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Zwischen Alltag und Rennstrecke McLaren Senna - ein Bolide für jeden Tag?

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Der McLaren Senna ist ein außergewöhnliches Auto, dessen Bestimmung auf der Rennstrecke zu suchen ist.

(Foto: Patrick Broich)

Natürlich ist es total unwahrscheinlich, dass der Besitzer eines McLaren Senna diesen millionenschweren Boliden nutzt, um zum Supermarkt zu fahren. Dennoch war die Versuchung groß, diesen Spagat einmal zu wagen und den auf 500 Exemplare limitierten Rennsportler im Alltag zu testen.

Lässt sich ein millionenschwerer Rennsportler mit Straßenzulassung wie der auf 500 Exemplare limitierte McLaren Senna, dessen Name übrigens auf den ruhmreichen und viel zu früh gestorbenen Formel-1-Rennfahrer Ayrton Senna zurückgeht, auch lässig durch den Alltag bewegen? Um das in Erfahrung zu bringen, braucht es natürlich einen dieser sammlungswürdigen Hochperformer. Nur soviel vorweg: Kompromisse sind hier nicht zugelassen. Der Zweck dieses Kraftfahrzeugs ist einzig und alleine: fahren. Insofern nähert man sich diesem Boliden dann auch mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht. Kann man ein Fahrzeug mit 800 Pferdestärken an der Hinterachse heil wieder ins Depot bringen? Sicher, Sportwagen mit Leistungen von vielen hundert PS sind heutzutage keine Seltenheit, aber dann meist mit Allradantrieb - also besser zu beherrschen für Laien.

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Die Einsamkeit der Landstraße liegt dem McLaren Senna mehr als das Wuseln in der Großstadt.

(Foto: Patrick Broich)

Die würden sich dann im Zweifelsfall wohl auch eher, wenn sie denn die Gelegenheit hätten, mit dem McLaren Senna eben nicht etwa auf dem Track, wo das Auto eigentlich hingehört, sondern auf der öffentlichen Straße bewegen. Natürlich gibt es auch Käufer, die den auf maximalen Abtrieb getrimmten Hypersportler über Nordschleife und Co. jagen. Der größere Teil der bereits ausgelieferten raren Briten dürfte aber in den Garagen nobler Villen oder klimatisierten Hallen ruhen - während ihre Besitzer warten und hoffen, dass der fahrbare Untersatz weiter im Wert steigen wird. Knapp unter einer Million Euro hat der Senna neu gekostet, in den Inseraten tauchen die allermeisten, kaum gefahrenen Exemplare nun für satte siebenstellige Euro-Beträge auf.

Wo bleibt der Autoenthusiasmus?

Doch wo bleibt der Autoenthusiasmus, wenn ein Auto nicht gefahren wird? Also, nichts wie hinters Lenkrad des Senna. Scherentüren auf und in die gewichtsoptimierten Kohlefaser-Schalensitze werfen. Klappt körperakrobatisch sogar recht gut. Der McLaren Senna ist nicht nur auf extremen Abtrieb hinentwickelt, sondern auch auf möglichst geringes Fahrzeuggewicht. So bringt der Sportler ohne Flüssigkeiten lediglich 1,2 Tonnen auf die Waage, das ist ungefähr der Wert eines mager ausgestatteten Kleinwagens. Natürlich geht das nur mit großzügigem Einsatz von Kohlefaser-Verbundstoff.

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Auch im Innenraum des McLaren Senna haben die Ingenieure und Designer kaum an die Fahrt zum Supermarkt gedacht.

(Foto: Patrick Broich)

Das Innere dieses McLaren der so genannten "Ultimate Series" erzeugt konträre Gefühle. Wie möchte der Senna seine beiden Passagiere eigentlich genau aufgehoben wissen? Das zum Fahrer hingewandte, konventionelle Cockpit inklusive großem Touchscreen mit allen möglichen aktuellen Infotainment-Features macht den Boliden nahbar und irgendwie auch alltagstauglich. Der Umstand, dass man nach hinten nicht auf die Straße schauen kann, erinnert dann aber eher an einen Transporter. Okay, Türen zu, V8-Kraftpaket per Knopfdruck am Dachhimmel starten. Wumm, der mit Flatplane-Kurbelwelle zwecks höherer Drehzahlen und traumhafter Drehfreude ausgestattete Doppelturbo-Vierliter im Rücken des Fahrers macht auf sich aufmerksam, aber keinen ohrenbetäubenden Lärm. McLaren scheint nichts von übertriebenem Maschinenton zu halten, das Auto muss einfach schnell fahren, sehr schnell - darauf kommt es an.

Mit den Pirelli P Zero der 315/30 20er-Dimension sind der Traktion zumindest Grenzen gesetzt. Keine Semislicks also, nicht die für das Auto eigentlich vorgesehenen Pirelli Trofeo R, nein, hier wird auf der Straße gefahren. Der Motor ist kalt, also sollte man es behutsam angehen lassen. Im Stadtverkehr ist mit dem schwarz-orange-blauen Batmobil sowieso Zurückhaltung angesagt - es gibt nämlich eine große Gemeinde da draußen, die mit solch extrovertierten Sportlern nicht nur wenig anfangen kann, sondern sie verschmäht und schlechte Laune von ihrem Anblick bekommt.

