Praxistest

Abstand zur Konkurrenz verringert? Der Focus, der vorausdenkt

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Mit der dynamisch gestalteten Frontpartie könnte der Focus Punkte bei potenziellen Käufern sammeln.

(Foto: Busse/Textfabrik)

Ist das noch ein Facelift oder schon ein ganz neues Auto? Unstrittig ist, dass Ford eine Menge Geld und Gehirnschmalz in den Focus des Modelljahres 2015 gesteckt hat, um den Abstand zum deutschen Kompakt-Bestseller, dem Golf, zu verringern. Mit welchem Ergebnis, klärt der n-tv.de Praxistest.

Eine dynamisch gestaltete Frontpartie, schadstoffarme Motoren, radikale Innenraum-Renovierung – Ford hat sich mit dem neuen Focus viel Mühe gegeben. Der Erfolg gibt den Kölnern Recht: Der "ewige Dritte" auf dem deutschen Markt hat im vergangenen Jahr bereits die Absatzzahlen des Opel Astra übertroffen und lag auch in den ersten beiden Monaten dieses Jahres vor dem Erzrivalen aus Rüsselsheim. Das aktuelle Auto stützt die Vermutung, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird.

Ob man sich angesichts des neuen Kühlergrills eher an Aston Martin oder an den kleineren Bruder Fiesta erinnert fühlt, liegt im Auge des Betrachters. Jedenfalls ist die sportlich und aggressiv gestaltete Schnauze ein Hingucker, die flache, gestreckte Linienführung lässt ihn länger als die Hauptkonkurrenten erscheinen, und das, obwohl er tatsächlich noch drei Zentimeter höher ist als zum Beispiel der Golf. Die weit in die hinteren Kotflügel hinein gezogenen Rückleuchtengläser strecken zusätzlich die elegante Optik. Die schmalen Fenster und das rundliche Heck fordern aber Tribut in Gestalt eingeschränkter Übersichtlichkeit.

Cockpit radikal entschlackt

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Die Ladeluke ist innen 95 Zentimeter breit, die Kante 67 Zentimeter hoch.

(Foto: Busse/Textfabrik)

Etwa 40 Prozent der in Deutschland verkauften Focus-Modelle werden mit einem Diesel-Motor bestellt, weshalb für diesen Test der mutmaßlich meistgefragte Benziner gewählt wurde. Der aufgeladene Vierzylinder hat 150 PS, wer mehr Power braucht, kann dieses Aggregat auch mit 182 PS bekommen. Insgesamt stehen fünf Benzin-, ein LPG- und vier Dieselmotoren zur Auswahl. Die Zuteilung der Antriebskraft auf die Vorderräder übernahm beim Testwagen eine Sechsgang-Handschaltung, als Alternative bietet Ford eine sechsgängige Direktschalt-Automatik für 750 Euro Aufpreis an. Insgesamt sind 14 Antriebsvarianten darstellbar.

Eine angenehme Überraschung offenbart sich nach dem Öffnen der vorderen Türen. Das Cockpit wurde radikal überarbeitet und vom Ballast der mit Knöpfen und Schaltern überladenen Mittelkonsole befreit. Bald schon nah der Einführung der von den ersten Mobiltelefonen inspirierten Bedienlogik hatte sich dies als Irrweg heraus gestellt und Ford hatte dafür viel Kritik einstecken müssen. Oft war das Schalter-Wirrwarr noch mit einem viel zu kleinen und weit von Fahrer oder Fahrerin entfernten Monitor garniert. Auch dem konnte abgeholfen werden. Jetzt wird über eine acht Zoll große Touchscreen informiert und navigiert. Nur wer sich in einem früheren Ford-Modell mit Eingabeversuchen abgeplagt hat, kann den großen Fortschritt ermessen, der mit dieser Änderung verbunden ist.

Der Vorzug warmer Hände

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Die Entschlackungskur hat dem Focus-Cockpit gut getan.

(Foto: Ford)

Bei einer Sommer-Testfahrt würde wohl niemand auf die Idee kommen, das Vorhandensein einer Lenkradheizung zu würdigen. Zwischen November und Februar ist das etwas anders. Lobenswert ist zudem, dass den Kunden die Wahl bleibt, ob sie nur die Lenkradheizung (+190 Euro) oder das Winterpaket inklusive heizbarer Frontscheibe und Vordersitze (+500 Euro) haben möchten. Bekanntlich werden sinnvolle Sonderausstattungen oft nur im Paket angeboten und sind einzeln nicht erhältlich. Das Business-Paket, im Testwagen für 900 Euro extra verbaut, umfasst den Einparkassistenten für Längs- und Quertaschen, das Navisystem sowie Parksensoren an Bug und Heck – ein keineswegs überteuertes Angebot.

