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Gegen A4, 3er und C-Klasse Lob und Tadel für den Lexus IS

Die japanische Mentalität ist uns Europäern immer wieder ein Rätsel. Selbst die erfolgreichsten unter den Industriemagnaten überreichen dem deutschen Journalisten ihre Visitenkarte mit beiden Händen unter einer leichten Verbeugung. Und stellt man sich mit Namen vor, lautet die Antwort: "Meine Wenigkeit nennt sich Katsuaki Watanabe." Daneben ist selbst britisches Understatement Snobismus pur, ist Herr Watanabe doch Präsident des erfolgreichsten Automobilunternehmens der Welt und wird mit Toyota wohl im nächsten Jahr zur Nummer eins weltweit aufsteigen.

Auch ein paar Stufen weiter unten in der Hierarchie pflegt man bei Toyota die gleiche bescheidene Art. Als man bei der Präsentation des neuen Lexus IS die Verkaufserwartungen für das Jahr 2006 bekannt gab, traute mancher Journalist seinen Ohren nicht: Gerade mal 2.000 IS glaubt man 2006 in Deutschland absetzen zu können und die Europazentrale hofft auf 45.000 Lexus-Verkäufe auf dem ganzen Kontinent.

Luxus und Design

Warum so bescheiden, fragt man sich da, hat das neue Auto doch alle Anlagen beliebt und begehrt zu werden. Der IS tritt an im so genannten Premium-D-Segment, trifft also auf etablierte Konkurrenten wir den BMW 3er, die Mercedes C-Klasse oder den Audi A 4. Erste Probekilometer durch die Berge rund um Rom zeigen, dass der IS den Vergleich nicht zu scheuen braucht. Das Fahrwerk bietet exaktes Handling genauso wie guten Federungskomfort. Die Karosserie ist exzellent verarbeitet und der Innenraum verströmt jenen Hauch von Luxus, den die Kunden in dieser Klasse erwarten dürfen.

Dazu gesellt sich endlich ein Design, das auch dem europäischen Auge schmeichelt. Straffe Linien, passende Proportionen und harmonisch abgestimmte Materialien zeigen: Lexus ist mit seinen jüngsten Produkten eindeutig auf dem Niveau der europäischen Luxusmarken angekommen. Da der IS zudem preislich ein paar Euro unter den Wettbewerbern bleibt (Lexus IS 320 d: 29.600.-, zum Vergleich: BMW 320 d: 30.700.-, Mercedes C 220 CDI 32.300.-) stellt sich die Frage "Warum also so bescheiden?"

Nur zwei Motoren

Tatsächlich gibt es eine Reihe von Gründen, die allzu hochfliegenden Plänen entgegenstehen. So ist die Motorenauswahl derzeit bescheiden: Es gibt einen 2,5-Liter-Sechszylinder Benziner mit 208 PS und einen 2,2-Liter-Diesel mit 177 PS. Beide Motoren zählen nicht zu den Highlights des IS. Dem Benziner mangelt es angesichts des hohen Wagengewichts (ca. 1,7 Tonnen) ein wenig an Kraft und der Diesel läuft nach unserem Geschmack ein wenig zu brummig. Dafür ist er mit dem Toyota-D-Kat überragend umweltfreundlich und darf sich nicht zu unrecht "sauberster Diesel der Welt" nennen. Dennoch: Eine etwas größere Auswahl an Motoren würde manch einem den Wechsel zu Lexus erleichtern.

Unstimmige Aufpreispolitik

Daneben birgt auch die Preisliste gravierende Unstimmigkeiten. So gibt es einerseits gegen Aufpreis das faszinierende Pre-Crash-Safety-System, das in dieser Klasse einmalig ist: Das Radarsystem erkennt einen drohenden Crash im Voraus, gibt kräftige Bremsunterstützung und spannt kurz vor dem Einschlag blitzschnell die Sitzgurte vor. Doch leider gibt es dieses feine Sicherheitsextra nur in Verbindung mit dem Automatikgetriebe. Da andererseits der Dieselmotor nicht mit Automatik zu haben ist, bleibt vermutlich zwei Drittel aller deutschen Kunden dieses feine Extra verwehrt. Aber auch der Umstand, dass, wer ein Navigationssystem haben möchte, automatisch eine teure Mark-Levinson-Audioanlage im Paket mitbestellen muss, wird manchem Interessenten wenig schmecken.

Lexus tut also gut daran, bescheiden zu sein. Doch die wenigen Kritikpunkte lassen sich ja schnell abstellen und die Basis stimmt ohnehin. Mit ein bisschen Feinarbeit könnte der IS also in kurzer Zeit zu einem ganz heißen Konkurrenten für die deutschen Platzhirsche werden. Und seine Wenigkeit Watanabe San wird dann vielleicht ganz bescheiden verkünden können, dass Lexus auch in Europa die Zuneigung der verehrten Käufer gefunden hat.

Christof Johann

Quelle: n-tv.de