Praxistest

BMW X6 M50 d dreifach aufgeladen Wuchtbrumme weckt die Sinne

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Trotz 20-Zoll-Fahrwerk bleibt der Komfort beim X6 M50 d nicht auf der Strecke.

(Foto: Axel F. Busse)

Wo soll das enden? Gewaltige 381 PS leistet der neue Dreifachturbo-Dieselmotor von BMW, Weltrekord für einen Pkw-Sechszylinder. Da kann der Buchstabe "M" nicht länger den Benzinern der Marke vorbehalten bleiben, wie der n-tv.de-Praxistest belegt.

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Die Sicht nach hinten ist mäßig, eine Rückfahrkamera wird hier zum nützlichen Extra.

(Foto: Axel F. Busse)

Seit Jahren liefern sich BMW und Audi einen erbitterten Kampf um die Frage: "Wer kann am besten Diesel?" Bei den Dreiliter-Aggregaten haben sich die Ingolstädter auf eine V-Anordnung der Zylinder festgelegt, die Münchner auf einen Reihenmotor. Mit ihrer neuesten Maschine haben die Blau-Weißen aber wieder souverän vorgelegt. Bi-Turbo reicht nicht mehr, jetzt sorgen drei Lader für Druck. Außer in der 5er-Baureihe wird der Motor noch im X5 und X6 angeboten, in diesem Test wird dem SUV-Coupé gründlich auf den Zahn gefühlt.

Zwar wird ab Januar der neueste Porsche Cayenne Diesel den X6 um genau eine Pferdestärke überflügeln, aber dort kommt ein V8 mit 4,2 Litern Hubraum zum Einsatz, so dass BMW sein Alleinstellungsmerkmal behält. Obwohl der X6 sich bei seiner Vorstellung 2008 ob der ungewöhnlichen Karosserieform in Deutschland etwas schwer tat ("Sowas braucht doch kein Mensch"), hat er sich inzwischen etabliert und wurde hierzulande im vierten Jahr seit Markteinführung mehr als 3300-mal neu zugelassen. Das ist gegenüber dem Vergleichszeitraum 2011 sogar ein leichter Zuwachs. Mehr als 90 Prozent der X6-Modelle werden in Deutschland mit Dieselmotor ausgeliefert.

Dreifache Aufladung bringt bärigen Durchzug

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Kraft (fast) ohne Ende: Der Sechszylinder-Diesel bietet 381 PS.

(Foto: Axel F. Busse)

In dem weltweit ersten Dreifach-Turbo arbeiten zwei vergleichsweise kleine Hochdrucklader mit einem größeren Niederdrucksystem zusammen. Im niedertourigen Bereich knapp oberhalb der Leerlaufdrehzahl wird zunächst einer der beiden kleinen Lader aktiv. Aufgrund seines geringen Trägheitsmoments reagiert er nahezu verzögerungsfrei auf kleinste Bewegungen des Gaspedals und versorgt die Brennräume so bereits frühzeitig mit komprimierter Luft. Im weiteren Verlauf erreicht der Abgasstrom auch den großen Turbolader, der bei einer Motordrehzahl von 1500 U/min spürbar in Aktion tritt. Gemeinsam mit dem kleinen Lader sorgt er bereits bei dieser Drehzahl dafür, dass das überragende Drehmoment von 740 Newtonmetern bis in den Bereich von 3000 U/min konstant gehalten wird. Wer in lastfreien Rollpassagen das Gas ein wenig antippt, kann an einem leisen Pfeifton den Einsatz der Lader-Turbinen erkennen.

Doch die leisen Töne sind eher selten. Passend zu sportwagenähnlichem Anschub (5,3 Sekunden von null auf hundert), halten Motor und Abgasanlage ein enormes Klangpotenzial bereit. Nur wenig bleibt von einer diesel-typischen Akustik, eher erinnert der volle Bass an einen großvolumigen Otto-Motor. Die sinnliche Erfahrung unwiderstehlicher Durchzugskraft, gepaart mit dem sonor volltönenden Sound eines vermeintlichen Achtzylinders, vervollständigen das stimmige Bild eines Produkts mit dem "M"-Qualitätssiegel.

