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Das Gesicht in der Menge Yamaha MT-10 - böser Blick aus Japan

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Die Ymaha MT-10 ist ein böse blickendes Nakedbike mit allen Vorzügen seiner Gattung.

Mit der neuen, an der Front höchst ungewöhnlich gestylten MT-10 schließt Yamaha seine MT-Baureihe nach oben ab. Das starke Naked-Bike hat das Zeug dem Fahrer nicht nur durch seinen Sound zu gefallen, dem Sozius eher nicht.

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Ganz im Sinne der Yamaha-Philosophie der leichten Beherrschbarkeit ist die MT-10 ohne große Anstrengungen fahrbar.

Wer ihr zum ersten Mal gegenübersteht, hat gar keine andere Möglichkeit, als die aggressiv-eckige Frontmaske der neuen Yamaha MT-10 als "böse" zu empfinden. Ob man diesen bösen Blick positiv empfindet oder als teuflisch abstoßend, ist Geschmackssache. Auf jeden Fall lohnt es sich einmal in den Sattel des jüngsten Nakedbikes von Yamaha zu setzen und sie ausgiebig Probe zu fahren.

Im Segment der sogenannten Hyper-Nakeds ist Yamaha mit der 160 PS starken MT-10 eher zu den Nachzüglern zu zählen: Insbesondere KTM mit der 1290 Superduke R (173 PS, 17.995 Euro) und BMW mit der S 1000 R (160 PS, 13.350 Euro) dominieren seit ihrer Präsentation 2014 den Markt, deutlich geringere Stückzahlen realisieren die Suzuki GSX-S 1000 (145 PS, 11.990 Euro), die Kawasaki Z 1000 Performance (142 PS, 12.195 Euro) und die Aprilia Tuono V4 1100 RR (175 PS, 16.490 Euro). Jetzt also Yamaha – und wer spät kommt, muss Besonderes bieten, um noch ein möglichst dickes Stück vom Kuchen abzukriegen. Die Besonderheit der MT-10 liegt nicht nur in der aggressiven Frontmaske, sondern in ihrer vom Superbike R1 abgeleiteten Motor-Technik.

Dumpf grollender Reihenvierer

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Gute Noten gibt’s für die Ablesbarkeit des monochromen Zentralinstruments.

Der sogenannte Crossplane-Vierzylinder mit 90-Grad-Hubzapfenversatz der Kurbelwelle pulsiert nämlich in einer ganz außergewöhnlichen Art: Nur wenige Triebwerke machen dermaßen an wie dieser Reihenvierer es vermag. Dumpf grollt die Edelstahl-Auspuffanlage, extrem hurtig orgeln die Kolben bei Bedarf bis an die 12.000 Umdrehungen. Natürlich liegt das Leistungsvermögen des technisch abgespeckten Motors weit unter dem des R1-Aggregats. Dort werden dank feinster Materialien und vieler technischer Kniffe bei 13.500 Umdrehungen 200 PS realisiert. Für den Landstraßenbetrieb benötigt man Spitzenleistung bei höchsten Drehzahlen nicht, dort ist satter Punch in der Drehzahlmitte gefragt: Die Leistungskurve des MT-10-Motors ist zwischen 3000 und 7500 Touren denn auch besonders kräftig. Ein kurzer Zucker mit der rechten Hand genügt, und die MT-10 schnellt nach vorne. Die Fahrmodi "Standard" und "A" (verschärfte Gasannahme) passen prima, "B" bringt als "crazy mode" nur den Vorteil seiner Existenz. Immer wird volle Leistung geliefert.

Ganz im Sinne der Yamaha-Philosophie der leichten Beherrschbarkeit ist die mit 210 Kilogramm klassenüblich leichte MT-10 ohne große Anstrengungen fahrbar. Dabei helfen die vorderradorientierte, entspannte Sitzposition, die leichte Frontlastigkeit des Fahrzeugs selbst und die hochwertigen Federelemente, die vorne wie hinten voll einstellbar sind. Freilich ist ein wenig Tüfteln vonnöten, um das volle Potenzial des Fahrwerks auch ausschöpfen zu können, denn eine semiaktive Ansteuerung der Dämpfer hätte den Preis zu hoch getrieben. Yamaha-Käufer sind erfahrungsgemäß etwas preissensibler als beispielsweise BMW- oder KTM-Kunden. Dennoch: Note eins minus fürs MT-10-Fahrwerk mit sehr straffer Grundabstimmung. Dieselbe hohe Bewertung gebührt der vorzüglichen Dreischeiben-Bremsanlage mit fein regelndem ABS neuester Bauart von Bosch; das "minus" gibt’s wegen der nicht vorhandenen Kurvenbrems-Regelfunktion.

