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McLaren 600 LT und Morgan Aero 8 Zwei durchgeknallte Briten

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Unterschiedlicher als der McLaren 600 LT und Morgan Aero 8 können Sportwagen kaum sein.

(Foto: Patrick Broich)

McLaren 600 LT und Morgan Aero 8 - klingt nach einem verrückten Auto-Paar. Was die beiden verbindet, sind Werte wie britische Individualität, Performance, Tradition und jede Menge Fahrspaß.

Was hat McLaren mit Morgan zu tun?, werden sich so manche Leser vielleicht fragen. Ganz einfach: Automobil-Enthusiasmus. Beide im Kern urbritische Hersteller sind weit davon entfernt, Alltagsfahrzeuge auf die Straße zu bringen. Beide Manufakturen spielen in der Weniger-als-5000-Fahrzeuge-Liga (pro Jahr) und ihr maßgeblicher Zweck ist: Emotionen erzeugen.

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Es ist so, als träfen sich beim McLaren 600 LT und Morgan Aero 8 Moderne und Tradition.

(Foto: Patrick Broich)

Während die 1989 gegründete Individualauto-Schmiede McLaren mit dem MP4-12C erst seit den Nullerjahren dieses Jahrhunderts nennenswerte Stückzahlen auf die Kundschaft loslässt, produziert Morgan bereits seit den Dreißigerjahren unermüdlich - wenn auch in winzigen Mengen. Und obwohl die seit einigen Wochen nicht mehr vornehmlich in Gründerhand befindliche Morgan Motor Company ihrer Tradition, Holz im Fahrzeugbau einzusetzen, treu bleibt, streben die Briten unter ihren knappen Blechkleidern modernen Automobilbau an.

Auf der Höhe der Zeit

Die Karosserieformen der Morgan-Produkte haben sich seit Gründung zwar nicht maßgeblich verändert, aber leichte Werkstoffe wie Alu, neuerdings der Einsatz von Turbomotoren und sogar der Plan, zu elektrifizieren, lassen Tradition und Moderne wie bei keiner anderen Marke miteinander verschmelzen.

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Pure Performance verspricht das Cockpit des McLaren 600 LT.

(Foto: Patrick Broich)

McLaren ist natürlich ebenfalls auf der Höhe der Zeit. Hier stehen die Zeichen allerdings auf extremer Performance und damit die Insel-Racer maximal schnell werden, spielt vor allem Leichtbau eine große Rolle. Dass der LT 600 trocken nur 1,2 Tonnen auf die Waage bringt, ist dem großzügigen Einsatz von Carbon zu verdanken. Der Supersportler mit Kohlefaser-Monocoque fordert seine Passagiere im Alltag zwar bereits mit dem Einstieg körperlich, belohnt dafür aber mit hoher Aufmerksamkeit seitens der Passanten. Es muss übrigens nicht immer der Track sein, auch einsame Landstraßen sind für den unfassbar schnellen Briten eine dankbare Spielwiese.

Morgen mit dunklem Timbre

Der Vergleichspartner Morgan hat schon zehn Jahre auf dem Buckel und ist zwar nicht unfassbar, aber noch immer ziemlich schnell. Grund für den Altersunterschied: Morgans brandneues Performance-Modell Plus Six wird erst noch ausgeliefert gegen Ende dieses Jahres, und der Aero Acht war der bisherige Straßenkracher. Also, ab hinters Steuer des Rechtslenkers und mal schauen, was hier geht.

Das Entern ist zwar mit Überwindung des superbreiten Schwellers verbunden, erfordert aber nicht ganz so viel sportlichen Einsatz wie beim Mega-Performer aus dem südenglischen Woking. Man sitzt ein bisschen kuschelig, aber die Mundwinkel zeigen nach oben. Und sie bleiben oben - vor allem, wenn der großvolumige Achtzylinder, eine Gabe aus dem BMW-Regal, zum Leben erweckt wird. Dann ertönen bassige V8-Klänge, und man ahnt schon anhand der Akustik, was da kommen könnte. Die Leihgabe ist mit manuellem Sechsgang-Schaltgetriebe ausgestattet (es existieren auch Varianten mit Sechsgang-Wandlerautomatik), das hier mit der linken Hand bedient werden muss - nach einer kurzen Eingewöhnung geht es schon.