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Mit dem SUV-Coupé X6 betrat BMW 2008 konzeptionelles Neuland.

(Foto: Axel F. Busse)

Die geschmeidige und effizienzsteigernde ZF-Achtgangautomatik verzichtet beim X6 M50d auf ihre Fähigkeit, mittels Start-Stopp-Automatik an der Ampel Sprit zu sparen. Ihr Schaltkomfort ist so souverän, dass man sich für die dynamische Performance noch eine Zusatzfunktion im sportlichen Modus wünscht: eine künstliche Schaltpause mit wuchtigem Einkuppeln als Sahnehäubchen auf diesem Hochleistungs-Menü. Der unwiderstehliche Zug zum Horizont endet erst mit dem Anschlag der Tachonadel am Ende des Zahlenrunds. "260" steht da und die satte Präsenz dieser Wuchtbrumme auf der Straße lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie noch mehr könnte, wenn man sie denn ließe. Gemessen an Leistungspotenzial und Gewicht des Fahrzeugs ist ein Testverbrauch von 9,5 Litern je 100 Kilometer mehr als respektabel.

Beschleunigung fürs einzelne Rad

Im Gegensatz zu Wettbewerbern vom Schlage eines Range Rover Sport bedient der X6 nicht den Ehrgeiz, in die entlegensten Winkel der Wildnis vorzudringen. Die Bodenfreiheit von 21 Zentimetern lässt zwar Ausflüge in Wald und Feld zu, doch gibt es keine Gelände-Ausstattung wie etwa sperrbare Differenziale oder Getriebeuntersetzung. Das bewährte Allradsystem bietet jedoch eine Reihe von Vorzügen, die bei regennasser Fahrbahn, bei Schnee- oder Reifglätte sicheres Fortkommen gewährleisten.

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Schwarz gleich sportlich: Nach dieser Gleichung war das Testwagen-Interieur gestaltet.

(Foto: Axel F. Busse)

Die von BMW Dynamic Performance Control (DPC) genannte Regel-Elektronik tut zur Stabilisierung des Fahrzeugs vereinfacht gesagt genau das Gegenteil von dem, was ein herkömmliches Stabilitäts-Programm tut. Während die ESP-Schleuderbremse einzelne Räder gezielt abbremsen kann, um ein Ausbrechen zu verhindern, kann DPC mehr Drehmoment wahlweise auf das rechte oder linke Hinterrad leiten. Eher dem Unterhaltungssektor zuzurechnen ist das zusätzliche Display, das den Fahrer über die Arbeit der DPC informieren soll. Die Drehmomentverteilung an der Hinterachse wird anhand von Leuchtbalken im Kombi-Instrument angezeigt. Das Fahrwerk ist komfortabel genug abgestimmt und die auf 20-Zoll-Felgen gezogenen 275er-Walzen (hinten 315er) lassen keine unnötige Härte spüren. Allerdings sollte zugunsten von mehr Handlichkeit die Lenkunterstützung bei geringem Tempo größer sein.

Der appetitlichste Teil des X6 M50d liegt sauber verpackt unter einer ausladenden Haube und wiegt knapp 220 Kilogramm. Es ist der Reihen-Sechszylinder mit drei Litern Hubraum, der schon mit 286 PS alles andere als schwachbrüstig war. Nun also fast 100 Pferdchen mehr dank eines ausgeklügelten Systems aus Verdichtern, Leitungen, Kühlern und Rohren. Das koordinierte Zusammenwirken von Turboladern unterschiedlicher Größe ermöglicht spontanes Ansprechverhalten bei niedrigen Drehzahlen und eine bedarfsgerechte Steigerung des Ladedrucks in höheren Lastbereichen.

