ihre eigene Entlassung hin. Jeden Morgen um halb neun setzt sie sich an den Schreibtisch, wühlt sich durch Akten, legt Tabellen an und führt unzählige Telefonate. Für Christel Hoffmann gibt es noch genug zutun. Und doch liegen ihre Unterlagen längst beim Arbeitsamt.

"Ich bin diejenige, die übrig geblieben ist", sagt die 60-Jährige in ihrem Büro in Pforzheim. "Ich vermisse meine Kollegen unheimlich", sagt Hoffmann. Die letzten Kolleginnen aus dem ehemals 55-köpfigen Gesamtbetriebsrat mussten im vergangenen Herbst gehen.

Ende eines Arbeitgebers

Außer Hoffmann gibt es nur noch ein paar frühere Mitarbeiter in der Schlecker-Zentrale in Ehingen, die sich unter der Leitung Geiwitz' um letzte Verwaltungsaufgaben kümmern. Auch sie haben nicht mehr lange Zeit, die Scherben aufzukehren.

Für Christel Hoffmann soll Ende März Schluss sein. Bis dahin bannt sie das einstige Drogerieimperium in Tabellen. Sie legt Listen von früheren Betriebsräten an, archiviert die Rechtsstreitigkeiten der vergangenen Jahre. Ist das jetzt überhaupt noch wichtig? Hoffmann sieht das pragmatisch. Es müsse alles seine Ordnung haben, sagt sie.

Vor allem leistet sie seelischen und praktischen Beistand: Wenn bei ihr das Telefon klingelt, ist meistens eine frühere Kollegin dran, die Hilfe braucht bei Problemen mit dem Arbeitsamt oder nicht weiß, welche Sozialleistungen ihr zustehen.

Schlecker-Film in Arbeit

"Das sind auch Menschen, die ich noch nie im Leben gesehen habe", sagt Hoffmann, die zuerst durch ihre großen, dunkel geschminkten Augen auffällt. Auf den Fotos, die von ihr durch die Presse gingen, waren diese Augen oft nass vor Tränen. Auch heute werden sie noch feucht, wenn sie an die Kollegen denkt, die ihre Arbeit verloren haben.

Die Bundesagentur für Arbeit hat vor gut einem Jahr aufgehört, den Werdegang der arbeitslosen Schlecker-Mitarbeiter zu verfolgen. Nach den letzten Zahlen vom vergangenen März suchten von zunächst 23.476 arbeitslos gemeldeten Menschen noch 9127 einen Job. In Hoffmanns eigenem Büro erinnert nicht mehr viel an ihren früheren Arbeitgeber. "Davon habe ich mich frei gemacht."

"Es geht immer weiter"

Überhaupt wurde es zuletzt ruhig um Schlecker: Die Filialen sind längst geschlossen, der Versuch eines österreichischen Investors, einzelne Läden wiederzubeleben, scheiterte kläglich - und im vergangenen Jahr zahlte die Familie von Firmengründer Anton Schlecker schließlich die letzten Millionen an den Insolvenzverwalter.

Zu Ende ist die Geschichte damit aber keineswegs - und das nicht nur weil ein Produzent das Schicksal einzelner Frauen in einer Schleckerfiliale, die geschlossen werden soll, als TV-Komödie verfilmen will. Einholen könnten die Ereignisse vor allem den Firmengründer selbst: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt derzeit noch gegen Anton Schlecker. Es geht dabei etwa um den Verdacht auf Untreue und Insolvenzverschleppung.

Ein Ende der Ermittlungen ist nach Angaben einer Sprecherin wegen der hohen Aktenberge vorerst aber nicht in Sicht. Sollte es zur Anklage kommen, hat Christel Hoffmann ihr Büro also womöglich längst dichtgemacht. Was danach mit ihr passiert, weiß die 60-Jährige nicht. Eines hat sie die Schlecker-Pleite aber gelehrt: "Unabhängig wie gut oder wie schlecht", sagt Hoffmann. "Es geht immer weiter."

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Quelle: n-tv.de

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