Eine Wahl gibt es für die Kunden zudem beim Kofferraumvolumen. Dann nämlich, wenn statt eines vollwertigen Ersatzreifens lieber ein Reparaturset geliefert bekommen möchte. Der Unterschied zwischen beiden Konfigurationen beträgt nämlich 86 Liter, so dass im Falle des Reparatursets zwischen 363 und 1262 Liter (bei umgeklappter Rückbank) zur Verfügung stehen. Wenn nur die Vordersitze gebraucht werden, kann ein 1,50 Meter tiefer Gepäckraum genutzt werden, der über eine 67 Zentimeter hohe Kante zu beladen ist. Rund 15 cm Absatz hinter der Kante sind nicht ganz zu erfreulich, dafür ist die Fläche nahezu eben, nur steigt sie zu den Vordersitzen hin leicht an. Unter der geöffneten Heckklappe kann man bis 1,88 Meter Körpergröße bequem stehen, ohne eine Kopfnuss zu riskieren. Die Beinfreiheit für die hinteren Passagiere ist nicht üppig, aber ausreichend. Die Titanium-Ausstattung, die regelmäßig von mehr als der Hälfte der Kunden verlangt wird, bietet ab Werk für die hinteren Fahrgäste elektrische Fensterheber.

Gefahren gar nicht entstehen lassen

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Das Touchsreen-Navigationssystem ist Teil eines Business-Pakets für 900 Euro.

(Foto: Ford)

Im Fahrbetrieb zeichnet sich der 1,5-Liter-Motor durch eine kurze Aufwärmphase, ruhigen kultivierten Lauf und geringe Geräuschentwicklung aus. Dass man im Innenraum so wenig von der Schallentwicklung draußen mitbekommt, liegt nicht zuletzt an den aufwändigen Dämmungen, von denen die Insassen umgeben sind. Zwar ist der 5-türige Focus mit 1323 Kilogramm Leegewicht relativ schlank geraten, an den Türen ist das jedoch nicht zu erkennen. Die erscheinen recht schwer und sind mit dem gewohnten Kraftaufwand nur selten zuverlässig ins Schloss zu befördern.

Dank 240 Newtonmeter Drehmoment (die stärkere Version hat davon auch nicht mehr) tritt der Focus temperamentvoll und agil auf. Gemeinsam mit einer verbesserten Lenkpräzision vermittelt der Wagen ein aktives Fahrerlebnis. Federungs- und Abrollkomfort zeigten keine Auffälligkeiten. Da der sechste Gang für den 1,5-Liter-Benziner noch länger übersetzt ist als beim Schwestermodell mit Dieselmotor bleiben die Drehzahlen bei Überlandfahrt angenehm niedrig. Der Einfluss dieser Tatsache auf den Verbrauch blieb jedoch gering. Der Testwagen genehmigte sich im Schnitt 1,3 Liter mehr als nach EU-Norm vorgesehen.

Zu den augenfälligen Neuerungen innen und außen kommt noch eine nicht sichtbare Innovation, der Ford das Kürzel ETS verliehen hat. In der Langform bedeutet dies "Enhanced Transitional Stability" und bezeichnet eine erweiterte Regelungselektronik für die Fahrstabilität. Das sattsam bekannte ESP reagiert bekanntlich in Sekundenbruchteilen auf Schlupf und andere negative Dynamik-Parameter. Das ETS will mehr, will voraus denken. "ETS erkennt kritische Situationen bereits, wenn sie sich anbahnen – und kann geeignete Präventionsmaßnahmen so früh wie noch nie ergreifen, damit der Fahrer stets die Kontrolle über sein Auto behält", erläutert Norbert Kessing, Leiter Fahrdynamik bei Ford.

ETS überwacht kontinuierlich die Sensormeldungen zu aktuellem Tempo, Lenkwinkel und Lenkgeschwindigkeit. Identifiziert das System im Abgleich mit definierten Kennfeldern eine Situation, die zu einem instabilen Fahrverhalten führen könnte, bremst es über das ESP einzelne Räder gezielt ab – und kann auf diese Weise oftmals verhindern, dass ein Gefahrenmoment überhaupt entsteht. "Dies verbessert die Sicherheit und den Fahrkomfort für alle Mitreisenden spürbar", sagt Norbert Kessing.

Fazit: Vielseitig, unkompliziert, praktisch – so soll ein Kompakter sein. Wenn dann noch die nötige Portion Fahrdynamik dazu kommt, ist das Paket geschnürt. Der neue Focus ist zu Recht der zweitbeliebteste Kompakte in Deutschland geworden, gravierende Schwächen der Vergangenheit sind ausgemerzt. Nur eines wird man ihm auch in Zukunft nicht bescheinigen können: Dass er hierzulande ernsthaft an der Vormachtstellung des Golfs kratzen würde.

DATENBLATTFord Focus 1.5 Eco Boost Titanium
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,36/ 1,82/ 1,48 m
Radstand2,64 m
Leergewicht (DIN)1322 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen363 / 1262 Liter
MotorVierzylinder-Reihenmotor mit 1499 ccm Hubraum und Turboaufladung
Getriebe6-Gang Handschaltung
Leistung110 kW/150 PS
KraftstoffartBenzin
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit210 km/h
Tankvolumen55 Liter
max. Drehmoment240 Nm bei 1600 - 4000 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,9 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,6 / 7,0 / 5,5 l
Testverbrauch6,8 l
CO2-Emission127 g/km
Grundpreis24.210 Euro
Preis des Testwagens30.530,00 Euro

Quelle: ntv.de