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Zum Tod eines Design-Terroristen Luigi Colani verlässt eine unrunde Welt

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Luigi Colani hat sein Leben lang versucht, die Prinzipien der Aerodynamik und der Natur in sein Design zu überführen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Stardesigner Luigi Colani ist mit 91 Jahren in seiner Wahlheimat Karlsruhe gestorben. Sein Leben lang hat er versucht, die eckige Welt rund zu machen. Gelungen ist es ihm nur in Teilen. Colani war ein Exzentriker, dessen Arbeiten visionär sind.

Mit Luigi Colani ist nicht nur einer der bekanntesten Designer verstorben, sondern auch ein Design-Terrorist. Colani hat sich sein Lebtag nicht angepasst, hatte das Eckige rund gemacht und sollte davon nie wieder abweichen. Sein Design folgte der Effektivität, der energieeffizienten Ergonomie. Von rechten Winkeln und Kanten befreit, passte er nach eigenen Aussagen sein Design der Natur an. "Die", so Colani, "löst Probleme seit Millionen Jahren", während der Mensch sich mit Natur und Technik erst seit knapp 200 Jahren beschäftige.

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Colani war nicht nur Designer, er sah sich selbst als "3D-Philosoph".

(Foto: dpa)

Colani, der am 2. August 1928 als Lutz Colani in Berlin geboren wurde, sah sich selbst in seiner gesamten Schaffensperiode nie nur als Designer, sondern vor allem als Techniker. Genauer: als Technik- oder "3D-Philosoph mit einem aerodynamischen Weltbild". Und das kommt nicht von ungefähr. Von 1949 bis 1952 studiert Colani an der Pariser Sorbonne am Fachbereich Aerodynamik. Ab 1953 arbeitet er für die Douglas Aircraft Company, einem US-amerikanischen Flugzeugbauer, als Leiter der Materialforschung, bevor er in Frankreich Kunststoffkarosserien für die Autoindustrie mitgestaltet.

"Das ist alles Rotz"

Schnell wird dem jungen Mann aber die Eingliederung in fremde Ideenwelten zu eng. Er trennt sich von den Vorgaben anderer und fängt an, mit inbrünstiger Konsequenz seine eigene runde Welt zu entwerfen. Seine Kritik an anderen Designentwürfen wird in dieser Zeit immer harscher. Kurz als "Rotz" bezeichnet er, was nicht aus seiner Feder stammt. Egal was Colani entwirft, hinter jeder seiner insgesamt 4000 Zeichnungen steckt eine Idee.

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Mit dem Entwurf der Kugelküche verdiente Colani das erste Mal richtig Geld.

(Foto: dpa)

Ruhm und Reichtum kamen für Colani eigentlich über Nacht. Es war ein Großauftrag des Küchenbauers Poggenpohl. Eine Küche der Zukunft sollte der junge Designer entwerfen. Konsequenterweise wurde es eine "Kugelküche", die ihm auf einen Schlag 250.000 Mark einbrachte. Wie so viele seiner preisgekrönten Entwürfe wurde aber auch diese nie gebaut. Neben Haushaltsartikeln und Möbeln gilt Colanis Liebe den Automobilen.

Gerade bei ihnen gilt sein Kampf der Einhaltung der Naturgesetze, denn nur eine bessere Aerodynamik bringt einen geringen Verbrauch. Doch während seine Sanitärkeramik, Badarmaturen, Stühle, Fernseher oder gar Computermäuse in Serie produziert werden und schnell ihre Liebhaber finden, schlagen seine Versuche, das Automobildesign aerodynamisch zu revolutionieren, fehl. Dabei gibt es keinen Entwurf, der nicht für Aufsehen sorgt.

Alles nur "Blechpfeifen"

Allein die Umgestaltung von Serienkarosserien wie die des BMW 700, VW Polo, Citroen 2CV oder Ford Ka erhöhen nicht nur die Geschwindigkeiten dieser Autos signifikant, auch der Verbrauch sinkt deutlich. Doch seine Entwürfe sind der Autoindustrie zu radikal. Zu sehr widerspricht er dem vorherrschenden Geschmack. Fast schon wütend zeichnet Colani über die Jahre ein Auto nach dem anderen. Im Jahr 1970 sorgt er mit dem Sportscar C 112 für Furore. Hinter der Idee steckt ein Mercedes, windschnittig, flach und ohne Kanten, wie ihn der Designer gerne gesehen hätte.

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Mit Siebkühlergrill und hängender Unterlippe kam der Colani-Polo bei VW nicht gut an.

Doch die Arbeiten Colanis scheinen immer nur für einen Presseauftritt gut zu sein. Danach verschwinden sie lautlos in den Rumpelkammern der Entwicklungsabteilungen. So auch das im Frühjahr 1977 bei VW abgelieferte Modell eines VW-Polo-Nachfolgers. Colani kann sich gegen den in Wolfsburg etablierten italienischen Kollegen Giorgio Giugiaro am Ende nicht durchsetzen. Mit Siebkühlergrill und hängender Unterlippe kam der Colani-Polo beim damaligen VW-Chef Toni Schmücker und Entwicklungschef Ernst Fiala nicht an. Die Geschichte besagt, dass der Meister die beiden als "Blechpfeifen" beschimpft hat, die mal weiter mit ihrer "Kartoffelkiste auf Rädern" herumfahren sollen. Bereits ein Jahr zuvor war schon sein VW "Turbo-Polo" in Wolfsburg abgeblitzt, was die Stimmung nicht besser machte.

"Ich bin verkannt"

Die größte Pleite erlebte Luigi Colani im Jahr 1972, als der von ihm designte Ruder-Achter für die deutsche Olympiamannschaft unter großem Getöse zu Wasser gelassen wird. Das Gerät, das mit Blick auf alle aerodynamischen Raffinessen für den Goldkurs designt ist, ist vom Meister so strömungsoptimiert, dass es nach dem Stapellauf sofort unter- und nicht mehr auftaucht.

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Zu Colanis großen Visionen gehörte die "Eco-City".

(Foto: dpa)

Natürlich erlebt Colani in seinem Designerleben nicht nur Pleiten. Mit der ergonomisch geformten Spiegelreflexkamera Canon T90 verdient er ebenso Geld wie mit seinen Brillenkollektionen.

Doch Colanis Entwürfe sind, egal ob funktional oder nicht, immer extravagant. Und genau das ist es, was ihn in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einem Medienstar in eigener Sache macht. Gerade die Ignoranz der Fachwelt seinen Ideen gegenüber zwingt ihn zu immer neuen und abstruseren Projekten. Kritik überspielt er mit zur Schau getragener Arroganz und wüsten Beschimpfungen.

Bis zuletzt hatte der Berliner hochfliegenden Träume, die sich aber alle in Luft auflösten. Selbst in den 20 Jahren, in denen er in China lebt und wie ein Gott behandelt wird, kann er nur Bruchteile davon umsetzen. Im Reich der Mitte wollte er seine "Eco-City" bauen. Aber selbst dort wird das Projekt nach genauer Betrachtung auf Eis gelegt. Am Ende stellt sich das Leben von Luigi Colani als ein Kampf gegen Windmühlen dar. "Ich bin verkannt!", resümiert der Designer Jahre vor seinem Tod.

Verkannt ist Colani nicht. In vielen seiner Arbeiten hat man unterdessen das Visionäre erkannt. Für den Designer, der eigentlich über 100 Jahre alt werden wollte, bringt das nichts mehr. Er verlässt eine für ihn unrunde Welt in der Gewissheit, dass sie einfach noch nicht bereit für ihn war.

Quelle: n-tv.de

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