Kein Spaß für den Sozius

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Dumpf grollt die Edelstahl-Auspuffanlage, extrem hurtig orgeln die Kolben bei Bedarf bis an die 12.000 Umdrehungen.

Insgesamt ist die MT-10 ein formidables Mitglied der Hyper-Naked-Familie. Böse an ihr ist nicht nur die Frontmaske, sondern auch die Sitzposition in der zweiten Reihe: So gut wie jede Sozia dürfte schlankweg gegen diese Art des Transports protestieren – außer sie ist eine besonders zierliche junge Dame mit Fakir-Diplom; die Positionierung der Knie auf Höhe der Fahrerohren muss man schon mögen. Wegen etwas zu kurzer Ausleger ist die Rücksicht in den Spiegeln nur knapp ausreichend, auch fehlt der MT-10 eine automatische Blinkerrückstellung. Und weil wir schon beim Meckern sind: 7 Liter Durchschnittsverbrauch bei keineswegs drehzahlgieriger Fahrweise erscheinen eher üppig, was angesichts des 17 Liter-Tanks alle 200 Kilometer zum Nachfassen zwingt.

Gute Noten dagegen gibt’s für das recht gut ablesbare, aber nur monochrome Digital-Zentralinstrument und für den serienmäßigen Tempomat, der bedienungsgünstig links am Lenker montiert ist. Positiv empfunden wird die Voll-LED-Ausstattung hinten wie vorne; optisch bedauerlich ist dabei, dass aus Kostengründen nur der linke Scheinwerfer Abblendlicht kann. Der Windschutz, für ein Nakedbike gar nicht mal schlecht, lässt sich bei Bedarf durch eine Zubehörscheibe steigern, ebenfalls nachträglich ordern muss man eine Griffheizung, eng anliegende und leicht bedienbare Textil-Gepäcktaschen sowie ein paar hübsch gemachte Accessoires, die die Wertigkeit der MT-10 deutlich zu steigern vermögen. Dazu zählt u.a. ein Quickshifter, also ein Schaltassistent, der ab Juli lieferbar sein soll.

Erfolg scheint garantiert

Mit 12.995 Euro entspricht die Preisfestsetzung der Yamaha MT-10 der Aggressivität der Frontmaske. Weil die Top-MT einerseits der seit drei Jahren gepflegten Philosophie der "dunklen Seite Japans" hundertprozentig folgt und gleichzeitig doch den japanischen Grundtugenden leichter Beherrschbarkeit, Preiswürdigkeit und Zuverlässigkeit entspricht, darf man der MT-10 trotz ihres späten Erscheinens einen beachtlichen Erfolg am Markt zutrauen. Was bedeutet, dass KTM und BMW demnächst wohl nachlegen müssen, um nicht unter die Yamaha-Räder zu kommen. Denn dass die MT-Konzeption durchschlagskräftig ist, haben MT-07 und MT-09 längst bewiesen: In den letzten 24 Monaten hat die Marke mit der Stimmgabel im Logo zusammen mit der kleinen MT-125 65.000 Stück in Europa absetzen können – mehr als jeder andere Hersteller von einer Baureihe loswerden konnte.

1000 MT-10 hat Yamaha Deutschland für die Saison 2016 von der Europazentrale zugeteilt bekommen. "Viel zu wenig!", stöhnt Geschäftsführer Jörg Breitenfeld. Was bedeutet, dass die Händler die ihnen zustehenden Fahrzeuge wohl eher verteilen können als verkaufen müssen. Probefahrten dürften unter solchen Bedingungen eher schwer zu vereinbaren sein.

Quelle: n-tv.de, hpr/sp-x

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