Brutal und ungestüm

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Mit dem McLaren Senna ist man schnell im Führerschein gefährdenden Bereich.

(Foto: Patrick Broich)

Nach einer halben Stunde geht es endlich auf einsame Straßen, die einem McLaren Senna gebühren, wenn es schon nicht der Track sein darf: viel Straße und wenig Mensch - inzwischen auch mollig warmes Öl für Motor und Getriebe. Schon ein winziges Mehr an Drosselklappenöffnung als in der urbanen Gegend lässt ahnen, wie giftig der Hypersportler reagieren kann. Bereits Halbgas lässt den Hinterkopf gegen den oberen Teil der ultraleichten Kohlenfaser-Sitze preschen. Also Nackenmuskulatur anspannen und volle Last auf den mit fortschreitender Tourenzahl wilder klingenden Achtender geben und Lenkrad gut in den Händen halten. Den Blick auf den Tacho sollte man nicht riskieren, der führerscheingefährdende Bereich ist schneller erreicht, als der Spaßfaktor anhält.

Das Kreuz ist jedenfalls fest an die Sitzlehne gepresst, es geht nach vorn, brutal und ungestüm. Mit dem Herumexperimentieren am Fahrmodusschalter lässt sich im Außenspiegel schön beobachten, wie sich das mächtige Flügelwerk in 35-Grad-Bandbreite auf verschiedene Positionen von DRS (geringer Luftwiderstand) bis zur Raste für unerbittlichen Abtrieb choreografiert. Der Doppelflügel ist ein Multifunktionswerkzeug für rennsportliche Aktivität - er dient als Anpressdruck-Verstärker, Luftbremse und Luftwiderstandsverminderer. Doch so viel Bremsleistung, Downforce und generell allgemeine Performance wie der Senna leistet, kann man sich auf der öffentlichen Straße beim besten Willen nicht erlauben - und sowieso können nur erfahrene Motorsportler einordnen, welches Potenzial in ihm steckt.

Keine Rennallüren im Alltag

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7,5 Sekunden braucht der McLaren Senna, um aus dem Stand auf Tempo 200 zu beschleunigen.

(Foto: Patrick Broich)

Womit nichts anderes gesagt ist, als dass man sie nicht in Gänze nutzen sollte, wenn das Auto intakt ans Ziel gelangen soll. Denn statt Auslaufzonen droht der ungemütliche Graben im Falle eines Verschätzens. Andererseits geht der McLaren Senna quer so gut, dass sich unerfahrene Personen ohnehin nicht ans Limit trauen. Geradeaus mal Stoff geben dürften sich mehr Fahrer trauen - die von einigen Fachmagazinen festgestellte Längsbeschleunigung von siebeneinhalb Sekunden für den Sprint 0 auf 200 km/h ist so atemberaubend, dass sie kaum beschrieben werden kann. Die meisten Motorradfahrer wissen jetzt, was Sache ist - aber das hier ist ja ein Personenwagen. Und deshalb gilt auch an dieser Stelle: Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Also Anker werfen. Die Beläge hinter den auffällig blauen Bremssätteln umfassen die pizzatellergroßen Keramikscheiben - das linke Pedal geht stramm, der Senna steht flugs still.

Nach dem rasanten Ausflug in die ländliche Einsamkeit heißt es jetzt, einen Gang herunterschalten und tief durchatmen. Die Siebengang-Doppelkuppler schaltet wieder sämiger und das kehlige Triebwerk wird leiser. Interessant ist, dass das Fahrwerk gar nicht durch massive Härte auffällt, auch wenn sich der schnelle Brite gefühlt wirklich keinen Millimeter neigt. Liegt womöglich am hydraulischen Wankausgleich. Und auch an anderen technischen Finessen mangelt es hier wahrlich nicht. Das Beschleunigen aus niedrigen Drehzahlen gelingt ohne zu ruckeln - also keine Rennallüren im Alltag. Auch Stadtverkehr geht gut, wenn auch naturgemäß ohne die Fahrspaß-Komponente der Landstraße. Nur der Blick aus dem Innenraum Richtung Tür nach draußen unten auf den Straßenboden durch das Guckglas (um die Ideallinie auf dem Track besser auszumachen) bereitet Schmerzen in der Seele, weil man den aufgewirbelten Steinchen live dabei zusehen kann, wie sie die breiten Schweller traktieren.

Fazit: Mit dem sündhaft teuren Sammler-Senna den Alltag bestreiten ist an sich kein Problem. Der Hypersportler lässt sich lässig entern und recht einfach auch von fahrerischen Laien bewegen, soweit die nicht anstreben, im Grenzbereich herumzubiestern. Nur bitte keinen Stauraum erwarten, die einzigen zu öffnenden Klappen sind eben die Serviceklappen. Auch für ein Handschuhfach ist definitiv kein Platz bei einem Auto, dessen Bauraum die Ingenieure alleine dem Zwecke der schnelleren Rundenzeit widmen. Dass ein Bolide wie der Senna überhaupt eine Straßenzulassung bekommt, ist ja schon ein großer Kompromiss. Zugegeben, ein charmanter.

Quelle: ntv.de

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