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Auf gediegenen Purismus setzt man im Morgan Aero 8.

(Foto: Patrick Broich)

Tritt auf das stramme Kupplungspedal, der Erste geht etwas knochig rein, passt aber. Losrollen und auf freie Straßen warten, bestenfalls Landstraße. Der rechte Fuß wippt nervös, jetzt darf der moderne Retrobrite endlich: Schon verrückt, wie mächtig der Achtender das skurrile Gefährt bereits tief aus dem Drehzahlkeller heraus anschiebt und die Ohren mit dunklem Timbre massiert. Während das Pedal tiefer rutscht, strapaziert die 4,4 Liter große und 367 PS starke Maschine die Nackenmuskeln (viereinhalb Sekunden bis 100 Sachen, Topspeed mehr als 250 km/h).

Zur Erinnerung: Der Exot aus dem 30.000 Einwohner-Städtchen Malvern wiegt ebenfalls nur 1,2 Tonnen, was den extremen Vortrieb erklärt. Okay, aber bitte nicht übertreiben mit dem wertvollen fahrbaren Untersatz, der bei schnell gefahrenen Kurven ein wenig knarzt – etwa so wie ein Holzhaus bei Sturm. Schlimm? Eher witzig, der Morgan ist ein begehrenswertes Charakter-Auto – als Aero 8 mit gefälliger Stromlinien-Schnauze in der historischen Grundform.

Zwei Wimpernschläge bis 200

Zurück zum orangenen Racer. Ein bisschen sportlich verrenken, schon sitzt man hinter dem leicht unrunden Alcantara-Lenkrad. Die Hände schwitzen ein wenig, der hochgezüchtete Flatplane-V8 mit 3,8 Litern und satten 600 PS bollert nicht, sondern sirrt nach Drücken des Startknopfs fast los. Sound hat der 600 LT wahrlich, aber er macht irgendwie kein Bohei um seine nahezu ballistischen Beschleunigungswerte. Ein großes deutsches Automagazin hat neulich gemessen, dass der Bolide binnen 8,9 Sekunden von 0 auf 200 km/h beschleunigt. Bämm.

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Am Ende sind die beiden Briten echte Sonntagsautos.

(Foto: Patrick Broich)

Und auch die Eile, die der Hecktriebler mit den satt klebenden 285er Walzen auf der Hinterachse in Kurven vorlegt, dürfte normalsterblichen Autofahrern ein flaues Gefühl im Magen bereiten. Man kann aber auch mit Tempomat und Richtgeschwindigkeit von Köln nach Berlin rollen, ohne brutal durchgeschüttelt zu werden, und es passt sogar eine Tasche mit den Klamotten, die zwei Personen für einen Wochenendausflug benötigen, in den vorn liegenden Kofferraum.

Morgan Aero 8 oder McLaren 600 LT? Ist eine Frage des Charakters und natürlich des Geldbeutels. Beide urbritischen Athleten gehören der Kategorie "Sonntagsauto" an - vom 600 LT kann man sagen, dass er für rund 230.000 Euro verdammt viel Performance liefert. Der Aero 8, den es in den einschlägigen Börsen für Kurse zwischen 60.000 und 200.000 Euro (je nach Baujahr, Laufleistung und Farbe) gibt, ist ein rares Enthusiasten-Auto für einen entspannten Nachmittagsausflug mit äußerst performanten Zügen. Wie wäre es einfach mit beiden Kandidaten? Ein schönes Pärchen geben sie jedenfalls ab.

Quelle: n-tv.de

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