Fünf Sitze nur auf Wunsch gegen Bares

Da der vordere Bereich der Kabine weitgehend dem X5 entspricht, gibt es am Platzangebot nichts zu meckern. Wer hinten Platz nehmen muss, sitzt auch nicht auf schlechten Polstern, vor allem, wenn die Sitzheizung für den Fond (plus 380 Euro) vorhanden ist. Die Beinfreiheit ist ausreichend, alles andere wäre bei einem Radstand von mehr als 2,90 Metern auch eine Enttäuschung. Wer aber größer als 1,80 Meter ist, kann schon mal leicht den Dachhimmel touchieren – eine Folge des coupéhaft stark abfallenden Karosseriedaches und ein Hinweis darauf, dass bei häufiger Auslastung der hinteren Sitze durch Erwachsene vielleicht doch der X5 die bessere Alternative ist. Die rückwärtigen Kopfstützen sind nicht beweglich, ein Sonderfall in dieser Preisklasse. Außerdem ist der X6 nur als Viersitzer ausgelegt. Dort, wo sonst der Mittelplatz ist, prangt eine verschließbare Ablage in zugegebenermaßen edel eingefasster Aufmachung. Auf Wunsch ist das Fahrzeug auch als Fünfsitzer lieferbar, das kostet aber 330 Euro extra.

Ab Werk liefert BMW beim X6 M 50d mit einer Reihe sinnvoller Extras, so zum Beispiel der automatischen Heckklappenbetätigung und – was bemerkenswert ist – dem Navigationssystem Professional. Von Extrakosten frei sind darüber hinaus der automatisch abblendende Innenspiegel, die elektrische Sitzheizung und -verstellung inklusive Memory sowie die Scheinwerfer-Waschanlage. Wegen der eingeschränkten Sicht nach hinten ist eine Rückfahrkamera empfehlenswert. Der Bordcomputer errechnet mit ihrer Hilfe die sogenannte Top-View-Funktion, die das Fahrzeug aus der Vogelperspektive darstellt. Für sie werden 700 Euro berechnet.

Zu den gern bestellten Sonderausstattungen gehört das Head-Up-Display, das Fahrzeug- und Routeninformationen in die Frontscheibe projiziert. Für 320 Euro extra kann man sich dort zusätzlich über Tempo-Beschränkungen informieren lassen. Oder man legt das Geld auf die hohe Kante und bezahlt daraus die Strafmandate, wenn man sich zu sehr auf die Anzeige verlassen hat. Die kamerabasierte Erfassung von Speed-Limits ist, so belegten die Testfahrten gleich mehrfach, nämlich leider nicht so zuverlässig, wie man sie sich wünschte. Außerdem fehlt ihr die Fähigkeit, Zusatzschilder wie etwa "bei Nässe" oder zeitliche Einschränkungen zu erkennen. Das System entbindet natürlich keinesfalls von der Pflicht, die Schilder konzentriert im Auge zu behalten.

Fazit: Fahrspaß, dein Name sei Diesel. Selten ist es besser geglückt, das souveräne Fahrgefühl eines SUV mit sportlicher Leistung und überschaubarem Verbrauch zu verknüpfen. Auch wenn sich in diesem Test der Spritkonsum um fast zwei Liter vom Normwert entfernte – für einen Zweitonner mit dem Sprintvermögen eines Zweisitzers ist das auf alle Fälle vertretbar. Die Freude am X6 M50d wird nur durch eine Tatsache getrübt: Mn muss ihn sich erst mal leisten können. Mit ein paar Annehmlichkeiten und Assistenz-Systemen ist schnell eine sechsstellige Summe zusammen.

DATENBLATTBMW X6 M50 d
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,88/ 1,98/ 1,69 m
Radstand2,93 m
Leergewicht (DIN)2225 kg
Sitzplätze4
Ladevolumen507/1450 Liter
EmissionsklasseEU 5
Motor/HubraumSechszylinder-Dieselmotor mit 3-fach Turboaufladung und 2993 ccm Hubraum
GetriebeAchtgang-Automatikgetriebe
Leistung381 PS (280 kW) bei 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
max. Drehmoment740 Nm ab 4000 U/min
Tankinhalt85 l
Beschleunigung 0-100 km/h5,3 s
Normverbrauch NEFTZ gesamt7,0 - 9,0 l
Testverbrauch9,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
204 g/km
Grundpreis86.400,00 Euro
Preis des Testwagens108.380,00 Euro

Quelle: n-tv.de

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